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Die Stasi-Brille

Am Sonntag in Potsdam in der Toilette eines Cafés ein Schild mit der Aufschrift: “Dieses WC wird videoüberwacht, zu Ihrer eigenen Sicherheit.” Das Schild hing in einer dunklen Ecke und fiel erst beim Verlassen des Raumes auf. Nirgends eine Kamera. Dennoch Protest darüber an der Theke eingelegt. Der Kellner antwortete nur lapidar, es sei der erste April. Liefe ich nicht wieder einmal mit der Stasi-Brille durch die Stadt, wäre ich mit der Erklärung zufrieden gewesen. Angesichts der Stasi-Brille aber Zweifel. Wer sich einen solchen April-Scherz einfallen lässt, muss einige Fantasie haben. Also doch eine Kamera im Seifenspender in dieser Potsdamer Toilette? In der künstlichen Blume auf dem Spiegelschrank? Video-Überwachung – ob real oder tatsächlich als Scherz gedacht – das erinnerte verdammt an Stasi-Methoden.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat Anfang 2007 einen Dokumentarfilm über die Ziele des totalitären Überwachungsstaats DDR und die Methoden seines Geheimdienstapparates herausgegeben. Ob Mitschnitte zu einer Oppositionellen-Kundgebung oder geheime Fotografien von Begräbnissen – viele der Bilder übersteigen jede Vorstellungskraft. Interessant an dem bpb-Film: Die Original-Fotos und Videos der Stasi aus dem Archiv der Birthler-Behörde wurden mitunter so aufbereitet, als befände sich der Betrachter selbst für das MfS hinter der Kamera.

“Die Täter sind unter uns”

Jagd auf den Klassenfeind Schulter an Schulter mit den Funktionären. Wenn diese heimlich Aufnahmen von einem Geschäftsmann aus dem Westen machen, klingt das so:

O-Ton: “… der sieht so richtig aus wie ein Kapitalist, so ein richtig fetter Unternehmer.” O-Ton: “Ach, das fette Schwein, guck dir den doch mal an … ein richtiger Mastbulle!”

Der Inhaber des Potsdamer Stasi-Cafés wirkte ebenfalls massig – wenig verwunderlich eigentlich: Der Preis für den Tee war schon kapitalistisch-kapitalistisch. Wahrscheinlich ist an Hubertus Knabes Abrechnung mit den Tätern der DDR-Diktatur etwas dran: In seinem neuen Buch Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur vertritt der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen die These, dass sich viele ehemalige Funktionäre gut mit den Verhältnissen in der BRD arrangiert hätten. Kaum jemand stoße sich ernsthaft am Geschichtsrevisionismus und an den dicken Renten der Täter, während die Opfer des DDR-Regimes weitgehend leer ausgingen.In Potsdam war Knabes Buch dann auch ausverkauft. Also doch nicht alles so Schwarz-Weiß in der brandenburgischen Landeshauptstadt?

Kleiner Nachtrag: Ende März hat im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung “Parteidiktatur und Alltag in der DDR” eröffnet. Link hier. Außerdem erinnert die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit einer Ausstellung an den Wissenschaftler und DDR-Widerstandskämpfer Robert Havemann.

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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
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  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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