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In einem Blockbuster-Kino erwachsen werden

Jugendweihe in Friedrichshain - Foto: Anne Onken
14 Jahre alt und vor einem großen Moment: 58 Jugendliche rauschen in einen Kinosaal an der Landsberger Allee. Sie stecken in ihren besten Klamotten und setzen sich aufgeregt in die ersten Reihen – vor ihre Eltern, Geschwister, Onkel und Omas. Hier läuft heute kein Blockbuster, obwohl die Schüler auf der Leinwand zu neuen Jedi-Rittern gekürt werden. Hier werden in Spielfilmlänge Erwachsene aus Kindern gemacht.

Ich hatte die Jugendweihe schon als Teil der Zeitgeschichte betrachtet, bis mir beim Anstehen in einem Postamt 22 verschiedene Glückwunschkarten zur Jugendweihe auffielen. Typisch für diesen Rentnerkiez, wo nicht nur Ost-Regale, sondern auch Traditionen an Kinder und Enkel weitergegeben werden, dachte ich. Dann habe ich im Vorbeigehen näher hingehört, wenn Halbwüchsige in der Nähe waren. Und siehe da, Kinder in Friedrichshain unterhalten sich über Geschenke zur Jugendweihe. Während sich die halbe Stadt über die Sitten der Zugezogenen beklagt, lebt ein altes Ritual in den Shopping-Malls von Friedrichshain, Mitte und Marzahn fort: Die ganze Familie beklatscht ihren Nachwuchs an geschichtslosen Orten der Illusion: Filmpaläste und Einkaufscenter sind die Kirchen des Ostens.

Im Arbeiter- und Bauernstaat war die Jugendweihe als Ersatz für Konfirmation und Firmung fast verpflichtend. Auch nach der Wende hielt sich das Ritual, erst in den vergangenen Jahren sind die Zahlen rückläufig. Den Eintritt in die Welt der Erwachsenen feiern die meisten Berliner inzwischen weder in der Kirche noch in humanistischen Verbänden. Sie wechseln sang- und klanglos ins andere Lager. Das ist nicht schlimm, denn wahrscheinlich sind andere Momente wichtiger als dieser Auftritt in schlecht sitzenden Klamotten.

Wann werden wir erwachsen? Vielleicht bei dem Triumph, als der Kassierer die Wodka-Flasche über den Scanner zieht und nicht mehr nach dem Ausweis fragt. Oder auf der Veranda übereinander. Es könnte auch das Gefühl sein, nach Jahren einen Song von damals wieder zu entdecken. Irgendwo ist da ein Bruch, der oft erst spät bewusst wird. Schade nur um die Geschenke der Konfirmierten und Geweihten.

“Was bedeutet Dir die Jugendweihe?”, fragt der schwitzende Show-Moderator. Stille in der UCI-Kinowelt, keiner der verlegenen Jung-Erwachsenen weiß eine Antwort. Vielleicht ist das die Wahrheit über ein sinnentleertes Ritual, für das die Eltern 116 Euro bezahlt haben. Vielleicht ist es aber auch nur eine blöde Frage für 14-Jährige, die auf dieses Ereignis nicht vorbereitet wurden.

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4 Kommentare zu “In einem Blockbuster-Kino erwachsen werden”



  • Ist klar das ein Ex-Wessi dieses Ritual nicht versteht.

    Diese Veranstaltung ist exakt das gleiche wie eine Konfirmation.
    Nur ohne diesen ganzen Kirchenquatsch.

    Mit genau Ihren Argumenten könnte man Fragen was soll eine Konfirmation bedeuten? Mehr? Wohl eher nicht.


  • Nee, die meisten können sicher nicht beantworten, was eine Konfirmation soll. Formal: Ein vollwertiges Gemeindemitglied zu sein, das am Abendmahl teilnehmen darf. Wer getauft wurde, ist nciht zwangsläufig religiös erzogen worden. Im Konfirmationsunterriht kriegt man dann Werte vermittelt, die eh menschlich sind. Spricht über soziale Probleme etc. Die meisten nehmen wahrscheinlich wegen der Geschenke teil – habe ich auch. Aber ich hab dafür auch ein 1,5 Jahre jeden Dienstag Konfirmationsunterricht besucht.
    Aber so eine Veranstaltung in einem Blockbuster-Kino mutet schon ganz schön kapitalistisch, mit Verlaub. RTL mal live.
    Die Geschenke seien den Kids gegönnt. Vielleicht müsste man einfach in einem bestimmten Alter Geschenke verteilen, dann erübrigen sich solche Veranstaltungen von selbst.

    MfG Nina


  • Von meinem Jugendweihegeschenk konnte ich mir meinen ersten PC kaufen und was hab ich nun davon? Nächtelanges Zocken, Informatikstudium und nun nen krummen Rücken, Nackenschmerzen und nen unkreativen Job. Blöde Jugendweihe :P


  • Vielleicht geht es aber auch einfach nur um ein uraltes Ritual. Ob nun in einem Blockbuster-Kino (in der DDR gab es keine “Blockbuster”), im Friedrichstadtpalast (ja, das wird auch angeboten. Ist nur leider doppelt so teuer), bei der Bar Mizva oder in der Kirche: Es geht darum, einen jungen Menschen zeremoniell in den Kreis der Erwachsenen aufzunehmen. Rituale machen Menschen Spaß und sie fühlen sich zusammengehörig dabei. Sollte egal sein, wie das am Ende aussieht. “Erwachsenwerden durch Vorhautamputation” möchte ich mal in deinem Blog lesen. Mal sehen, was das für Kommentare gäbe… So viel Fremdenhass, unglaublich!

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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
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