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Die Schergen sind überall

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“Schergen, überall Schergen. Sie sind hinter mir her, sie wollen mich manipulieren.” Verstohlen mustert eine junge Frau, die hier Sara heißen soll, die Leser an den Holztischen in einer geisteswissenschaftlichen Zweigbibliothek der Humboldt-Universität. Ratlosigkeit beim Bibliothekspersonal: Ob sie denn schon mit der Polizei gesprochen habe?, fragt eine Mitarbeiterin.

Einige Tage später hängt an der Pinnwand vor dem Lesesaal ein Pamphlet, das die Bibliothekarin abnehmen und in den Müll werfen wird. Ein Erklärungsversuch – vielleicht der letzte einer angehenden Geisteswissenschaftlerin, die lieber Schauspielerin geworden wäre.

Wie gehen Universitäten mit psychisch kranken Studierenden wie Sara um? “Wir sind überfordert”, sagt Corinna Jäger*, die als studentische Hilfskraft in der besagten HU-Zweigbibliothek arbeitet. Nicht selten käme sie sich mit ihrer Hilfskraftstelle wie eine Sozialarbeiterin oder Laien-Psychologin vor, so die 24-Jährige. “Es gibt einige Nutzer, die nicht so funktionieren, wie man es erwarten würde. Die brauchen professionelle Hilfe.”

Das Beratungsangebot der Humboldt-Universität ist übersichtlich. Holger Walther hat sein Büro im Uni-Hauptgebäude Unter den Linden. Er ist der einzige Psychologe für 33 000 Studierende. “Wie das gehen soll?” Walther schmunzelt. Nach 13 Jahren hat er so viele Erstberatungen durchgeführt, dass er auf einige Erfahrung zurückblicken kann. Walther macht sich ein erstes Bild, erläutert Therapieansätze und verweist bei Bedarf an Kollegen. Auch die Broschüre des Studentenwerks zu Gruppenangeboten hält er bereit.

“Harte Fälle” kommen selten

Studierende wie die schizophrene Bibliotheksnutzerin seien eher die Ausnahme, sagt Walther – die “Spitze des Eisbergs”. Auf psychisch Kranke trifft man überall. In öffentlichen Räumen wimmele es geradezu von Menschen, denen man ihr Elend ansehen könne, so der Psychologe. Die Universität bildet da keine Ausnahme. Aufmerksam wird man auf diese Menschen im universitären Kontext aber nur, wenn sie direkt an ihre Umwelt appellieren. Mit Logik sei solchen Patienten nicht beizukommen, so der Psychologe. “Wenn jemand überzeugt ist, dass immer, wenn er eine öffentliche Telefonzelle nutzt, ein Taxi vorbeifährt, ist das in einer Stadt wie Berlin nicht gerade unwahrscheinlich.” Ein Fall für eine langfristige Therapie. In Walthers Sprechstunde finden diese psychisch kranken Studenten fast nie.

Die richtig harten Fälle kommen nicht freiwillig, viele seiner Besucher seien “Laufkunden”, sagt Walther. Studierende, deren Institute im Hauptgebäude angesiedelt sind. Die Berührungsängste bei kleineren Problemen scheinen über die Jahre geringer geworden zu sein. Bei Stress mit Hausarbeiten oder Prüfungsangst kommen auch Studierende, die nicht im pathologischen Sinne krank sind.

Elite-Unis brauchen umfassende psychologische Betreuung

Ob hinter diesen vermeintlich kleinen Problemen doch mehr stecken könnte, versucht Walther durch gezieltes Nachfragen herauszufinden. Es spielen immer verschiedene Faktoren mit hinein, das persönliche Umfeld, das Elternhaus. “Natürlich kann ich mir in 45 Minuten kein vollständiges Bild machen.” Er brauche daher eigentlich Unterstützung durch weitere Kollegen. Dafür hat die Humboldt-Universität aber kein Geld. “Alles eine Frage der Prioritäten”, sagt Walther. Der Umgang mit psychisch Kranken spiegele die Präferenzen der Universität wider. “Gerade wenn die HU eine Elite-Uni werden will, stellt sich die Frage nach einer Ausweitung des Beratungsangebots neu”, meint Walther. Wo höhere Ansprüche an Studierende gestellt werden, nehme der Stress zu. Das sei normal.

Sara kämpft weiter gegen die virtuellen Geister an, die sie gefangen halten. Das Pamphlet ist inzwischen in anderen geisteswissenschaftlichen Instituten aufgetaucht, ihr Fall an der Uni inzwischen bekannt.

*Name geändert

Foto: MegElizabeth

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3 Kommentare zu “Die Schergen sind überall”



  • Bei vielen Studenten hängen diese Probleme vielleicht auch mit dem Großstadtkoller zusammen. Du bist in einer Kleinstadt irgendwo in Deutschland aufgewachsen und dann gehst du zum studieren nach Berlin. Alle Bindungen sind futsch, plötzlich gibt’s nur noch WG-Suche und überall diese riesigen Bücherwände… Nur Mut also, das gibt sich oft nach einer Weile, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen!


  • wer probleme hat, wird sie in der großstadt genauso wenig los wie in der kleinstadt. da hilft nur der gang zum psychologen. 30 000 studierende und ein úni-psychologe ist wohl ein witz, oder?


  • Die Romane: 1984, Schöne neue Welt, der Film Matrix, der “Golem” usw. sind prägnante Phänomene für die Verwüstung menschlichen Geistes durch die immer gewaltiger werdenen Megametropolen.

    Überlast ist ein bestens geeignetes Instrument, mit dem Menschen auf ganz subtile Art und Weise geistig derart zerstört werden können, dass von einem Wesen nichts mehr mehr erkennbar ist und nur noch Kreaturen übrig bleiben.

    Kreaturen übrigens, wie wir sie schon in der Nazizeit als erbarmungslose, völlig emphatielose und verantwortungslose Mordmaschinen verzeichnet haben.

    Diese Entwicklung, in der Menschen als Wert negiert und zum Objekt degradiert werden, ist die Denkweise unsere heutigen Eliten charakterisierendes Phänomen.

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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
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  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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