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Monatsarchiv für Juni 2010

Fußballwetten mit Nebenwirkungen

Habe von Fußball nicht viel Ahnung, aber ich habe ihn kommen sehen, den Sieg über England. Das Wetter war einfach zu gut, die Leute in Berlin zu ausgelassen mit ihrer schwarz-rot-goldenen Kriegsbemalung im Gesicht. In Kreuzberg schossen Deutschland-Fans schon am frühen Nachmittag in die Luft – in freudiger Erwartung.

Ich hätte also für Deutschland tippen sollen, wie so viele. Am besten lägen ohnehin die, die von Fußball nicht viel verstehen, habe ich mir sagen lassen. Bei der nächsten WM tippe also auch ich Fußball-Muffel. Aus Gruppendruck. Und aus Protest gegen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Die verbreitet nämlich wirklich schlechte Laune in diesen Tagen.  So lange sich diese Wetten in einem gemäßigten Bereich bewegten, in Bürogemeinschaften und Freundeskreisen, seien Spannung und Spaß garantiert, heißt es krampfig in einer Pressemitteilung. Alles darüber hinaus sei gefährlich.

Besonders warnt die BZgA vor Live-Wetten, bei denen hohe Geldeinsätze auf Ergebnisse während des Spiels abgegeben werden. Diese Art von Wetten könnten süchtig machen, so die Leiterin der BZgA, Elisabeth Pott. Der Grund: Viele Teilnehmer neigten zu Selbstüberschätzung und würden viel mehr Geld ausgeben als zunächst geplant. Inwieweit die Zahl der Spielsüchtigen nach Fußball-Weltmeisterschaften steigt, bleibt das Geheimnis der BZgA.

Wie gut das nur alle vier Jahre Fußball-Weltmeisterschaften stattfinden. Dann ist das Suchtpotential nicht so groß. Präventiv könnte man natürlich auch nur alle sechs Jahre eine Weltmeisterschaft ausrichten.

http://www.spielen-mit-verantwortung.de

Die Fahnenfänger sind wieder unterwegs

Kollegin Annette ist sauer.  Die Redakteurin wedelt mit einer schwarz-roten Fahne, an der noch ein schmaler goldener Rand zu sehen ist. Jemand hat sich mit einem Messer oder einer Schere daran zu schaffen gemacht, als ihr Wagen “nur kurz” in Nähe des Kreuzberger Landwehrkanals parkte. Den Verlust von einem Euro mag sie verschmerzen, doch die Empörung über die Verstümmelungsaktion ist ihr anzusehen.

Ähnlich wie während der Fußball-EM vor zwei Jahren fühlen sich auch in diesen Wochen einige Gruppen am linken Rand herausgefordert. Ein “Anti-Nationaler Weltfußballverband” ruft dazu auf, aus der Jagd auf nationale Symbole im öffentlichen Raum ein Spiel zu machen. Eine Auto-Flagge bringt demnach einen Punkt,  eine schwarz-rot-goldene Perücke fünf und ein Deutschlandtrikot 15 Punkte. Auch die abgerissenen goldenen Streifen zählen mit. Der Wettbewerb ist aber offenbar selbst unter Linken umstritten, der Aufruf wurde inzwischen von der Internetplattform Indymedia und einigen Blogs gelöscht.

Nach der letzten Europameisterschaft hatten Autonome ein Band mit den erbeuteten Fahnen über die Rigaer Straße in Friedrichshain gespannt.

Anders als das Foto vermuten lässt, hat Annette den Rest ihrer Deutschlandfahne aber noch nicht weggeworfen.  Falls Deutschland am Mittwoch verliert, will sie aus Trauer die schwarz-rote Flagge schwenken. Schließlich lassen sich die Autofähnchen nicht auf Halbmast stellen. Andernfalls wird sie eine frische Fahne an den Wagen stecken,  davon gibt es schließlich genug. Daran können auch die Fahnenfänger nichts ändern.

Schlossplatz-Ikea: Billy wäre die Mehrheit sicher

Endlich Schluss mit dem Gerede vom Schlossbau! Nun, wo das Geld alle ist, wird der Platz zu einem blau-gelben Besuchermagneten. Schaut her, das Schild am Baugrund auf der Wiese steht schon: Noch 87 Tage bis zur Eröffnung der ersten deutschen Innenstadt-Filiale von Ikea. Bislang ist das nur der (Alp-)Traum der Ideen-Initiative zukunft-schlossplatz.de, die offenbar diese Fotomontage an eine Werbefläche in der Niederkirchnerstraße unweit des Abgeordnetenhauses geklebt hat.

Dabei hätte ein Volksbegehren Pro-Ikea bessere Chancen als die Rohrkrepierer Pro Tempelhof und Pro Reli. Im schmucken Hamburg plant Ikea eine Filiale in Altona. Zuerst haben Gegner frei nach Quentin Tarantino “Kill Billy!” gerufen, nun aber signalisiert ein Bürgerbegehren Zustimmung.

Die Deutschen sind ein Volk von begeisterten Selbstschraubern, was sollten sie an diesem zentralen Platz gegen ein Möbelhaus haben? Genügend Raum für einen Parkplatz ist auch vorhanden, und der Luftschloss-Architekt Franco Stella ließe sich vielleicht mit der Idee versöhnen, diese Fläche zu gestalten. Mit einer Hohenzollern-Resterampe für angemackte Billy-Regale etwa, am Rande des neuen Ikea-Ensembles.

Aber mal im Ernst: So langsam frage ich mich, warum man den Palast der Republik abgerissen hat. Das Gebäude bot zuletzt eine eindrucksvolle Kulisse für bemerkenswerte Ausstellungen. Viereinhalb Jahre nach dem Beginn des Abrisses heißt es: Kein Geld, keine Ahnung wie es weiter gehen soll und eine grüne Wiese.

P.S.: Liebe Photoshop-Grafiker Berlins, zeigt was ihr könnt und entwerft Eure Ideen für den Schlossplatz: Ein Feuchtbiotop? Ein Drive-In? Schlecker XXL?

Fotos vom Berliner Schlossplatz

Stadt der Frauen

Sie trägt ein schlichtes schwarzes Kleid und schaut stets woanders hin, wenn ich an ihr vorbeigehe. Die dunkelhaarige Frau begegnet mir häufig, in mehreren Stadtteilen hängen Plakate mit ihren Profil- oder Rückenansichten an offiziellen Werbeflächen. Keine Streetart also, sondern Werbung der dritten Art.

Eine der jüngsten und dümmsten Kampagnen dieser Kategorie in Berlin stammte von Rammstein, in diesem Fall aber handelt es sich um kaum zu entziffernde Werbung der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Die unbekannte Frau hat der Berliner Fotograf Michael Schmidt in den neunziger Jahren fotografiert, als Teil seiner Serie “Frauen”. Er findet es reizvoll, dass seine Plakate den meisten Passanten ein Rätsel bleiben. Die Bilder müssen niemanden aufklären, keinen verführen, denn schließlich fördert die Kulturstiftung des Bundes die Biennale.

Mehr unter: BerlinBiennale.de

Gauck! Mach uns den Obama!

Sie hoffen auf den Messias und kleben Gauck-Plakate: Von dem berühmten Obama-Portrait des Streetart-Künstlers Shepard Fairey gibt es jetzt eine Berliner Version. Den Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck. Der ähnelt darauf mehr einem Alien als einem Visionär, doch wichtiger ist: Menschen laufen durch Berlins Straßen und kleben diese Plakate an Schilder und Wände – wie hier in der Chausseestraße. Niemand bezahlt sie dafür, sie tun es aus Leidenschaft.

Da stimmt es traurig, dass im Unterschied zum US-Wahlkampf am 30. Juni kein Kandidat von uns gewählt werden kann. “Go for Gauck!”, heißt es auf einem Sticker, nicht “Vote for Gauck!”. Auch eine Tradition aus der Wendezeit lebt wieder auf: Ab sofort wollen Gauck-Unterstützer jeden Montag in mehreren Städten demonstrieren, in Berlin um 18 Uhr am Alexanderplatz.

Der Protest richtet sich nicht nur gegen die Regierung, die in der Kandidatenfrage rein machtpolitisch handelte. Es ist auch ganz offen der Wunsch nach einem glaubwürdigen Charakter an der Spitze unseres Staates.

Und was sagt der Kandidat? Er gehe nicht häufig ins Internet, seine Kinder würden ihm aber berichten, “was da abgeht”. Und im ZDF erzählt er: “Ich bin total verwirrt – aber auch glücklich!”

Facebook-Seite für Joachim Gauck
US-Blog: Ist Obama der Messias?

Foto-Combo: Henning Onken (links), Stefan Kloo (rechts, Lizenz Kloo: Creative Commens 2.0 Generic)

Fotoblogger sucht Alltagsberliner

Florian Reischauer ist 25 Jahre alt und zieht fotografierend durch die Straßen Berlins. Gegenstand seiner Bilder sind die Bewohner der Hauptstadt, denen er das Blog “Pieces of Berlin” gewidmet hat. Ich habe ihn getroffen und einige Fragen gestellt.

Florian, auf deinem Blog sammelst du Aufnahmen von Berlinern, die du auf der Straße knipst. Quatscht du wahllos Leute an oder suchst du einen bestimmten Menschenschlag?

Die Aufnahmen sollen ganz Berlin zeigen, Menschen jeden Alters und Aussehens. Das müssen nicht besonders auffällige Personen sein, sondern auch Leute, an denen man sonst achtlos vorübergeht. Ich fahre mit meinem Moped in verschiedene Bezirke und begebe mich dort auf die Suche.

Auf welche Reaktionen triffst du bei den Berlinern?

Anfangs hat es mich etwas Überwindung gekostet, Menschen anzusprechen. Etwa ein Drittel macht mit, bei den Jüngeren sind es fast zwei Drittel. Rentner sind auch recht locker. Schwierig wird es bei Migranten, die meistens skeptisch bleiben. Trotzdem sind die Reaktionen fast immer nett, auch wenn Menschen ablehnen.

Wie kam es zu dem Projekt?

Ich bin in Ried im Innkreis, geboren, also in Oberösterreich. Nach dem Abschluss auf einem Foto-Kolleg in Wien bin ich vor drei Jahren nach Berlin gezogen. Anfangs habe ich eine Art Foto-Tagebuch geführt und bin dann später auf die Idee mit dem Blog gekommen. Bislang habe ich nicht bereut, nach Berlin gezogen zu sein. Es ist toll, Menschen kennenzulernen, auch durch dieses Projekt.

Die Bilder erinnern mich an Fotos aus meinem Kinderalbum, zerkratzt und verblichen. Wie machst du deine Aufnahmen?

Ich benutze eine alte Mittelformatkamera. Alle Kratzer und Löcher im Material sind echt und nicht mit Photoshop hinein gezaubert.

Dann kannst du aber kaum 20 Aufnahmen einer Person machen, wie es durch die Digitalfotografie üblich geworden ist.

Nein, ich mache pro Person nur ein Foto und ein kurzes Interview. Hin und wieder missrät auch ein Bild, was aber auch nicht schadet. Dann war dieser Moment eben so. Wichtig ist mir, dass die Fotos nicht inszeniert wirken und ihre Spontanität bewahren. Auch die Angaben zu der Person sollten nicht zu lang werden, damit sich der Betrachter seine eigene Geschichte zu dem Bild kreiren kann.

Was machst du, wenn du nicht fotografierst?

Ich verdiene mein  Geld als Produktionsassistent bei zwei Berliner Fotografen. In meiner Freizeit betreibe ich mit einigen Freunden den offenen Projektraum Ida Nowhere in Neukölln, wo jeden Samstag kleine Performances stattfinden.

Alle drei Fotos sind von Florian Reischauer, das mittlere zeigt ihn selbst, beim Döner-Essen in einem Fotoautomaten. Seine Berlin-Ansichten hat Florian auch in einem Foto-Buch zusammengefasst.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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