… tut weh. Einer Emnid-Umfrage zufolge ärgert sich die Mehrheit der Deutschen im Ausland über andere Deutsche. Herablassendes Verhalten ihrer Landsleute gegenüber Einheimischen, besoffenes Gegröle und übertriebene Beschwerden sind den meisten unangenehm. Der Peinlichkeitsfaktor steigt offenbar mit dem Bildungsabschluss. Hochqualifizierte schämen sich am meisten für Menschen mit dem gleichen Pass, von Gelassenheit keine Spur.
Auf Berlin übertragen könnte das heißen: Akademiker aus dem Saarland suchen das Weite, wenn sie Leute mit saarländischem Dialekt hören. Zur Kompensation sprechen sie wie die Damen und Herren von der Tagesschau. Das gleiche gilt für Hessen, Rheinländer und Schwaben. Im Ergebnis entsteht so ein verzerrtes Bild. Hier die prolligen Touristen, da die spröden Zugezogenen, die nur Leute ernst nehmen, die Hochdeutsch sprechen. Als wenn das alles so einfach wäre.
P.S. Ausnahmsweise fremd geschämt habe ich mich gestern für einen Studenten, der uns einen Fragebogen zur Wohnsituation in unserer Straße in den Briefkasten geworfen hat. Eine Frage lautete zum Beispiel: “Sind Sie der Meinung, dass sich das Wohngebiet durch Zuziehende ändert? Falls ja, durch welche?” Die Antwort-Kategorien: a) Yuppies, b) Alternative/Ökos, c) Studenten, d) Ausländer, e) (selbsternannte) Künstler, f) Sozial Schwache/Obdachlose, g) Sonstige.

Sie sind zurückgekommen zum Malen nach Zahlen: Rentner aus aller Welt stehen auf Gerüsten und pinseln bedächtig ihre Revolutionsbilder an die frisch geweißte East Side Gallery. Was vor 20 Jahren einen unglaublichen Aufbruch markierte, ist jetzt nur noch müde Erinnerung. “Sag, welch wunderbaren Träume halten meinen Sinn umfangen?”, steht auf einem Bild.
Das werden viele Touristen und Gäste der Strandbars an der Mühlenstraße kaum beantworten können. Fremd und fern flüstern diese Mauerbilder Passanten zu: Einmal Totaldemokratie zum mitnehmen, bitte!
Mein Jahr 89: Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Fotos der East Side Gallery

In England lassen sich die ersten arbeitslosen Banker zu Gärtnern umschulen. Aus Liebe zur Natur angeblich. Auf diese Idee käme in Deutschland wohl selbst in der Wirtschaftskrise niemand, doch der Wunsch nach etwas Grün scheint weit verbreitet. So skurril es klingt: Immer mehr junge Menschen in Großstädten suchen Schrebergärten. Weil sie keine Lust oder kein Geld für ein Haus mit Garten im Grünen haben.
Berlins Laubenpieperkolonien dürften somit bunter werden. Familien mit Kindern werden Zaun an Zaun mit langjährigen Kleingärtnern ihre Gemüsebeete pflegen. Ungespritztes Bioobst ernten. Designerlauben aufstellen, Baumhäuser bauen. Sind das die neuen Spießer?
Wie komme ich an einen Schrebergarten?

Vater Bär hält Ausschau, die Mutter sucht nach Nahrung und die zwei Kleinen balgen sich unter den Gleisen. Seit einigen Tagen leben diese vier Braunbären am S-Bahnhof Jannowitzbrücke. Sie halten still und lassen sich streicheln, denn sie sind aus zerschnittenen Pelzmänteln. Wem diese Art der Wiederverwertung von Nerzen eingefallen ist, weiß ich nicht. Kunst ist es allemal, oder?
Fotostrecke: Berliner Streetart

Es könnte Berlins Central Park werden, ein riesiger See, ein Berg oder ein neues Wohngebiet. Doch das sind Hirngespinste. Für viele Berliner ist ihr Flughafen Tempelhof so etwas wie das Grab eines nahen Verwandten: Nach der schmerzhaften Schließung im vergangenen Oktober hegt und pflegt man das Andenken so lange es geht. “Was habt ihr denn gegen den Zaun?”, raunzt ein weißhaariger Rentner aus der Neuköllner Nachbarschaft junge Demonstranten an, die am Jahrestag der Luftbrücke papierne Leitern an das Gatter heften. “Ihr wollt wohl ‘ne Haschwiese, wa?” – Man grinst und redet aneinander vorbei.
Die Initiative zur Massenbesetzung des Ex-Airports arbeitet an Tempelhof die bekannte Gentrifizierungsdebatte ab. Höhere Mieten durch den Bau von Luxuslofts auf dem Gelände verdrängen die sozial Schwächeren in den umliegenden Quartieren. Was dagegen passiert, wenn der Zaun einfach stehenbleibt, lässt sich schon jetzt beobachten: Gras wuchert durch das Asphalt der Rollbahn, Bäume schlagen in Beton-Nischen Wurzeln. Die Natur holt sich langsam ihr Terrain zurück, während der Senat plant, verwirft und diskutiert. Bald schon könnte es hier aussehen wie im ehemaligen Treptower Spreepark im Plänterwald. Wer dort durch ein Loch im Zaun krabbelt, findet im hohen Gras ein verrostetes Riesenrad, umgekippte Dinosaurier und Überreste einer Achterbahn. Willkommen im Ruinenpark Tempelhof!
Fotos vom Flughafen Tempelhof

Ein Eisdielenwirt im Nollendorfkiez soll Schwule und Lesben beleidigt – ja sie sogar aus seinem Vorgarten geworfen haben. Dafür bekommt er am Sonnabend die Quittung: Knapp 1000 Menschen treffen sich vor dem “Dolce Freddo” in der Maaßenstraße zum “Knutschen bis der Wirt kommt”.
Zwanzig Minuten vor 14 Uhr trippeln die Agentinnen des Staatsministeriums für Tuntensicherheit im Gleichschritt durch die Maaßenstraße. Sie bestellen eine Kugel Eis, die ihnen dann “leider runterfällt”. Der Wirt macht einen kleinlauten Eindruck und entschuldigt sich vor der versammelten Menge. Richtig bedrohlich wird es für ihn nicht, denn die phantasievoll kostümierte Schwester Aura Scortea – eine schwule Berliner Nonne – stellt in ihrer Ansprache klar, warum man gekommen sei: Zum Küssen – und nicht gegen etwas, sondern für Toleranz und Liebe.
Das Ereignis zeigt einmal mehr die Stärke von sozialen Netzwerken wie Facebook, wo über 300 Teilnehmer ihr Kommen zugesagt hatten. Die Lesben aus diesem schwul-lesbischen Kiez blieben bei all dem Trubel allerdings deutlich in der Unterzahl.
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