Jobs, Jobs, Jobs: Statt “hartzen” ins Ländle

foto_oliver-toettger.jpg

“Schön hier, aber waren Sie schon mal Baden-Württemberg?” Berlin sucht dieser Tage nach einem Slogan, der das Image der Stadt verbessern soll, aber einen Exportschlager wie diesen Spruch aus dem Musterländle habe ich noch nirgends gelesen.

“Bei uns herrscht Vollbeschäftigung”, erzählte Christine, die in der Nähe von Stuttgart als Lehrerin arbeitet. In dem kleinen Ort, in dem fast jeder ein “Stückle” (*) besitzt, und viele Bürger ehrenamtlich engagiert sind, gibt es mehr Stellen als Bewerber. “Ich kann verstehen, dass Leute nicht aus Berlin weg wollen, aber dort bleiben, um jeden Preis?”

Letzte Haltestelle: Berlin

Die Außenperspektive ist interessant, wenn auch wenig hilfreich. Wer zur Stellensuche nach Berlin gekommen ist, wird sich wohl kaum mit solchen Sprüchen fangen lassen. Wie ein Freund aus Greifswald, der an kleinen und guten Unis die “Orchideenfächer” Ethnologie und Skandinavistik studiert hat. Seine Zusatzqualifikationen füllen Aktenordner: Deutsch-Kurse an Goethe-Instituten in Schweden, ein Lektorenprogramm der Robert-Bosch-Stiftung in Russland, ein Kurzfilm, mehrere Fotografie-Ausstellungen. Nun promoviert er an der Humboldt-Universität - aus Verlegenheit, wie er ohne Umschweife eingesteht. Aber in Berlin zu leben, sei ihm nun mal “verdammt wichtig”. Auch wenn es nicht gerade erfüllend ist, 30 Stunden die Woche in einem Computer-Laden zu jobben. Hartz IV ist für den Absolventen keine Alternative. “Dafür habe ich nicht studiert.”

Das Job-Center trägt die Kosten für den Umzug von Hartz IV-Empfängern in eine andere Stadt, erfuhr kürzlich Nele, eine arbeitssuchende Erziehungswissenschaftlerin. Überrascht hat sie das nicht: “Ein Fall weniger für die Statistik, das rechnet sich sofort.” Vielleicht wird das eingesparte Geld künftig darauf verwendet, Arbeitslosengeld II-Empfängern Werbespots für Baden-Württemberg zu zeigen. Mit der zentralen Botschaft “Wir [im Ländle] können alles - außer Hochdeutsch, aber kommen Sie - Job garantiert.”

Koffer für Freiburg schon gepackt? So einfach ist es dann auch wieder nicht. In Baden-Württemberg warnt man vor “naiven Vorstellungen”: Jobgarantien für Akademiker gebe es nicht. Gesucht würden vor allem Maurer, Schlosser, Schweißer, Heizungsbau-Installateure, Schlosser, Baggerfahrer.

(*) kleiner Streifen Land

Foto: Oliver Toettger. Häuser mit Solarzellen in Freiburg-Vauban.

Artikel merken

Mehr zum Thema

5 Antworten zu “Jobs, Jobs, Jobs: Statt “hartzen” ins Ländle”


  1. 1 Micha

    Mir wurden schon Jobs in Tschechien angeboten. Hab mir allerdings fest vorgenommen, Berlin nicht zu verlassen - nicht nach Schwabenland und auch kaum in Richtung Brandenburg. Schließlich gibt es Freunde, die mir wichtiger sind, als ein paar Euros mehr in der Tasche.

  2. 2 Reinhard K.

    Mündige Bürger, die in Berlin leben und vielleicht Anfang oder Mitte Zwanzig sind, sollten sich freuen und dankbar sein, wenn sie überhaupt irgendwo Arbeitsmöglichkeiten finden. Wisst ihr überhaupt was es bedeutet, wenn ihr den Steuerzahlern dauernd auf der Tasche liegt, bloß weil ihr auf die Partyzone in Mitte nicht verzichten wollt?= Das Leben bedeutet auch Arbeit und Pflichterfüllung, nicht nur Vergnügen.

  3. 3 Berlinerin

    An Reinhard K. und Ähnliche:

    In Kriegszeiten nannte man das Vertreibung, wenn Leute zu Hunderttausenden Ihren Wohnort verlassen sollten /mussten. Seit diese Regierungsbande in Berlin sitzt, ist alles viel schlechter geworden. Was haben die Parteifritzen nicht alles versprochen: so viele Jobs, blühende Hauptstadt usw. Die Bürger durften die Paläste bezahlen und noch viel mehr. Jetzt sollen sie vertrieben werden. Sehe ich nicht ein.

  4. 4 Holzmichel

    Bis 1995 habe ich in Berlin gelebt und gearbeitet, dann bekam ich die betriebsbedingte Kündigung. Damals mit Mitte 40 hatte ich keine Chance mehr, weder in meinem alten Beruf als Konstrukteur noch überhaupt in Berlin wieder einen Job zu finden. Also machte ich eine Umschulung, bei der ich mich nach besten Kräften einbrachte und als einer der Besten abschloss. Seitdem rissen sich wieder die Arbeitgeber um mich, allerdings nicht in Berlin, sondern in Frankfurt am Main.

    Die jungen Leute die in dieser Stadt von Hartz IV uoder Sozialhilfe leben sollten sich in der Tat schämen, denn an einem bestimmten Ort leben zu wollen, musste man sich schon immer teuer erkaufen. Es ist aber eine unverzeihliche geistige Entgleisung dies mit der durch die Nazis ausgelöste Vertreibung zu vergleichen. Man denke doch nur an die Wanderjahre der Handwerksgilden!

    Als Junger Mensch war es mir leider nicht vergönnt, einmal im Ausland zu arbeiten, erst mit 50 Jahren habe ich das erreicht. Nie war es einfacher als heute, im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Daher verstehe ich nicht, wieso sich junge Berliner so vehement weigern, hinaus zu ziehen in die Welt, um was anständiges zu Lernen. Und so was will weltstädtisch sein?

  5. 5 Berlinerin

    Lieber Holzmichel,

    Sie sind doch kein deutscher Michel, der sich alles gefallen lässt ? Oder ist es deutsche Unart, nach oben zu buckeln und unten zu treten?

    Die meisten Erwerbslosen sind nun mal nicht jung, oft über 40 oder 50 und finden auch in Stuttgart keine Stelle. Aber auch junge Leute kann man kaum zwingen, woanders hin zu ziehen. Soll Leute geben, die brauchen ihre Familie oder Freunde.

    Außerdem hängen an den nicht vorhandenen und mies bezahlten Stellen in Berlin auch Millionen anderer Existenzen: die der kleinen und mittleren Betriebe. Es kann nicht sein, dass alle mit prekärer Existenz jetzt aufgefordert werden, dann doch einfach die Stadt zu verlassen. Das ist nicht die Lösung! Tipp: den Korruptionssumpf trocken legen, dann würde genug Geld da sein für anständig bezahlte Stellen.

Antwort schreiben






Close
E-mail It