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Archiv für das 'Görlitzer-Park'-tag

Die Pest

Mit den Ratten ist es in dieser Stadt so ein bisschen wie mit Stars und Sternchens: Jeder weiß, sie sind unter uns – näher, als man tatsächlich glaubt. Aber solange man ihnen nicht begegnet, ist das Thema nicht weiter interessant.

Heute hatte ich eine sehr unschöne Begegnung mit einer Ratte. Im Görlitzer Park. Das Vieh war der Prototyp der neuen Ratte: fett, behäbig und lahm. Fast hätte ich es überfahren – dabei dachte ich immer, die Tiere seien flink. Deutschland verfettet, seine Ratten auch. Eine Frau, die mir – ebenfalls auf dem Fahrrad – entgegenkam, lachte nur amüsiert über den Vorfall und rief mir zu, dies passiere ihr ständig. Absurd.

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Auf der anderen Seite des Parks, auf der Landwehrkanal-Seite, beschwerte sich der Bäcker, ein beleibter Mann von Ende 30. Die Laufkundschaft bliebe angesichts des schlechten Wetters aus, die Leute wollten sein Bio-Brot nicht. “Dabei geht es uns doch gut in Berlin, keiner muss verhungern.” Ich verabschiedete mich freundlich und wünschte ihm – wie in Berlin üblich – einen schönen Tag. Über die fette Ratte verlor ich kein Wort.

Der Zwischenfall mit der Ratte ließ mir aber keine Ruhe. Zu Hause befragte ich Google und erzielte 1.610.000 Treffer für die Suchanfrage “Ratte Berlin”.

Die städtischen Gesundheitsämter informieren auf ihren Websites ausführlich zum Thema Schädlingsbekämpfung: Darüber, dass keine Speisereste die Toilette heruntergespült werden dürfen, um das Ratten-Problem einzudämmen. Dass grippeähnliche Krankheiten übertragen werden können, durch Ratten-Urin in stehenden Gewässern. Ja iiiehh!

Weitere Ergebnisse: Promovierte Biologen leben in der Hauptstadt von der Schädlingsbekämpfung und bieten “Schädlingsmanagement” an, die neue Wohnung des Zeit-Autors Jochen Reinecke war anfangs rattenverseucht.

Die Berliner Subkultur scheint keine Probleme mit den Tieren zu haben, die Nager sollen ja durchaus intelligent zu sein: So nennt sich eine Obdachlosen-Theatergruppe – also C-Stars dieser Stadt – Die Ratten. Gegründet 1992 nach einer erfolgreichen Inszenierung von Albert Camus’ Die Pest, spielt das Ensemble heute Eugène Ionesco, also immer noch absurdes Theater.

Foto: mell242
Künstler: Bansky

Die Verwandlung

Görlitzer Park

Grillende Großfamilien, rücksichtslose Kicker, wilde Mountainbiker – Berlins Parkbesucher sind oft von ihren Mitbürgern genervt. So auch gestern ein Pärchen im Görlitzer Park, als ein ferngesteuerter Monster-Truck fies surrend auf sie zu preschte. Im Original sind das Geländefahrzeuge, die in US-Baseballstadien vor johlender Menge mit ihren riesigen Rädern auf andere Autos springen und sie zerquetschen.

Stolz drehte das Ding Kreise um sein Herrchen, das mit Fernbedienung inmitten einer Gruppe junger Männer in Feierabendlaune stand. “Das sind Kinder, die nie erwachsen werden“, schimpfte die Frau, die auch nicht gerade erwachsen an ihrer Bionade nuckelte. In dem Ton ging es weiter: “Typisch Kreuzberger Türken, die von Macker-Autos träumen. Große Jungs, die wahrscheinlich noch bei Mama wohnen.”

Ich dachte daran, dass ich selbst mal ein ferngesteuertes Auto besessen habe und schaute in den schönen Abendhimmel über dem Görlitzer Park. Überhaupt würde diesem kleinen Stinker bald das Benzin ausgehen, kein Grund zur Aufregung also. Dennoch beschäftigte mich das nervige Vehikel noch eine Weile. Im Traum raste es auf mich zu, der junge Fahrzeughalter lachte hämisch. Schließlich packte ich das Ding bei einem seiner Annäherungsversuche und drehte es einfach auf den Rücken. Und aus dem Monster-Truck wurde ein Käfer, der hilflos zappelte.

Görli probt G8

Anti-G8-Training heute im Görlitzer Park: Wollte mich unauffällig unter die Menge mischen und mal hören, was so geplant ist. Diese Salami-Taktik funktioniert in der Regel prima und ich kriege mehr raus. Etwas arglos lief ich herum und spitzte hier und da die Ohren. Eine Journalistin interviewte gerade Raphael, einen 26-jährigen Geschichtsstudenten, der die organisatorischen Strukturen des Anti-G8-Protests erläuterte.

Die Reporterin, eine Mittfünfzigerin mit aufblondiertem Haar, schwitzte beträchtlich unter ihrem Regencape. Die goldenen Armbänder hatte sie vergessen abzunehmen – perfekt war die Tarnung also doch nicht. Ich konnte beim besten Willen nicht herausfinden, für welches Blatt sie unterwegs war.

Ob die Gruppe denn geschlossen anreisen würde, es gäbe ja diverse Busunternehmen, die inzwischen kommerziell über das Internet mit G8-Touristenfahrten werben würden, fragte die Journalistin. Dem Studenten war anzusehen, wie sehr er kämpfte, sein Gesicht unter Kontrolle zu halten. Höflich aber bestimmt klärte er die Frau auf, dass es sich keineswegs um eine geschlossene Bewegung oder Organisation handele, sondern um lauter lose Gruppierungen, die sich zusammengeschlossen hätten, um ein Zeichen zu setzen. Das Training sei notwendig, um Neulinge mit dem ABC von Protestaktionen vertraut zu machen.

Was tun, wenn die Polizei einen Kessel bildet, und bedrohlich näher rückt? Was, wenn einzelne Leute innerhalb der sogenannten “Bezugsgruppe” plötzlich klaustrophobisch werden, und nur noch das Feld räumen wollen? Bezugsgruppen bestehen in der Regel aus nicht mehr als zehn Leuten und treten gemeinsam auf. “Das ist wichtig, wenn es zu Verhaftungen kommt”, setzte mir Hans, 30, die Strategie später noch einmal im Detail auseinander. “Wir wissen dann, ob Leute willkürlich festgehalten werden.” “Bezugsgruppendelegierte” berichten jeweils einer koordinierenden Instanz, welche Entscheidung – Rückzug oder Aufrechterhaltung der Blockade – innerhalb einer Gruppe getroffen wurde.

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Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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