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Monatsarchiv für Januar 2010

Die Schlechtwettermacher

Tolles Smalltalk-Thema in diesem Monat: Die Tage, an denen die Sonne in Berlin nicht scheint. Heute ist der 15. Tag. “Undurchdringlich scheint die graue Nebelsuppe über unseren Köpfen. Wie lange geht das noch?”, fragt der Berliner Kurier. Eine Stadt, die in Depressionen zu versinken droht. Zu künstlichem Licht mit viel Blauanteil, rät ein Dr. Blau von der Charité. Schokolade statt Wurst propagiert ein Tagesspiegel-Leser – das Rezept soll aus skandinavischen Ländern stammen.

Ich finde die Diskussion ein bisschen übertrieben. Ablenkung gibt es genug in dieser Stadt – aber wer es darauf anlegt,  kann sich natürlich auch in depressive Stimmung hinein steigern. Und Freunde gleich mit herunterziehen, denn schlechte Laune steckt an. Wir sind halt nicht Kalifornien. Und zum Glück auch nicht in Sankt Petersburg. Gerade mal 13 Stunden lang hat dort im November die Sonne geschienen. Das nur so am Rande. Aber jammert ruhig weiter.

20.000 Meilen unter der Mitte Berlins

“Wo ist Käpt’n Nemo?” stand lange Zeit an der Fassade des Tacheles in der Oranienburger Straße. Jules Vernes’ Romanfigur Nemo brach mit der Welt und zog sich auf ein geheimnisvolles Unterseeboot zurück. In den vergangenen 20 Jahren war das Kunsthaus Tacheles ein Ort, an dem anarchisch und bunt geträumt wurde. In Bildern, Skulpturen, auf Ausstellungen und Partys. Jetzt werden die Künstler schmerzlich daran erinnert, dass ihre Ateliers eben doch nicht 20.000 Meilen unter dem Meer verortet sind, sondern mitten in Berlin. Umgeben von Hotels, Bürobauten und Geschäften. Jeder Quadratmeter hat seine Währung.

Die Zwangsversteigerung der alten Kaufhausruine betreibt ausgerechnet die HSH Nordbank, eine Bank, die von Steuerzahlern mit Milliarden Euro vor dem Zusammenbruch gerettet wurde. Der Trägerverein, der anstatt 50 Cent Jahresmiete rückwirkend mehr als 100.000 Euro zahlen soll, ist nun pleite.

Das Tacheles ist einer der wenigen Orte in Mitte, die Menschen noch staunen lässt, wenn sie zum ersten Mal in diese Gegend kommen. Staunen darüber, dass so etwas heute noch existiert. Denn was da unter den Hammer kommt, ist auch einer der letzten Reste des Berlins der 1990er Jahre. Ein Fleck, der Mitte interessant macht, finde ich.

Was denkt ihr darüber? Stimmt ab oder schreibt einen Kommentar unter diesen Artikel!

Fotos vom Tacheles
Artikelfoto von Christian Hetey

Soll das Tacheles bleiben?

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Zugeschüttet und ignoriert: Radfahren im Schnee

Wem dieses Fahrrad auch gehören mag – es ist im Moment schwer zu benutzen. Räumdienste haben es am U-Bahnhof Frankfurter Tor mit Schneemassen zugeschüttet und auch den Gepäckträger nicht vergessen. Die Radwege und Straßenränder Berlins sehen seit Wochen nicht viel besser aus. Wer trotzdem losradelt, wird für seine Umweltfreundlichkeit “regelrecht bestraft”, klagt der ehemalige Fahrradbeauftragte Benno Koch gegenüber der taz.

Alles was bleibt, ist sich in eine der vollen S-Bahnen zu quetschen und auf das Tauwetter zu hoffen.

Bildergalerie: Berliner Seitenblicke

Neue Gesetze: Legal, illegal, ganz egal

Die Frau mit den orange-grünen Zöpfen löscht ihre halb aufgerauchte Fluppe mit den Fingern, sie will später noch ein paar Mal daran ziehen. Dann steigt sie in die U-Bahn der Linie 5. Ihr Hund, ein Husky,  schnuppert an Fahrgästen, stupst sie an und läuft von einem zum anderen. Ein Mann steht abrupt auf und wechselt den Wagen, andere streicheln dem Tier über den Kopf. Natürlich, der Schlittenhund ist ein Guter.

Das ist der Berliner Alltag, wie wir ihn kennen. Und hin und wieder zu schätzen wissen. Menschen in der U-Bahn betrachten, bis sie wieder aussteigen. Einige Minuten da sitzen und das Leben anderer Leute an sich vorbei rauschen lassen. Klar -  der freundliche Husky läuft ohne Leine herum, trägt weder Plakette noch Chip oder Maulkorb. Würde seine Halterin noch einen Kinderwagen die Rolltreppe hoch schieben – dann hätte sie in Berlin gegen die wichtigsten der neuen Vorschriften schon verstoßen. Aber was, wenn das niemanden beeindruckt?

Auf einem Spaziergang durch Kreuzberg sehe ich dutzende Autos ohne grüne Plakette oder Ausnahmegenehmigung.  In Prenzlauer Berg sagt eine Frau der Abendschau, sie wolle ihren Mops wie gewohnt auf dem Kollwitzplatz ausführen; Ordnungsgeld von 35 Euro hin oder her. Vielleicht hätte die Politik besser auf einige der neuen Gesetze, Normen und Verordnungen verzichtet. Sie erscheinen sinnlos, wenn bei Verstößen keine Sanktionen folgen. In den uns bekannten Verhältnissen wirken sie nur lächerlich – und das kann unmöglich ihr Zweck gewesen sein.

Entmietet und allein

Ein Mann im Anzug steht vor der Tür, Mitte 20. Er will mir ein Abo aufschwatzen oder einen DSL-Vertrag, vermute ich falsch. “Dieses Haus wird saniert und Sie müssen ausziehen”, sagt er dann halb zu mir und halb an die Wand gerichtet. Wohl ahnend, dass mir seine Nachricht nicht gefallen wird, hat er schon halb wieder kehrt gemacht. Wenig später erklärt ein Brief, wie sich der neue Eigentümer die Sache vorstellt: Meine Wohnung bekommt Zentralheizung und ein Zimmer meines Nachbars zugeschlagen, heißt es in dem Schreiben. Über eine Staffelmiete soll ich schließlich mehr als das Doppelte an Miete zahlen und bis zum Abschluss der Sanierung in einer Ersatzwohnung bleiben.

“Nein, mir gefällt diese Wohnung wie sie ist”, erkläre ich einem verdutzten Angestellten des Investors, der mir die Pläne an seinem Schreibtisch mit Grundrissen und Tabellen schmackhaft machen will. Vergeblich, ich will nicht. Einige Nachbarn sind anderer Meinung: “Is doch jut, schöne Wohnung und die Miete zahlt mir eh der Staat”, erklärt ein Punk. Ich unternehme zwei Anläufe, einem Vietnamesen im 1. Stock zu erklären, dass er nicht sofort unterschreiben muss. Dann ist auch er fort.

Gegenüber wohnt eine alleinstehende Frau mit Alzheimer, seit den 1920er Jahren wie sie sagt. “Es fließt Wasser durch mein Zimmer”, ruft sie aufgeregt als ich ihr eines Abends öffne. Durch die Decke plätschert ein Bach, weil Diebe in der leeren Wohnung über ihr alles Brauchbare abmontiert haben, auch die Waschbecken haben sie herausgerissen. Zum Glück hat die Wohnung einen zentrales Ventil, das sich schließen lässt. Die Sache mit der Sanierung versteht die Nachbarin nicht. In ihrer Wohnung müsse nichts verändert werden, meint sie. Kurze Zeit später wird sie in ein Heim verfrachtet.

Es wird einsam in meinem Haus, der Wind rüttelt an den Fensterläden irgendeiner leeren Wohnung. Im Treppenhaus begegnet mir fast niemand mehr, hinter fast allen Fenstern sind abends die Lichter erloschen. “Da ist ‘ne Menge Kohle drin”, wissen meine letzten Nachbarn – Studenten mit Juristen im Freundeskreis. Sie unterschreiben die Kündigung und kassieren mehrere tausend D-Mark.

Das ist der Punkt, an dem ich aufgebe. Ich unterschreibe und nehme das Schmerzensgeld, das mir ein Handlanger des Investors in bar auf die Hand gibt. Als ich den Keller räume, ist der Hof schon voller Bauschutt. Für einige Wochen lebe ich in einem Auto.

Die Geschichte liegt einige Jahre zurück, als Hartz-IV noch Sozialhilfe hieß und ich noch studierte. Dennoch könnte sie sich auch 2010 ereignen, denke ich jedes Mal, wenn ich an einigen wenigen unsanierten Häusern in der Nachbarschaft vorbeigehe. Es brennt nur noch hier und dort ein Licht.

Berlin – alles ist möglich!

Berlin, Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten? Irgend jemand scheint das so zu sehen und hat den Spruch an einen Betonblock in der verschneiten Frankfurter Allee geschrieben. Wer vor kurzem allein war, wird sich 2010 wieder verlieben – kann das positiv heißen. Wir wünschen Euch, dass alles besser wird.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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