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Monatsarchiv für November 2009

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Ein Terrier namens Inge und ein Hund, der nicht achtgab

An der Samariterstraße reihen sich Autos Stoßstange an Stoßstange, ein Dutzend Fußgänger wartet darauf, die Fahrbahn überqueren zu können. Ein tätowierter Mann mit langer Zottelmähne macht den Anfang – sein altersschwacher schwarzer Hund trottet hinterher.

Auf der anderen Straßenseite eine Frau mit zwei Boston Terriern, Viechern mit plattem Gesicht und kräftiger Statur. “Platz Inge!”, ruft die Besitzerin einem der beiden Hunde zu und zerrt das Tier zurück auf den Bürgersteig.  “Irre, heißt die wirklich Inge?”, grölt der Langhaarige ungläubig. “Inge, irre – wie meine Mutter…”

***

Weniger vorsichtig als Inge ist ein junger Mischling, der die Liebigstraße entlang läuft, die Nase dicht am Boden. Er schnüffelt einer Fährte nach und ist so vertieft, dass er beim Überqueren der Straße nicht auf sein Frauchen wartet. So sieht er den Kleinbus eines Bauunternehmers nicht, der sich langsam nähert und ihm über eine Pfote fährt.

Wie ein Hund jaulen kann. Er winselt, bis die Menschen aus den Fenstern schauen und leidet erst still weiter, als ihn sein Frauchen auf den Arm nimmt. Die Frau mit den Dreadlocks läuft davon und lässt den Bauunternehmer zurück, der ihr ratlos nachschaut.

Berlin brutal #15: Ihr kriegt uns hier nicht raus!

Liebigstraße 14 - Foto: Henning Onken

Diese Geschichte beginnt vor meiner Haustür: “Wenn Räumung dann Beule” und “Beulker auf’s Maul” steht seit Jahren an Wänden der Rigaer- und der Liebigstraße, sogar im Keller stehen solche Sprüche an den Wänden. Hin und wieder überpinseln Maler die Drohungen und bunten Kleckse von Farbbeutelattacken mit dem Grundton der Fassade – wohl wissend, dass der Konflikt zwischen den Bewohnern dieser Häuser und ihren Besitzern unter der Oberfläche weiter schwelt. Seit einigen Wochen signalisieren große Transparente am Wohnprojekt Liebig 14, dass die Auseinandersetzung in einer entscheidenden Phase ist: “Keine Räumung durch den Kinderschutzbund”, heißt es da. Was ist hier eigentlich los?

“Wir waren zuerst da”, bekräftigen Bewohner der Liebig 14 den Anspruch auf ihr gemeinschaftliches Wohnen. Vor fast 20 Jahren wurde das Haus besetzt und kurz darauf durch Mietverträge legalisiert. Erst um die Jahrtausendwende kauft Suitbert Beulker das Eckhaus Liebig 14/Rigaer 96 sowie die angrenzenden Häuser 95 und 94. Mit den Ex-Besetzern in der Liebigstraße und Rigaer 94 legt er sich schnell an: Beulkers ehemalige Sekretärin bezeugt vor Gericht, ihr Chef habe einem Elektriker vorgeschlagen, das Hinterhaus der Rigaer 94 an Baustellen-Starkstrom anzuschließen – was Beulker bestreitet. Spätestens da ist der Streit nicht mehr beizulegen.

Von den Mietverträgen der Liebig 14 ist inzwischen nur noch ein einziger übrig. Hauptstreitpunkt war eine zusätzlich eingebaute Tür im Treppenhaus, die in vielen Hausprojekten Wohnungstüren ersetzt, hier aber rechtlich keinen Bestand hatte. Hinter dem Verhalten des Vermieters wittern die gekündigten Mieter den Plan, das leer geklagte Haus zu räumen und nach einer Luxussanierung als teure Eigentumswohnungen zu verkaufen.

Die Bewohner zahlen nach eigener Aussage weiter Miete und hoffen auf eine Reaktion des Kinderschutzbundes, den sie involviert sehen, weil Beulkers Zweitgesellschafter Edwin Thöne auch Geschäftsführer des Kreisverbands Unna ist. “Der Kinderschutzbund sieht keinen Widerspruch zwischen Vereinsarbeit und Wohnraumspekulation von Mitgliedern”, klagt ein Bewohner. Auch ein Angebot zum Kauf des Hauses über eine Stiftung würde ignoriert. Thöne selbst wolle sich zu der Angelegenheit derzeit nicht äußern, teilte mir heute die Unnaer Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes mit.

Am 13. November wird der letzte Revisionsprozess um einen Mietvertrag vor dem Landgericht verhandelt.

Update 13.11.: Auch der letzte Prozess ging verloren. Die Bewohner der Liebig 14 sind jetzt rechtlich keine Mieter mehr. Sie wollen weiter für ihr Hausprojekt kämpfen, müssen jedoch auch mit einer Räumung rechnen.

Foto: Christian Hetey

Spekulantenträume: Kauft Wohnungen im Montmartre von Berlin

Haus in der Simon-Dach-Straße - Foto: Anne OnkenSicher haben die meisten Leser von www.fensterzumhof.eu gerade mehr als eine Viertelmillion Euro auf der hohen Kante und Interesse an einer Eigentumswohnung in der Friedrichshainer Simon-Dach-Straße. In diesem famosen Viertel “finden Sie neben Künstlern und Angehörigen kreativer Berufe auch den Banker und Manager, multikulturell eben” – so wirbt eine Immobilienfirma für das abgebildete “Objekt”. 285.408 Euro soll eine von insgesamt 16 Eigentumswohnung kosten, immerhin 121,45 Quadratmeter groß. Die Courtage kommt noch obendrauf.

Aber der eigentliche Brüller: “An freundlichen und warmen Sommerabenden wird man an die Pariser Studentenviertel Quartier Latin oder auch an den Montmatre erinnert.” Wie bitte, was hat diese Sauf- und Fressmeile mit dem Pariser Künstlerviertel Montmartre gemeinsam, das auch noch falsch buchstabiert wird? Diesen Werbetext kann nur jemand geschrieben haben, der sich weder in Berlin noch in Paris genauer umgesehen hat. Oder aber – und das ist wahrscheinlicher – die Luxus-Sanierer wollen das zwischen Luxemburg und den Antillen frei flottierende Kapital der “Banker und Manager” anlocken, die ja hier so zahlreich herumlaufen sollen. Die Eigentumswohnung als Kapitalanlage für eine Zeit, in der diese Gegend zum Montmartre von Berlin wird. Ich sehe es schon vor mir. How charming!

Vorläufig sieht die Wirklichkeit aber noch anders aus, vor allem der soziale Friede fehlt. In einem Café an dieser Ecke konnte im Frühjahr Innensenator Körting seinen Plausch mit Journalisten nicht zu Ende führen, weil er sich von Autonomen bedroht fühlte. Auf das Lokal war zuvor ein Buttersäuren-Anschlag verübt worden. Ein edel sanierter Altbau zieht zwar kaum so viel Ärger auf sich wie der Kreuzberger Car-Loft, aber Stadtsoziologen werden sich bestätigt fühlen: Hier lässt sich die dritte Phase der Gentrifizierung beobachten. Es gibt hier bereits Dachgeschosswohnungen für 450.000 Euro.

Street Style: Moderne Polstermöbel für umsonst

Müll in der Oppelner Straße in Kreuzberg - Foto: Henning Onken

Schnell zugreifen, sonst stellt sich der Nachbar diese tollen Sessel ins Wohnzimmer – könnte man denken, wo doch im Hintergrund für “moderne Polstermöbel” geworben wird. Leider ein Trugschluss, denn in der Oppelner Straße in Kreuzberg haben viele Anwohner keinen Schimmer, was in Berlin retro cool und wirklich en vogue ist. Ihre trendigsten Möbel werfen sie einfach auf den Bürgersteig, wo sich Hunde daran erleichtern können und der Regen die guten Stücke langsam auflöst.

20.000 Kubikmeter Sperr-, Sonder- und Restmüll in Straßen, Parks und Gärten hat die Stadtreinigung im vergangenen Jahr entsorgt und doch bleibt vieles liegen. Klarer Fall für die Dreckecken-Aktion der Berliner CDU vom August vergangenen Jahres, bei der Bürger Schmuddelecken an die Partei melden sollten. Was ist eigentlich daraus geworden? Die versprochene Online-Dokumentation konnte ich auf der Webseite nirgends finden.

Fotos: Berliner Seitenblicke

Gebt uns die Mauer zurück – für 15 Minuten!

Mauersegment in der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte - Foto: Henning OnkenFür den Wiederaufbau der Berliner Mauer werden jetzt Reservierungen angenommen. Dabei handelt es sich nicht um eine Aktion Margot Honeckers oder der letzten Garde des Politbüros des ZK der SED. Nein, wer am 9. November bei dem Projekt des britischen Aktionskünstlers Martin Butler mitmacht, setzt ein Zeichen gegen Mauern und ideologische Grenzen in aller Welt.

Am Tag des Mauerfalls sollen für ungefähr eine Viertelstunde 33.000 Menschen in 330 Gruppen den Grenzverlauf nachstellen, vom Tegeler Fließ bis zur Landesgrenze im Süden. Eine Woche vor dem Ereignis haben erst 4385 Menschen ihre Teilnahme zugesagt, darunter viele Ausländer. Am Abschnitt Köppchensee im äußersten Norden sind außer Deutschland auch China, Norwegen, Spanien, Portugal, Kroatien, Chile und die Vereinigten Staaten vertreten.

Doch es reicht nicht. Wenn nicht noch ein Ruck durch die Netzgemeinde geht, wird dieser Mauerbau scheitern. Die Flashmobber werden am Tag des Mauerfalls einsam an der Ex-Sektorengrenze stehen, fast wie dieses von Thierry Noir bemalte Mauersegment in der Wilhelmstraße. Schade, keiner da zum Händchen halten!

Wer dabei sein möchte: www.mauer-mob.com

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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