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Monatsarchiv für Juli 2007

O2 World: Nächste Ausfahrt Wrangelkiez?

O2-Arena

Das Potsdamer-Platz-Feeling der frühen 90er Jahre gibt es noch: Auf der Warschauer Brücke stehen zwar keine Touristen vor einer Infobox Schlange, um sich über das Bauvorhaben Nahe des Ostbahnhofs zu informieren: Aber die Kräne, die dort gegenüber der East Side Gallery in den Himmel ragen und bei Einbruch der Dunkelheit wie schlafende Riesen wirken, erinnern an den Bauboom der Nachwende-Zeit.

Am Ostbahnhof entsteht die O2 World – eine Mehrzweckhalle, in der ab Herbst nächsten Jahres bis zu 17.000 Menschen Konzerte und Sport-Ereignisse anschauen sollen. Nur der Bau eines Riesenrades war dem US-Investoren Philip Anschutz anscheinend eine Nummer zu groß. Ein Aufreger ist die Baustelle aber trotzdem: Es scheint schon für einen Artikel zu reichen, wenn dort einige Stahlträger montiert werden.

Videoüberwachter Charme von abgeriegelten Bürobauten am Spreeufer?

Trotz der zahlreichen Berichte in der Berliner Presse bleiben offene Fragen: Wozu brauchen wir eine weitere Großhalle, die den “Kuchen aus Veranstaltungen” nicht vergrößern kann? Und falls die Halle doch zum Besuchermagneten wird: Wie wirkt sich der Massenansturm auf Süd-Friedrichshain und Kreuzberg 36 aus?

Im Rahmen des Investorenprojekts Media Spree wurden zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke brach liegende Gelände am Spreeufer mit dem Ziel gekauft, im ehemaligen Grenzgebiet Medienunternehmen anzusiedeln. Als Vorbild des vom Senat geförderten Stadtumbaus gelten “HafenCity” Hamburgs oder die “London Docklands”. Der videoüberwachte Charme von abgeriegelten Bürobauten im Regierungsviertel macht sich auch am Spreeufer breit, nicht nur bei Universal und MTV.

Wenn sich Angestellte und Besucher in die “angesagten Bars und coolen Locations” aufmachen, wie es in einem Werbefilm der Investorengruppe heißt, dann dürfte sich dort einiges ändern. Nicht nur Latte Macchiato-Trinker mit Apple-Laptops im Wrangelkiez, sondern auch steigende Mieten werden die Folge sein. Die schöne neue “Sauerstoffwelt” wird zumindest viel CO2 produzieren, wenn wie geplant eine Autobrücke von der Brommystraße über die Spree gebaut wird.

BVG – Berlins verprügelte Gesellen?

BVG-Bus - Foto:Till Krech

Nachtschichten sind sicherlich kein Vergnügen für Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe: Pöbelnde Betrunkene, orientierungslose Party-People und Freaks, die mutwillig Sitzpolster aufschlitzen oder Fensterscheiben zerkratzen – wer wünscht sich schon, auf solche Leute zu treffen? Nun haben Berliner Busfahrer kaum Einfluss darauf, wen sie befördern und wen nicht: Es gibt in BVG-Bussen keine diskriminierenden Gesichtskontrollen wie vor Clubs; Fahrer fragen Minderjährige nachts nicht nach dem Personalausweis, um zu überprüfen, ob deren Eltern gerade gegen ihre Aufsichtspflicht verstoßen. Auch wegen zwei Promille im Blut muss niemand den Rest der Nacht unter einer Brücke verbringen.

Die Berliner Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über Pläne der BVG, Busfahrer besser vor Fahrgästen zu schützen. Nachdem am Wochenende erneut ein Fahrer verletzt wurde, als Jugendliche in einem Bus im Stadtteil Kadow randalierten, sind abgeschlossene Fahrerkabinen ins Gespräch gebracht worden. Im Jahr 2006 soll es 198 Übergriffe gegen Busfahrer gegeben haben, in Folge derer die Betroffenen ärztlich behandelt werden mussten.

Ob sich die Busfahrer in einem Glaskasten sicherer fühlen, ist zweifelhaft. Gegen Glashäuser können ebenfalls Steine fliegen… Fraglich erscheint auch das Zeichen, das mit einer solchen Umrüstung der Busse gesetzt wird. Sind die (normalen) Fahrgäste nicht trotzdem den grölenden pöbelnden Typen ausgeliefert? Dennoch: Großstädter lassen sich nicht so schnell beirren. Dass jemand in einer U-Bahn gewaltsam eine Tür öffnen will, und so den ganzen Bahnverkehr auf der Strecke minutenlang lahm legt, haben wohl die meisten von uns erlebt und (unbeschadet) überstanden. Die Mitbewohnerin zuletzt gestern Abend zwischen Hermannplatz und Boddinstraße.

Foto: Till Krech

Frank Zappa: Sheik Yerbouti in Marzahn

Foto: Eddie BermanWer kann sich vorstellen, dass der Typ auf diesem Bild aus Marzahn kommt? Jemanden wie ihn trifft trifft man sicher mal bei Kaiser’s am Helene-Weigel-Platz oder sieht ihn im 25. Stock eines Plattenbaus in der Allee der Kosmonauten in den Fahrstuhl steigen.

Frank Zappa war natürlich kein Ost-Berliner und hat die meiste Zeit seines Lebens in Kalifornien verbracht, aber in Marzahn wird dem verstorbenen US-amerikanischen Musiker heute eine Straße gewidmet – die erste deutschlandweit. Und dass gerade ein Freak wie er Spuren in diesem Bezirk hinterlässt, macht die Angelegenheit interessant.

Der Antrag auf Umbenennung der “Straße 13″ ging vom Orwohaus aus, einem ziemlich hässlichen aber riesigen Plattenbau, der nach der Wende lange leer stand. Inzwischen nennt sich das Gebäude “Europas größter Probenraum”, in dem 160 Bands üben. Von der sechsspurigen Hauptstraße aus kann man die Musiker schon jammen hören.

Gefeiert wird die Umbenennung auch: Auf zwei Bühnen spielen ab 16 Uhr bis tief in die Nacht hinein 18 Bands, unter anderen eine Cover-Formation, die den Titel des Zappa-Albums “Sheik Yerbouti” trägt. Am Abend soll um 21:45 Uhr dann das neue Straßenschild enthüllt werden.

Übrigens: Zappa hat mit seinen Mothers of Invention auf einer Tour in der süddeutschen Provinz überaus toll gejammt. Und so freakig wie seine Texte vermuten lassen, war er nicht: Nichts mit LSD und Co. – wenn man seinen Biografen glauben kann, trank er exzessiv Kaffee und rauchte wie ein Schlot.

Orwohaus-Festival am 28.Juli 2007 in Berlin-Marzahn

Foto: Eddie Berman

Potsdam, du Schöne

Foto: Anne Grieger

Freitag ist der Tag der Süddeutschen – wegen des Magazins. Heute ein Glücksgriff, die Seite Drei der Zeitung ist Potsdam gewidmet. Ich bin selbst auf dem Weg nach Potsdam. Artikel über Orte, an denen ich mich aufhalte, lese ich gern. Potsdam sei die am meisten boomende Stadt der Republik, inzwischen für viele attraktiver als Hamburg. Vor wenigen Jahren noch als Stadt der Depressiven abgeschrieben, als Stadt der früheren DDR-Bonzen, habe Potsdam mittlerweile eine Entwicklung durchgemacht, die ohne Beispiel sei. Eine der wenigen ostdeutschen Städte, die nicht schrumpft, sondern kontinuierlich (wohlhabende) Neubürger hinzu gewinnt und eine Akademikerquote von rund 18 Prozent aufweist. Namen wie Günther Jauch, Wolfgang Joop und Nadja Uhl werden seit längerem mit Potsdam in Verbindung gebracht, weitere Promis folgten und kauften leerstehende Villen rund um die Seen.

Am Bahnhof Charlottenhof steige ich mit lauter Touristen aus. Auch sie wirken verloren, wollen offenbar in Richtung Neues Palais und sind zu früh ausgestiegen. Gegenüber des Neuen Palais befindet sich die Universität, ein Gebäudekomplex, der einladend wirkt. “Die absolute Traumstadt zum Studieren”, meinte mal eine Bekannte, die aus Süddeutschland kam, und sich bewusst gegen Berlin entschieden hat. “Die neue Spießerstadt des Ostens”, meinte ein anderer Kumpel, ein Potsdamer, dem “snobistische Wessis” suspekt sind, und der sich als Chronist des Wandels gebärdet. Auch Potsdam polarisiert offenbar.

Ich komme selbst immer nur als Touristin nach Potsdam – mit meinem Berliner Semester-Ticket ging das bis vor kurzem umsonst. Ein paar Stunden in Potsdam lassen die Hässlichkeit meiner Wahlheimat Neukölln jedes Mal stärker zutage treten, als mir lieb ist. Zurück am Hermannplatz will jemand mein Bahnticket haben, Zigaretten, die ich nicht besitze, und zwei kleine Roma-Mädchen lassen mir keine Ruhe. Potsdam, das kleine Paradies im Osten, liegt nur gute 30 Kilometer weit entfernt.

Das wilde Leben kommt uns näher

Foto: Henning OnkenUnsportlich oder im Dienste unserer Sicherheit? – Vor sechs Jahren erlegten Polizisten ein Wildschwein am Ostkreuz in Friedrichshain – mit sechs Schüssen aus einer Maschinenpistole. Der Tod dieses armen Keilers war ein Zeichen – immer mehr Tiere aus dem Umland machen beim Urbanisierungstrend mit und wollen mitten unter uns leben.

Zwei Jahre später tauchten zwei Wildschweine am Alexanderplatz auf und wurden ausgerechnet auf einem Kitagelände erschossen. Vielleicht waren sie Verwandte des Keilers vom Ostkreuz und waren den S-Bahnschienen gefolgt, um ihn zu suchen.

Was machen wir da eigentlich? Einerseits reden wir viel von Toleranz, freuen uns über Nachwuchs bei den Wölfen in Brandenburg oder über ungewöhnliche Freundschaften mit Wildschweinen am Stadtrand. Wenn es hart kommt, lassen wir uns in Lichterfelde von einem Keiler den Vorgarten umpflügen oder Füchse eine Weile in der Palast-Ruine in Mitte hausen. Doch wenn sie uns mitten im Zentrum auf der Straße begegnen, ist Schluss mit der Toleranz und verängstigte Bürger greifen zum Hörer. Rund 35 Mal klingelt das Wildtiertelefon des Senats am Tag, das Wildschweinaufkommen im Stadtgebiet wird dort auf 4000 bis 8000 Tiere geschätzt – den Grunewald eingeschlossen.

Wir nehmen diesen Tieren ihre Lebensräume im Umland weg und wenn sie nicht so süß sind wie Eisbär Knut ist Schluss mit lustig. Wer nicht das Glück hat, als zugewandertes Wildtier mit Thomas Dörflein im Berliner Zoo das Schmusen zu lernen, wird ausgegrenzt und zahlt schnell mit dem Leben.

Die Wildschwein-Mutter auf dem Foto oben habe ich übrigens selbst vor kurzem beobachten können. Gemächlich überquerte sie mit ihren drei Frischlingen über eine Straße in Müggelheim – das ist am süd-östlichen Stadtrand von Berlin – und verschwand im Wald. Die Tiere waren sehr neugierig, hatten aber sogar vor dem Klicken der Kamera Angst. Wie weit wird es mit unserer Toleranz bestellt sein, wenn der jüngst geborene Nachwuchs einer Brandenburger Wolfsfamilie sich nach Berlin aufmacht?

Wildtiere im Stadtgebiet

Video: Spaziergang am Grunewald zu Wildschwein Dobbie

Im Kiez wird geplündert

Kleiderbox in der Liebigstraße - Foto: Henning Onken

Schon wieder ist dieser Altkleidercontainer in der Liebigstraße umgekippt und geplündert worden. Zerschlissene Jeans, Pullover aus den 70er Jahren und ein Paar Pumps, die meiner Großmutter hätten gehören können, liegen verstreut darum herum.

Wer tut so etwas? Kinder ohne Taschengeld? Jugendliche, die hoffen, ein seltenes T-Shirt von Nike zu finden? Oder Punks, die gleich noch ein paar Löcher mehr in die kaputte Hose schneiden? Wahrscheinlich haben sich hier Menschen bedient, die unter dem Radar unserer Versorgungssysteme leben und das Plündern von Containern gewohnt sind. Hinter vielen Supermärkten etwa stehen unverschlossene Behälter mit Lebensmitteln, die oft noch gut essbar sind.

Es sieht jedenfalls ganz so aus, als wolle der Kiez diese Klamotten nicht hergeben. Vielleicht würde es helfen, wenn hier ein Regal aufgestellt würde, aus dem sich die Nachbarschaft offen bedienen kann. An einigen Stellen in Berlin gibt es bereits diese “Freeboxen”, wie etwa in der Schliemannstraße in Prenzlauer Berg oder vor dem linksalternativen Wohn- und Kulturprojekt Köpi in der Köpenicker Straße in Friedrichshain. Problem ist hier allerdings, dass diese Art Kieztausch-Projekte ohne helfende Hände leicht als Entsorgungsstellen missbraucht werden – also mit Dingen zugemüllt werden, wirklich niemand mehr haben will.

Umsonstbox in der Schliemannstraße - Foto: Henning Onken

In Berlin konkurrieren mehrere Organisationen um alte Textilien, deren Entsorgung im Hausmüll verboten ist. Humana stellt seit 1990 Container vor Supermärkten und Wohnhäusern auf, gilt jedoch als umstritten. Kritiker unterstellen dem “Imperium der Kleidersammler” Nähe zu einer Sekte. Inzwischen unterhält Humana auch mehrere große Second-Hand-Läden in Berlin. Mit Containern vor Supermärkten ist auch die Firma Contex präsent, die auf eine “gewerbsmäßige Erfassung” ihrer Sammlung aufmerksam macht. Das Deutsche Rote Kreuz verteilt Kleiderspenden an Obdachlose oder bringt die Textilien in Katastrophengebiete.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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