
Die Frage, die sich gleich beim Anblick dieses Wagens stellt: Wie viele der 147.787 Kreuzberger verfügen wohl über ein eigenes Auto? Eines, das kein alter VW-Bus aus den 80ern ist. Von den 17 Kreuzbergern, die ich kenne, sind es gerade mal zwei. Ein Diplomat, der mit Frau und Kind am Paul-Lincke-Ufer eine Fabriketage bewohnt. Und ein arbeitsloser Werbemensch, der vom Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg in die Schönleinstraße ziehen musste. Zwar wenig repräsentativ, da die übrigen 15 mir bekannten Kreuzberger zum Studium kamen.
Aber egal. Der Besitzer dieser Limousine dürfte am Landwehrkanal sein Bier trinken können, ohne schräg angeschaut zu werden von Kreuzberger Alt-68ern, Fahrrad-Aktivisten und Studis. Mit einem Osnabrücker Nummernschild und einer Weltkugel auf der Kühlerhaube wird man ihm wahrscheinlich sogar Respekt zollen: Wer schon das traurige Los gezogen hat, durch die “Provinz” scheppern zu müssen – etwa wegen einer neuen Stelle – sollte dies zumindest mit einem solchen Gefährt tun. Es ist genau das Statussymbol, das der aus dem Paradies vertriebene Exil-Kreuzberger braucht. In Erinnerung an Kreuzberg.
Die tatsächliche Auto-Dichte in Kreuzberg pro Einwohner konnte ich am Freitag nachmittag nicht mehr ermitteln. Der Sachbearbeiter, der beim Amt für Statistik Berlin die KFZ-Daten verwaltet, ist schon ins Wochenende gegangen.




Der Sportartikelhersteller Reebok setzt offenbar auf eine ähnliche Strategie. “Run easy” prangte noch im Mai an allen Litfasssäulen und Werbetafeln der Stadt – eine Botschaft an Läufer (wohl vor allem untrainierte), sich körperlich nicht zu sehr zu verausgaben. Fand ich gut, Sporthersteller müssen ja nicht jedem blutigen Anfänger suggerieren, mit ihren schnellen Schuhen sei der Berlin-Marathon ein Klacks. Berlin im Juni, die Hauptstädter schwitzen auch ohne körperliche Anstrengungen. Die “Run-Easy”-Plakate sind inzwischen verschwunden – komisch, da doch zu dieser Jahreszeit die meisten Jogger in der Mittagshitze kollabieren. Nachhaltigkeit, wie wir sie aus der Dove-Kampagne gewohnt sind, sieht wohl anders aus. Auch wenn aus Marketing-Gesichtspunkten nicht zehn Wochen lang mit den gleichen Plakaten geworben werden kann – warum gibt es keine neuen, die an die Kampagne anknüpfen? Alle Reebok-Schuhe in Berlin kurzfristig ausverkauft? Oder doch lieber auf Nummer sicher: “schneller=sportlicher=schöner”?






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