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Monatsarchiv für Februar 2009

Der ganze Kiez auf zwei Rädern

Fahrrad am Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain - Foto: Henning Onken

Es ist schon ärgerlich: Mit der Abwrackprämie sorgt der Staat dafür, dass Berlins Straßen dreckig, überfüllt, laut und gefährlich bleiben. Besitzer alter Autos erhalten beim Kauf einer neuen Blechbüchse 2500 Euro.  Wer dagegen seit 20 Jahren mit einem klapprigen Damenrad unterwegs ist und sich endlich einen Drahtesel mit funktionierender Gangschaltung anschaffen will, erhält nichts von den Steuermilliarden.

Unter dem Motto “Neue Räder braucht das Land” hat deshalb der Verkehrsclub Deutschland (VCD) eine Aktion zur Einforderung einer Abwrackprämie für alte Fahrräder gestartet.

Aber was wäre Berlin ohne seine Kiezgurken, ohne die NSU-Räder aus Vorkriegszeiten, ohne die alten Diamant-Möhren der DDR. Nein, eine Verschrottung wäre schade. Schauen Sie sich die Berliner Kandidaten für die Fahrrad-Abwrackprämie mal näher an!

Gefiederte Fans: Sie fliegen auf Berlin

Krähen auf Berliner Dächern - Foto: Henning Onken

Sie sitzen auf den Dächern und schauen uns durch die Fenster beim Essen zu. Und dann, wie auf ein Signal hin, fallen sie zu Hunderten über uns her, hacken mit ihren spitzen Schnäbeln auf Passanten ein. Okay, das gibt’s nur bei Hitchcock, aber etwas seltsam sind diese Krähen-Schwärme doch. Obiges Foto entstand kurz nach Auflösung einer Krähen-Versammlung in Friedrichshain, wo sich fast jeden Tag solche Szenen beobachten lassen. Auch auf den Bürgersteigen und in Parks picken sie krächzend ohne Scheu nach Müll.

Berlin übt besonders im Winter für Krähen aus Osteuropa und Russland eine starke Anziehungskraft aus. Auch die in Berlin ansässigen Krähen, die früher gen Süden geflogen sind, bleiben im Winter zunehmend der Hauptstadt treu, wie Vogelexperten beobachten. An einigen Plätzen der Hauptstadt sind sie heimisch geworden, in der Gegend um den Dom zum Beispiel, am Monbijoupark oder am Flughafen Tegel. Und wenn sie nicht gerade das Dach des Olympiastadions zerhacken, benehmen sich die Vögel anders als der typisch zugeflogene …äh zugezogene Neu-Berliner: Sie setzen sich nicht in den hippsten Quartieren fest, suchen nur ein wenig Wärme der Schornsteine und etwas Abfall. Die Häuser denen, die drauf sitzen!

Dunst und Diesel: Kommt in unsere Raucher-Höhle!

Raucherkneipe in der Proskauer Straße in Berlin-Friedrichshain - Foto: Henning OnkenAlles ist politisch in Berlin, sogar die Eckkneipe in der Proskauer Straße. Kann mich nicht erinnern, jemals Gäste hinter den vergilbten Scheibengardinen gesehen zu haben, doch der Wirt gibt offenbar nicht auf: Er trommelt für das Volksbegehren, mit dem das Rauchverbot aufgehoben werden soll. Ein Akt der Verzweifelung?

Tatsächlich ist das Rauchverbot in Berlin längst gekippt. Bereits heute darf in Einraumkneipen wieder gequalmt werden – sofern Wirte dies wünschen und keine warmen Speisen anbieten. Das Bundesverfassungsgericht hatte im letzten Jahr eine Änderung des Nichtraucherschutzgesetzes angemahnt, mit der Begründung, die Betreiber von Bars mit nur einem Zimmer würden durch das Rauchverbot benachteiligt.

Warum also dieses Volksbegehren, wenn Raucher unter sich bleiben und qualmen können,  soviel sie wollen? Weshalb appellieren die Initiatoren des Volksbegehrens, die sich ausgerechnet “Initiative Pro Genuss” nennen, an die “Toleranz” der Nichtraucher?

Wahrscheinlich fühlen sich selbst Besucher und Betreiber von Raucherkneipen nicht mehr wohl, wenn jeder Gast an einer Zigarette nuckelt. Bevor das Rauchverbot eingeführt wurde, rauchte vielleicht die Hälfte der Kneipenbesucher, der Dunst verteilte sich. Der Dunst ist heute eher Nebel. Kein Wunder, dass da selbst vielen Rauchern die Lust vergeht..

Liebe Zugezogene: Viel Glück mit den Kakerlaken!

"Viel Glück im neuen Wohnparadies!" - Foto: Henning Onken

Das Objekt 05081022 ist frisch entkernt und wartet mit “honigfarbenen Holzdielen” auf neue Mieter. Eine Altbau-Wohnung von 62 Quadratmetern mit Fenstern zum Hof kostet knapp 700 Euro. Aber eh sich noch ein Leser aus Hamburg oder München Hoffnung macht – dieses “Schnäppchen” mitten im “herrlichen Ambiente” der Hundehaufen-Meile Rigaer Straße ist schon vergeben. Nur die anderen Wohnungen mit teilweise mehr als 100 qm sind noch zu haben. Ich will hier aber keine Werbung machen, sondern nur dieses Kunstwerk an der frisch bepinselten Hauswand der 84 bemerken. Darauf stellt man sich die zukünftigen Mieter offenbar als wohlhabende Touristen älteren Jahrgangs vor – und heißt sie scherzhaft willkommen.

Vor knapp zwei Jahren machte ein Dachstuhlbrand alle 48 Bewohner des Hauses obdachlos, das 1990 besetzt und ein Jahr später zu einem legalisierten Hausprojekt mit Mietverträgen geworden war. Nach dem Feuer wurde saniert. Der papierne Gruß wurde übrigens rekordverdächtig schnell wieder entfernt, nur die Kakerlake hat der Putztrupp hängenlassen.

Fotostrecke: Berliner Streetart

Unbezahlbar: Wie Umsonstläden unser Denken herausfordern

Schenkladen in Friedrichshain

Ein Nachbar hat sich über eine “Verslummung” unseres Hofs beschwert.  Ständig müsse er hinter Leuten her räumen. Tatsächlich ist die Auswahl an ausrangierten Monitoren und Fernsehern inzwischen so groß,  dass der Kieztausch hier nicht mehr funktioniert. Wer will schon einen knisternden Bildschirm haben, der Unmengen an Strom frisst?

Keine zwei Straßen weiter gibt es einen Laden, der Abhilfe schaffen könnte. “Bitte keine Sachen vor die Tür stellen”, steht auf einem Schild an der Eingangstür. Der Schenkladen Systemfehler in der Scharnweberstraße nimmt Sachen an, die zu schade zum Wegwerfen sind, und andere noch interessieren könnten: Kleidung, Bücher, Schuhe, aber auch gut erhaltene Elektrogeräte.

Natürlich sei es bequemer, altes Zeug einfach in den Hof zu karren, sagt Alexandra, 21. Die Sozialpädagogik-Studentin ist eine von 15 “Schenkis”.  “Aber kann man halt nicht sicher sein, ob es jemand haben will.”

081121-diverse-bilder-837-2 Der Laden verfolgt durchaus einen erzieherischen Anspruch: Alte Pullover, Skistiefel und Wasserpfeifen müssen Spender selbst in die dafür vorgesehenen Regale einsortieren, oder an Kleiderstangen hängen, die fast bis zur Decke reichen. “Wir schließen hier nur auf”, stellt Steven, ein Theologie-Student mit Dreadlocks und Wollponcho klar. “Organisieren muss sich der Laden selbst.”

Ob Besucher mehr als die fünf erlaubten Teile mitnehmen, überprüfen Alexandra und Steven nicht. Es wäre zwar ärgerlich, wenn jemand Sachen einfach bei Ebay weiter verticken würde – aber nachvollziehen lasse sich das eh nicht. Entscheidend sei, dass sich Leute Gedanken über ihre Konsumhaltung machten. “Es geht hier um etwas anderes als um Geben und Nehmen und Druck”, sagt Steven.

Eine Familie verabschiedet sich freundlich, der Mann schleppt einen nagelneuen Mini-Döner-Grill aus dem Laden. “Hätten wir nie gekauft, aber wenn den keiner haben will…” Richtige Ladenhüter sind im Umsonstladen ausgerechnet Monitore: “Nehmen wir nicht mehr an”, sagt Alexandra. Auf einer Holzempore stehen mindestens acht Geräte.

Armes Friedrichshain, eine Abwrackprämie für diese Art von Elektroschrott wäre echt toll.

Schenkladen Systemfehler in der Scharnweberstraße 29 in Friedrichshain
Umsonstladen in der Brunnenstraße 183 in Mitte
Fotos aus Friedrichshain

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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