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Der verschollene Nachbar

Mein Nachbar ist ausgezogen. Er hat mir weder Bescheid gesagt, noch habe ich seinen Umzug bemerkt, geschweige denn ihm geholfen. Erst ist mir aufgefallen, dass in der Wohnung nebenan andere Musik lief: Drum ’n’ Bass anstatt klassischer Musik oder Schlagern. Dann habe ich im Treppenhaus gesehen, dass ein mir unbekannter, wesentlich jüngerer Mann, begleitet von seiner Freundin, die Wohnungstür von Herrn S. aufschloss. Ich sagte verdutzt hallo, und bin gleich auf meinen Balkon gegangen. Der überklebte Name an der Klingel bestätigte später meinen Verdacht – sicher war ich aber bereits beim Anblick seines Balkons: Herr S. war weg – die putzigen Gartenzwerge waren nämlich verschwunden.

Herr S. war ein älterer Mann mit grauen Haaren und Brille, der gern seine Ruhe hatte. Zum ersten Mal begegneten wir uns im letzten Sommer. Ich war gerade eingezogen und stand auf dem Balkon. Ich hatte meinen CD-Player angemacht, die Balkontür stand offen. Ich lehnte mich über das Geländer. Neben mir plötzlich eine Stimme: „Ihre Musik ist zu laut, das ist die reinste Zumutung.“ Er höre alles, sagte Herr S., ohne mich vorher begrüßt zu haben.

Im selben Monat klingelte es abends an meiner Wohnungstür. Es war zwei nach zehn und Herr S tobte. Ich konnte ihm anmerken, dass er sich längere Zeit geärgert hatte, und seiner Wut endlich freien Lauf ließ. Ich entschuldigte mich höflich, schloss die Tür und stellte die Musik leiser. Einige Wochen später entdeckte ich beim Öffnen der Wohnungstür einen Zettel. Ich ahnte, wer der Verfasser war, obwohl sein Name nicht drauf stand:

“Wir bitten um Einhaltung der Hausordnung. Musik nur in Zimmerlautstärke, nach
22.00 jeden Lärm unterlassen. Ihre Nachbarn.”

Danach habe ich ihn gelegentlich auf der Treppe unseres Hauses gesehen, in letzter Zeit häufiger mit einer Frau. Jedes Mal grüßte ich und ging weiter. Er hat sich nicht mehr bei mir beschwert, also gehe ich davon aus, dass er nicht meinetwegen ausgezogen ist. Umziehen ist in Berlin ja nichts Besonderes. Vielleicht war er die vielen Treppen einfach leid und hat er eine schönere oder größere Wohnung gefunden. In Friedrichshain oder in einem anderen, ruhigeren Bezirk. Oder er ist bei seiner neuen Partnerin eingezogen. Vielleicht konnte er sich auch die teure Wohnung nicht mehr leisten.

Oft weißt du erst, wie viel dir jemand bedeutet, wenn er oder sie nicht mehr da ist. Nein, ich vermisse Herrn S. nicht! Ich frage mich nur, wo er jetzt wohnt und ob er mit seinen Nachbarn klar kommt (und vor allem umgekehrt). Eine Freundin meinte, ich solle mich darüber freuen, dass ich jetzt ohne Sorge eine Party geben kann.

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