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Archiv für das 'Nacht'-tag

Das kalte Leuchten einer gottlosen Stadt

“Wenn ich abends aus dem Fenster meines Hotels schaue, sehe ich im ganzen Straßenzug überhaupt nichts festlich leuchten”, beklagt sich ein Gast, der für ein paar Tage in Berlin ist. Keine Lichterketten, keine Leuchtgirlanden. Es hängt nicht mal ein einsames Terror-Blink-Gesteck in Nachbars Fenster.

Ja, das ist bitter für den Gast, der in so hoch weihnachtlicher Stimmung Halt in der Dunkelheit sucht und nur das kalte Licht von Energiesparlampen findet. Wie anders sei das in seiner Kleinstadt, jammert er weiter und erzählt von liebevoll gebastelten Krippen,  von Sternen, Lichterbögen und Erzengeln. Die Menschen in Berlin hätten halt keine Werte mehr.

Dabei hat er Unrecht. Das Weihnachtsgeblinke breitet sich auch in Berlin aus, springt von Fenster zu Fenster. Das kann man nur einen Block weiter besichtigen. Und wenn nicht: Es gibt Energiesparlampen längst auch in warmweiß. Die strahlen fast so festlich wie eine Kerze.

Fotostrecke: Berlin bei Nacht

Licht und Schatten liegen nah beeinander

Berliner Dom während des Festivals of Lights - Foto: Henning Onken

Das Hotel Adlon, der Dom, das Kranzler-Eck: Wer in den letzten zwei Wochen abends durch die Stadt lief, konnte 40 bekannte Berliner Bauwerke strahlen sehen – durch Lichtdesign. Während der Langen Nacht des Shoppings am letzten Samstag konnten konsumfreudige Berliner zumindest in Teilen der Stadt “in der traumhaften Illuminierung” bis Mitternacht einkaufen. Heute endete das Festival of Lights mit einem großen Feuerwerk am Dom.

Schade eigentlich, dass bei all dem Licht an den Fassaden des Schlossplatz-Ensembles der Palast der Republik, oder was davon noch übrig ist, im Schatten blieb. Es ist leider auch niemand auf die Idee gekommen, die Ringkolonnaden in Marzahn kunstvoll anzuleuchten, die auch gegen den Willen von Anwohnern abgerissen werden sollen. Wie wäre es mit dem Sozialpalast in Schöneberg? “Berlin muss noch heller werden”, erzählte der Gründer des Festivals, Andreas Boehlke, der taz. Aber eben nicht überall. Wo viel Licht ist, fällt auch viel Schatten.

Bilder des Festivals of Lights

Nachtschicht für Berlins 24-Stunden-Gesellschaft

Nachtschicht auf der Baustelle

Sie flicken Straßen, wischen Bahnhöfe oder legen Platten in verrauchten Clubs auf. Ihre Brötchen kaufen sie auf dem Nachhauseweg und gehen nach dem Frühstück schlafen. Nachtarbeit. Wer Glück dabei hat, kann sich mit einem saftigen Zuschlag darüber hinwegtrösten, am Wochenende nicht mehr auf dem Flohmarkt stöbern zu gehen. Nicht einfach auch, sich vor der Sonne verbergen zu müssen, um Schlaf zu finden – wenn einen die Nachbarn denn lassen und das Telefon abgestellt ist.

Wir begegnen ihnen, wenn wir unsicheren Schrittes aus einem Club kommend auf den Nachtbus warten oder ein Taxi heranwinken. Wir gehen an ihnen vorüber, wie an diesem Bauarbeiter in der Leipziger Straße in Mitte. Wann denkt der eigentlich an Party? Auch der Pförtner, an dem ich allabendlich vorbeikomme, schaut stets mit dem gleichen ungerührten Blick kurz von seiner “B.Z.” auf und ist dann wieder allein. Wenn am Morgen die Welle des Berufsverkehrs anrollt, fällt er ins Bett.

Großstadt oder Vorstadt der hochgeklappten Bürgersteige?

Nachtarbeit. Muss das sein, müssen wir 24 Stunden sieben Tage in der Woche shoppen gehen, wie in einem Wilmersdorfer Supermarkt? Ja, zum Teufel, alles andere wäre die Vorstadt der hochgeklappten Bürgersteige, sagt eine Freundin voller Abscheu. Wo steht geschrieben, dass ein Mensch tagsüber arbeiten und nachts schlafen soll? Lasst uns Berlin künstlich ausleuchten, damit sich der Biorhythmus umstellt und die alte Lärmschutzverordnung kippen. Dann sind die Schulden der Hauptstadt schneller abgearbeitet und die Stadt bekommt einen neuen Standortvorteil.

Das ist wahrscheinlich Unsinn. Genau wie die Vorstellung mancher Kreativlinge, man könne nur nachts vor dem Laptop hocken, um Texte wie diesen zu schreiben. Gute Nacht!

Fotostrecke: Berlin bei Nacht

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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