Tag Archive for 'Media-Spree'

Media Spree, der Kiez-Schlucker

Gibt es sie eigentlich, die Befürworter des Projekts Media Spree? Beim Durchblättern der aktuellen Zitty war ich entsetzt über die Abbildung einer Bebauungsplansimulation. Was auf Kreuzberger Seite noch vergleichsweise harmlos anmutet, entpuppt sich am Friedrichshainer Spreeufer als bunkerartiger Komplex, der sich kilometerweit zieht. “Freiräume” sollen vor allem in Friedrichshain verschwinden. Nicht nur für die Strandbars entlang der Spree würde eine Umsetzung der Pläne das Aus bedeuten. Auch Clubs wie das Maria am Ostbahnhof.

Foto: Henning Onken

In Mitte und Kreuzberg muss man schon länger suchen. Weite Teile des Ufers sind jedenfalls nicht zugänglich oder Industriebrachen. Morbider Charme ja, aber bis auf den Cuvry-Straßen-Flohmarkt, der wohl von Media Spree geschluckt werden soll, auch nicht gerade kiezig.

Spreeufer - Foto: Henning Onken

Fotos: Henning Onken

Was wird 2008: Brommybrücke und O2-World

Foto: Henning Onken

Foto: Henning Onken

Schön ruhig auf dem “Brommybalkon”, aber nicht mehr lange: Die Aussichtsstelle an der Kreuzberger Brommystraße soll bald wieder der im Krieg zerstörten Brücke weichen. Für den Senat ist das Projekt der markante ‘Vorbote’ eines umfassenden Umbaus - dem Projekt Media Spree, ein Zusammenschluss aus Investoren zwischen Elsen- und Jannowitzbrücke.

Ein weiterer Baustein soll im nächsten Herbst am anderen Spreeufer fertig sein - die O2-Arena am Ostbahnhof. Für Konzerte werden jetzt schon Karten verkauft. Das freut nicht alle: Viele Anwohner in Kreuzberg glauben nicht, dass es bei einer Fußgänger, Fahrrad- und Omnibusbrücke bleiben wird. Sie befürchten eine starke Zunahme des Durchgangsverkehrs im Wrangelkiez, falls die Brücke für den allgemeinen Autoverkehr geöffnet wird - die O2-World soll bis zu 17.000 Besuchern Platz bieten.

Aus Ärger über den geplanten Brückenschlag hatten Protestler der Initiative “Mediaspree vesenken” im September 2007 für kurze Zeit den alten Brückenpfeiler besetzt und ihm den Namen “Spreehawaii” gegeben. Auch die Unterschriftensammlung für das Bürgerbegehren “Spreeufer für alle” kommt gut voran.

Ein Vorgeschmack auf von privaten Sicherheitsdiensten kontrollierte Uferzonen bietet bereits jetzt die Anlegestelle vor der O2-World, für die eigens 30 Meter der Mauer versetzt wurden. An Silvester setzten dort in schwarz gekleidete Sicherheitsleute ein Böllerverbot durch. Warum eigentlich?

Video: Rap gegen das Projekt Media Spree
Fotostrecke: O2-World

Berlin, Stadt der “Premiumpromenaden”?

Am Griebnitzsee ist in den letzten Tagen das eingetreten, was die Skeptiker von Media Spree für das Spreeufer in Kreuzberg befürchten: Eine kleine Gruppe versucht, der Öffentlichkeit den Zugang zum Wasser zu verwehren. “Schreib’ doch ruhig, die wollten den Pöbel fernhalten”, meinte eine Freundin, die mir von dem Eklat zwischen Anwohnern mit Seeblick und Spaziergängern erzählte.

Die Situation ist wohl verzwickter. Seit Jahren liegen Anwohner mit der Stadt Potsdam im Streit über die Nutzung des Kolonnenweges, eines schmalen Rad- und Wanderweges entlang des Griebnitzsees. Rein rechtlich gehört dieser Streifen jeweils zu den angrenzenden Grundstücken, ist aber seit der Deutschen Einheit als öffentlicher Fußweg genutzt worden. Während des Kalten Krieges patrouillierten hier Grenzer.

Am Montag war die Situation eskaliert, nachdem einige Anrainer private Wachdienste engagiert hatten, um Spaziergänger an der Nutzung des Weges zu hindern. Seit gestern ist der Weg wieder frei, Radfahrer sind unterwegs in Richtung Schloss Babelsberg, aber der Streit geht weiter. Einige Gerichtsverfahren laufen bereits.

“Sie brauchen hier gar nicht rumzuknipsen, alles ist wieder in Ordnung”, sagt ein Tandemfahrer, dessen Frau vor einem Schaukasten der Bürgerinitiative Griebnitzsee für Alle steht. Eine ältere Dame mit Hund, offenbar auch keine Villenbesitzerin, wiegelt ab: Sie könne die Anwohner verstehen, ein Recht auf Privatsphäre hätten die schließlich auch. Aber gleich Sicherheitsdienste zu schicken, sei schon übertrieben.

Kann man in Berlin aus der verfahrenen Situation in Potsdam lernen? Etwa im Umgang mit dem Projekt Media Spree? Die Vorstellung, dass auch an einem bebauten Spreeufer private Sicherheitsdienste angrenzende Objekte schützen könnten, erscheint nicht abwegig. Selbst wenn ein schmaler Grünstreifen für die Öffentlichkeit bliebe: Ein Spaziergang vorbei an bewaffneten Sicherheitsleuten im Rücken als Naherholung für gestresste Kreuzberger und Friedrichshainer? “Das wird eine Premiumpromenade, ganz bestimmt”, meinte die Freundin, die im Wrangelkiez wohnt. “Wer den Dresscode nicht einhält, wird gar nicht erst ans Ufer gelassen.”

O2 World: Nächste Ausfahrt Wrangelkiez?

O2-Arena

Das Potsdamer-Platz-Feeling der frühen 90er Jahre gibt es noch: Auf der Warschauer Brücke stehen zwar keine Touristen vor einer Infobox Schlange, um sich über das Bauvorhaben Nahe des Ostbahnhofs zu informieren: Aber die Kräne, die dort gegenüber der East Side Gallery in den Himmel ragen und bei Einbruch der Dunkelheit wie schlafende Riesen wirken, erinnern an den Bauboom der Nachwende-Zeit.

Am Ostbahnhof entsteht die O2 World - eine Mehrzweckhalle, in der ab Herbst nächsten Jahres bis zu 17.000 Menschen Konzerte und Sport-Ereignisse anschauen sollen. Nur der Bau eines Riesenrades war dem US-Investoren Philip Anschutz anscheinend eine Nummer zu groß. Ein Aufreger ist die Baustelle aber trotzdem: Es scheint schon für einen Artikel zu reichen, wenn dort einige Stahlträger montiert werden.

Videoüberwachter Charme von abgeriegelten Bürobauten am Spreeufer?

Trotz der zahlreichen Berichte in der Berliner Presse bleiben offene Fragen: Wozu brauchen wir eine weitere Großhalle, die den “Kuchen aus Veranstaltungen” nicht vergrößern kann? Und falls die Halle doch zum Besuchermagneten wird: Wie wirkt sich der Massenansturm auf Süd-Friedrichshain und Kreuzberg 36 aus?

Im Rahmen des Investorenprojekts Media Spree wurden zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke brach liegende Gelände am Spreeufer mit dem Ziel gekauft, im ehemaligen Grenzgebiet Medienunternehmen anzusiedeln. Als Vorbild des vom Senat geförderten Stadtumbaus gelten “HafenCity” Hamburgs oder die “London Docklands”. Der videoüberwachte Charme von abgeriegelten Bürobauten im Regierungsviertel macht sich auch am Spreeufer breit, nicht nur bei Universal und MTV.

Wenn sich Angestellte und Besucher in die “angesagten Bars und coolen Locations” aufmachen, wie es in einem Werbefilm der Investorengruppe heißt, dann dürfte sich dort einiges ändern. Nicht nur Latte Macchiato-Trinker mit Apple-Laptops im Wrangelkiez, sondern auch steigende Mieten werden die Folge sein. Die schöne neue “Sauerstoffwelt” wird zumindest viel CO2 produzieren, wenn wie geplant eine Autobrücke von der Brommystraße über die Spree gebaut wird.




Close
E-mail It