Plötzlich steht da ein rauschebärtiger Alter. Er sagt nichts, tut nichts, und wie das so ist in einer vollen S-Bahn hat ihn die Menge auch schnell wieder verschluckt. Aber Moment: “Frage mich nach Jesus” prangte da in großen Lettern auf seinem Koffer, den er nach Blicken suchend quer durch die Bahn trug.
Der Mann ist längst ein Berliner Original, so viel ist mit den Jahren über ihn und seinen Koffer geschrieben worden. Fast jeder hier ist ihm schon mal begegnet – und fast niemand hat je mit ihm geredet.
Ein Katholik findet den Koffer peinlich, natürlich aber die missionarische Haltung vorbildlich, der Kolumnist Harald Martenstein wagt mit ihm einen Plausch über das Wetter und diverse Blogger sehen ihn stumm an sich vorüberziehen.
Allein ein Autor der linken Tageszeitung Jungleworld bringt die Neugier auf, ihm ein Portrait zu widmen. Wolfgang heißt der Obdachlose demnach, den Jesus höchstpersönlich auf die Idee mit dem Koffer gebracht haben soll.
Den Rufer in der Wüste macht Wolfgang schon ziemlich lange: Dieses Foto zeigt ihn vor seinem stilprägenden Einfall, wie er Mitte der 90er Jahre ein großes Schild mit Bibelspruch an Berliner Kaufhäusern vorbei trägt.
Es gibt manchmal Ideen, die Menschen unglaublich zäh und zeitlos erscheinen lassen.
Foto: Nicole Gräther
Fotostrecke: Berliner Seitenblicke












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