Unsportlich oder im Dienste unserer Sicherheit? – Vor sechs Jahren erlegten Polizisten ein Wildschwein am Ostkreuz in Friedrichshain – mit sechs Schüssen aus einer Maschinenpistole. Der Tod dieses armen Keilers war ein Zeichen – immer mehr Tiere aus dem Umland machen beim Urbanisierungstrend mit und wollen mitten unter uns leben.
Zwei Jahre später tauchten zwei Wildschweine am Alexanderplatz auf und wurden ausgerechnet auf einem Kitagelände erschossen. Vielleicht waren sie Verwandte des Keilers vom Ostkreuz und waren den S-Bahnschienen gefolgt, um ihn zu suchen.
Was machen wir da eigentlich? Einerseits reden wir viel von Toleranz, freuen uns über Nachwuchs bei den Wölfen in Brandenburg oder über ungewöhnliche Freundschaften mit Wildschweinen am Stadtrand. Wenn es hart kommt, lassen wir uns in Lichterfelde von einem Keiler den Vorgarten umpflügen oder Füchse eine Weile in der Palast-Ruine in Mitte hausen. Doch wenn sie uns mitten im Zentrum auf der Straße begegnen, ist Schluss mit der Toleranz und verängstigte Bürger greifen zum Hörer. Rund 35 Mal klingelt das Wildtiertelefon des Senats am Tag, das Wildschweinaufkommen im Stadtgebiet wird dort auf 4000 bis 8000 Tiere geschätzt – den Grunewald eingeschlossen.
Wir nehmen diesen Tieren ihre Lebensräume im Umland weg und wenn sie nicht so süß sind wie Eisbär Knut ist Schluss mit lustig. Wer nicht das Glück hat, als zugewandertes Wildtier mit Thomas Dörflein im Berliner Zoo das Schmusen zu lernen, wird ausgegrenzt und zahlt schnell mit dem Leben.
Die Wildschwein-Mutter auf dem Foto oben habe ich übrigens selbst vor kurzem beobachten können. Gemächlich überquerte sie mit ihren drei Frischlingen über eine Straße in Müggelheim – das ist am süd-östlichen Stadtrand von Berlin – und verschwand im Wald. Die Tiere waren sehr neugierig, hatten aber sogar vor dem Klicken der Kamera Angst. Wie weit wird es mit unserer Toleranz bestellt sein, wenn der jüngst geborene Nachwuchs einer Brandenburger Wolfsfamilie sich nach Berlin aufmacht?
Wildtiere im Stadtgebiet
Video: Spaziergang am Grunewald zu Wildschwein Dobbie
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