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Monatsarchiv für August 2010

Der Tod lauert in der Tonne

Brauchbares aus dem Container zu fischen, gilt in einigen Kreisen als hip. Von “Dumpster Diving” ist die Rede – Leute tauchen in die Mülltonne und bergen Schätze. Bevorzugt vor Supermärkten. Eine natürliche Reaktion auf den Überfluss im Kapitalismus. Tipps für Anfänger gibt es jede Menge im Netz. So raten Aktivisten, Container sauber zu hinterlassen, nicht den gesamten Inhalt auf dem Boden zu verteilen. Denn Supermarktmitarbeiter reagieren gereizt auf Schweinereien. Auch ein kleines Werkzeug ABC fehlt in diesen Anleitungen nicht: Leser erfahren, dass sich einige Abfallbehälter am besten mit Dreikant-Schüsseln öffnen lassen und notfalls brachial mit Bolzenschneidern.

Was für einige ein Abenteuer mit kalkulierbarem Risiko zu sein scheint, ist für viele arme Berliner längst zur Überlebensstrategie geworden. Nur warten sie nicht auf Supermarktparkplätzen, bis palettenweise Obst und Gemüse weggeworfen werden; sie huschen eher von Hinterhof zu Hinterhof, auf der Suche nach Pfandflaschen, alten Schuhe und Joghurtbechern. Manche nicken verschämt, wenn sie auf Bewohner treffen.

Dass sich Menschen bei diesem unangenehmen Job auch blaue Flecken holen, ist nur ein Nebenaspekt. Seit kurzem pappt an der Mülltonne im Hof ein Aufkleber, der vor Verletzungsgefahr warnt. Man könnte der Berliner Stadtreinigung unterstellen, auf diese Weise unliebsame Müllverwerter abschrecken zu wollen. Doch ältere Container, deren Deckel automatisch zurückschnellt, sind tatsächlich gefährlich.  So soll in Erfurt 2008 ein Kind im Müllcontainer eingeklemmt und an den Folgen seiner Verletzungen gestorben sein.

Eine Schlagzeile “Armer Berliner in Mülltonne verendet” kann niemand in dieser Stadt gebrauchen. Nicht die BSR, die eh den Ruf hat, ganze Straßen und Plätze zu vernachlässigen und auch nicht Wowereit, der im kommenden Jahr wieder gewählt werden will. Wundern würde es einen trotzdem nicht.

“Hilf mir, ick schaff ‘et nich mehr!”

Die alte Dame hielt sich mit beiden Händen an Sträuchern fest. In Hauskleid und Strickjäckchen stand sie auf einem Bürgersteig in Buckow und sank fast in sich zusammen. Sven konnte ihr gerade noch unter die Arme greifen – sie war nicht mehr in der Lage auch nur drei Schritte zu gehen.

“Ist sie tot?”, fragte die Feuerwehr als erstes, nachdem Sven mühsam mit einer Hand das Telefon aus der Tasche gekramt und den Notruf gewählt hatte.

Mit der anderen hielt er die alte Frau. Beinahe hätte Sven das Gespräch abgebrochen, denn der Mann von der Rettungsstelle verlor sich in immer detaillierteren Fragen zu ihrem Bewusstseinszustand. Warum schickte er nicht einfach einen Wagen? Die Alte musterte Sven misstrauisch und umklammerte ihre Handtasche. Sie begriff offenbar nicht ganz, dass ihr jemand helfen wollte. Der Rettungswagen kam dann aber schnell.

Keine Ruhezonen auf dem Bürgersteig

In der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain ist mir vor einiger Zeit etwas Ähnliches passiert. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs als ich leise Schreie hörte. Eine weißhaarige Frau auf dem Gehsteig war gestürzt. Sie lag auf dem Rücken und ruderte mit Armen und Beinen fast wie ein hilfloser Käfer. Mit einem Ruck stellte ich sie wieder auf die Füße und wunderte mich über ihre Leichtigkeit. Sie wäre prompt wieder gefallen, weil sie sich sofort nach ihrer Tasche bücken wollte.

Die Frau war in der Apotheke gewesen und wies auf einen der hohen Plattenbauten als ihr Zuhause. In dieser Gegend, die manche verächtlich “Stasi-Rentner-Kiez” nennen, gibt es einen Supermarkt mit Lupen an Einkaufswagen. Bürgersteige mit Ruhezonen für die Generation 70 plus sind aber nicht in der Planung.

Zu eitel für den Rollator

Eine Frau aus der Nachbarschaft versprach schließlich, die Rentnerin zu ihrer Wohnung zu bringen. Sie wollte mich kaum wieder loslassen. In ihren Augen hinter der Brille mit dem Goldrand eine Mischung aus Angst und Dankbarkeit.

Warum stützen sich Menschen wie sie nicht auf einen Gehwagen? Oder nehmen zumindest einen Stock mit? “Mein Mann ist zu stolz, sich auch nur auf einen Regenschirm zu stützen”, sagte mir die Ehefrau eines 79-Jährigen. Am Stock oder mit dem Rollator durch die Straßen zu gehen, kann der Eitelkeit zusetzen.

Die Modebranche könnte es älteren Menschen leichter machen, ihre Gebrechlichkeit zu akzeptieren. Models, die Mini-Schweine ausführen oder sich leere Cola-Dosen in die Haare drehen, könnten auch mal einen Rollator über den Laufsteg schieben. Eine Mission für Lady Gaga, die gerade graue Haare zum Trend gemacht hat.

Gibt was zu sehen unter der Hochbahn

Mitten auf der Skalitzer Straße sitzt eine alte Frau in Puschen, in der Hand einen Klostampfer. Sie lässt den Verkehr vorbeiziehen, der entlang der Hochbahn wie eine Schneise durch Kreuzberg fließt. Er stört die Alte nicht. Ein paar Meter weiter will ein Junge gerade einen alten Fahrradreifen unter den Gleisen entlang rollen, ganz in der Nähe schläft ein Obdachloser auf einer Bank. Auch ihn scheint der Verkehr, der hier vierspurig rollt, nicht weiter zu beeindrucken.

Die Frau und der Junge sind Motive einer kleinen Galerie wild geklebter Streetart, die an den Betonpfosten unter den Gleisen wächst. Sie entsteht seit einigen Monaten just dort, wo die Wrangelstraße in ungleiche Teile zerbricht: Nördlich der Skalitzer ist erst einmal Schluss mit dem Szenekiez, der im Süden die Mieten treibt. Auf der anderen Seite gibt es eine Schule und Kreuzbergs ersten McDonald’s. Die Kreuzberger hatten bis zuletzt gegen die Burgerbraterei protestiert, die vor knapp drei Jahren dann doch eröffnete.

“Hey, komm doch ma her, wat machst’n du?” Ein älterer Mann sitzt vor dem kleinen Imbiss auf der Nordseite, der sich dort trotz der Burger-Konkurrenz gehalten hat. Er trinkt einen Schluck aus seinem Plastikbecher und betrachtet Passanten bei ihrem Gang durch die Kiez-Schneise. “Ick bin Bernd.” Bernd trägt einen Blaumann, schwere Arbeitsschuhe und füllt seinen Feierabend augenscheinlich gerne mit Gesprächen.

Wie lange ich in Berlin sei, will er als erstes wissen, dann erzählt er zufrieden von dem schönen Imbiss und dessen Besitzer. An einem Tisch des Drive-Ins 40 Meter weiter kann man ihn sich schwer vorstellen, zumindest so lange es Andys Imbiss gibt.

Schließlich murmelt Bernd etwas, das ich kaum erwartet habe: “Die Bilder da drüben, die sind ja auch super”.

Fotos aus der Skalitzer Straße

Update 4.9.2010: Die Stadtreinigung hat diesen Bildern den Garaus gemacht :-(

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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