Nach der irrwitzigen Shopping-Center-Eröffnung am Alexanderplatz muss die Frage erlaubt sein, ob es noch andere Wege gibt, sich seinen Hausrat zu beschaffen, als mitten in der Nacht wie eine Horde Vandalen ein Kaufhaus zu stürmen. Es gibt sie, aber einfach ist es nicht: “Wäscht noch, dreht langsam, bleibt manchmal im Programm stehen”, steht an einer verlassenen Waschmaschine in der Rigaer Straße. Ein alter Videorekorder ist auch noch zu haben. Wer in Friedrichshain seinen Müll loswerden will, stellt ihn einfach vor die Haustür - vorzugsweise nachts.
Eines späten Abends wäre mir dort beinahe ein Teppich auf den Kopf gefallen. Die Rolle knallte fünf Meter vor mir auf den Gehsteig und verbreitete eine beträchtliche Staubwolke. Dem Werfer war seine Aktion anscheinend peinlich, denn in dem geöffneten Fenster der dritten Etage rührte sich nichts. Da hatte sich wohl jemand neue Auslegware im Baumarkt geholt und keine Lust, mit dem alten Teppich die Treppen hinab zu laufen, ihn in kleine Stücke zu schneiden und damit die Hausmülltonnen dicht zu stopfen.
Zweite Chance beim Nachbarn
Vieles von dem, was auf der Straße landet, bekommt in der Nachbarschaft eine zweite Chance. Die halb kaputte Waschmaschine hat sich wahrscheinlich ein findiger Familienvater wieder funktionsfähig geschraubt und auch der vom Himmel gefallene Teppich entpuppte sich auf den zweiten Blick als fast ohne Fehl und Tadel. Wer weiß - vielleicht macht der Teppichwerfer bei Freunden eine überraschende Entdeckung auf dem Fußboden.
Doch was für die meisten ein Müllproblem darstellt, und für einige ein sinnvoller Austausch von Haushaltsgegenständen erscheint, ist in jedem Fall illegal. Kaputte Elektrogeräte wie Föhne, Rasierapparate dürfen nicht einmal in den Hausmüll geworfen werden. Die Stadtreinigung BSR nimmt aber bis zu 20 Geräte kostenlos an. Möglich ist das auf den 15 Recyclinghöfen in der Hauptstadt. Laut Umweltsenatorin Ingeborg Junge-Reyer werden in Berlin jedes Jahr 10.000 Tonnen verwertbare Elektrogeräte weggeworfen.
Spenden statt Wegwerfen
Viele Sachen sind aber zum Wegwerfen wirklich zu schade, das weiß man auch bei der Stadtverwaltung. Wohin also mit dem aus der Mode gekommenen aber intakten Elektro-Lockenwickler? In jedem Bezirk gibt es Hilfsorganisationen, die Sachspenden sogar kostenlos abholen. Die gemeinnützigen Organisationen helfen damit Menschen, denen es an allem fehlt.
Mit den gespendeten Sachen können sich mittellose Menschen kostenlos kleiden oder Teile ihrer Wohnungseinrichtung zusammenstellen, wenn sie denn überhaupt eine haben. Im Falle eines Weiterverkaufs werden die Erlöse meist an soziale Projekte weitergereicht.
Eine Reihe von kleineren Hilfsprojekten im ganzen Stadtgebiet bleibt unbenannt, wie zum Beispiel die Freebox in der Prenzelberger Schliemannstraße 40. Hier findet der Kieztausch quasi im Vorbeigehen statt, funktioniert aber leider auch nicht immer reibungslos. „Wir sind ein soziales Projekt und nicht verantwortlich für Euren Sondermüll” heißt es auf dem Schild über der Box. Besonders verärgerte Freeboxler haben noch halbernst dazugekritzelt, dass der Ort videoüberwacht werde.
Der Umsonstladen in der Brunnenstraße 183 ist Teil eines räumungsbedrohten Hausprojektes in Mitte und nimmt eigentlich alle “gebrauchsbereiten Dinge” an. Nur für Bücher hat man zurzeit keinen Platz. Die Sachen werden ganz bewusst weiter verschenkt und in der “Food Corp” des Ladens können sich die Besucher gleichzeitig mit Öko-Lebensmitteln aus der Region eindecken. Manchmal funktioniert Konsum ohne Shopping-Center.
Berliner Stadreinigung: Online-Verschenkemarkt
Berliner Stadtreinigung: Spenden statt Wegwerfen
Berliner Stadtreinigung: Annahmestellen für Sachspenden
Umsonstladen in der Brunnenstraße 183













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