Tag Archiv für 'lichtenberg'

Hauptstadt der Pfützen

Idee?

Hört das eigentlich irgendwann wieder auf? An den Ausgängen der S-Bahn sammeln sich Leute und betrachten skeptisch den Himmel. Es gießt mal wieder in Berlin. Andere haben sich längst daran gewöhnt, einen Regenschirm mitzunehmen und laufen los, wie diese Frau in der Karlshorster Straße in Lichtenberg.

Das Jahr begann mit dem Orkan Kyrill, der bei offenem Fenster die halbe Wohnung unter Wasser setzte. Dann kam der Sommer, der uns dermaßen viele Grillfeste verdarb, dass die Meteorologen längst von einer Naturkatastrophe sprechen. Und gestern wurde in der Wetterstation Dahlem der Regenrekord aus dem Jahr 1926 gebrochen. Das mag gut sein für Billig-Airlines und Reisebüros und schlecht für Cafés, Strandbars oder Cabrio-Fahrer. Besonders Radfahrern geht die Nässe ziemlich auf die Nerven.

“Berlin wird ein Klima haben wie in Süditalien”, hat ein Wetterexperte den Klimawandel vorausberechnet. Stattdessen führt jetzt der Weg durch den Görlitzer Park in eine einzige Pfütze.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Hinter Friedrichshain. Do widzenia, Lichtenberg!

Alt-Friedrichsfelde

Alle wollen Texte über Berlins Ostbezirke, aber kaum jemand opfert ernsthaft einen Tag, um die Schlafstädte aus DDR-Zeiten selbst zu erkunden. Schade eigentlich. Schaurig schön Lichtenberg mit seinen “Neubausiedlungen” (Platten, die ab Anfang der 70er Jahre entstanden, und weitgehend saniert wurden), den vielspurigen Straßen und dem großen Bahnhof, an dem Fremde ungerne umsteigen. Der Reiz besteht vor allem darin, dass man kaum Touristen oder Berlin-Schwaben begegnet und auch keinen Rheinländern.

Folgt man der Frankfurter Allee von Friedrichshain Richtung Osten, gelangt man automatisch nach Alt-Friedrichsfelde. Die Straße, in der die Gebäude zig-geschossig in den Himmel ragen, hieß früher “Straße der Befreiung” und verbindet Berlin und Warschau wie eine Achse. Wer noch weiter ostwärts fährt, landet irgendwann in Moskau. Hier, wo niemand aus Restdeutschland freiwillig seine Zelte aufschlagen würde, in einer kleinen Nebenstraße, haben sich Arbeiter aus Polen niedergelassen.

Sie haben Wäscheleinen gespannt, Satellitenschüsseln montiert und polnisches Bier herangeschafft. Reichlich abgerockt wirkt das unsanierte Gebäude, auf der Rückseite wuchert das Unkraut von den Balkonen. Ob es sich hier aushalten lässt?

“In dem Haus war früher ein Kinderheim”, erzählt eine Freundin, die in der Nachbarschaft aufgewachsen ist. Kinder gibt es in dem Bezirk immer weniger, an Schulschließungen führt offenbar kein Weg vorbei. Von den neun Gymnasien 2003/2004 sind laut einer Publikation des Bezirkes im Jahr 2006 gerade mal sechs übrig geblieben, von neun Gesamtschulen 2003/2004 nur fünf. Im Jahr 1995 gab es doppelt so viele sechs- bis 18-Jährige wie heute.

Die polnischen Arbeiter - fernab von ihren Familien, von ihren eigenen Kindern irgendwo in Breslau oder Danzig. Bedeuteten die Plattenbausiedlungen, die im gesamten früheren Ostblock von Halle bis Stettin gleich aussahen, vielleicht ein Stück Heimat in der Fremde?

Wahrscheinlich sehen es die Leute eher pragmatisch und haben sich gar nicht erst um Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg bemüht. Die Mieten in Lichtenberg sind vergleichsweise moderat und aufgrund der vielen Hochaltrigen im Bezirk scheint es einen Bedarf an haushaltsnahen Dienstleistungen zu geben. Gleich gegenüber befindet sich übrigens ein Altenheim - vom gleichen Wohnungstyp wie das frühere Kinderheim - nur aufwendig saniert.

Hartz-IV-Unterricht an Berliner Schulen?

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Nicht für die Schule, sondern fürs Leben und so weiter… Der Lehrer, ein hagerer weißhaariger Altphilologe, der Rothändle rauchte und ständig entzündete Augen hatte, wurde nicht müde, diesen Spruch Woche für Woche wiederholen zu lassen. Einen Bezug zum Leben konnten wir in dem Stoff, den er vermittelte, damals nicht sehen. Egal.

Etwas fürs Leben lernen bedeutet für viele Berliner Schüler, sich für eine unsichere Zukunft wappnen zu müssen. Ohne Sinnsprüche. 37 Prozent der Berliner Kinder sind laut einer neueren Studie des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) mittlerweile bedürftig, Armut, die sich sich in den meisten Fällen selbst reproduziert, so Soziologen. Schwierige Familienverhältnisse, kaum Perspektiven auf den Besuch einer weiterführenden Schule, fehlende Ausbildungsplätze und das Gefühl, dass ohnehin niemand Anforderungen stellt - für viele Jugendliche längst Realität.

Anleitung zum Armsein

Lehrer tun also gut daran, ihren Schützlingen ein realistisches Bild über ihre Chancen nach dem Ende der Schulzeit zu vermitteln. Über eine Zukunft, die für viele der über 15-Jährigen ein Leben von 267 Euro im Monat bedeutet, sofern sie noch in einer Bedarfsgemeinschaft leben, die sie nicht mitfinanzieren kann. An einer Bochumer Förderschule wird daher seit einiger Zeit Hartz IV-Unterricht erteilt: Wie viele Quadratmeter darf die Wohnung haben, wenn man doch dafür kämpft, zu Hause ausziehen zu können, wie hoch dürfen die Nebenkosten sein? Wie geht man plötzlich mit ganz viel freier Zeit um, wenn der Schulalltag wegfällt?

Diese Anleitung für das Leben in Armut - ein neues pädagogisches Konzept, das auf paradoxe Reaktionen setzt? Das eine Rebellion gegen die Hoffnungslosigkeit provozieren will, die nicht nur an der Schule gepredigt wird? hier geht’s weiter mit ‘Hartz-IV-Unterricht an Berliner Schulen?’

Schlachthof zwischen drei Bezirken

Raumschiff @ Schlachthof

Die Reste der Hammelauktionshalle am S-Bahnhof Storkower Straße haben schon etwas Außerirdisches, besonders nachts. Das Gelände des Alten Schlachthofes zwischen Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Lichtenberg erinnert an eine Zeit, in der man in Berlin noch ganz anders mit Fleisch umging, als heute.

Obwohl wir auch dieser Tage oft rätseln, wo und unter welchen Umständen die Tiere gelebt haben, die auf unserem Teller landen, war Fleischkonsum bis ins 19. Jahrhundert hinein noch unsicherer als heute. Damals lebten die Berliner eng mit ihren Tieren zusammen, die in Ställen auf Hinterhöfen gehalten und geschlachtet wurden.

“Schädigungen der Volksgesundheit”

Oft ging es dabei gefährlich unhygienisch zu. Wenn Metzger vergammeltes Fleisch mit Blut färbten oder altes Gehacktes mit Frischfleisch streckten, konnten sich Menschen massenhaft mit Milzbrand oder Tuberkulose infizieren. Allein die Fäkalien der Tiere konnten in den Wohnbezirken der aufstrebenden Metropole “zu schweren Schädigungen der Volksgesundheit führen”, wie der Mediziner und Hygieniker Rudolf Virchow (1821-1902) festhielt. (1)

Mensch und Tier gehörten also nicht mehr zusammen in der modernen Großstadt. Am Ende dieser Erkenntnis stand der Bau eines zentralen Vieh- und Schlachthofes für die fleischhungrige und rasant wachsende Berliner Bevölkerung. Die Rinderauktionshalle auf dem etwa 50 Hektar großen Gelände entstand 1881.

Zum langen Jammer

Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Bomben das Schlachthofgelände, doch das endgültige Aus kam erst mit der Wende. In den 90er Jahren gab es mehrere Nutzungsansätze für die leerstehenden Gebäude, doch eine Großdisco oder Künstlerateliers konnten sich nicht halten. Heute wird das Gelände als “Zunftviertel” von Werkstätten, Gastronomie und Einzelhandel genutzt und weiter erschlossen.

An vergangene Zeiten erinnert zwischen Storkower und Eldenaer Straße neben der “spacigen” Bauruine im Blankensteinpark auch die Straße “Zum Langen Jammer”. So nannten Anwohner die reichlich verwahrloste Fußgängerbrücke, die aus hygienischen Gründen über das Schlachthofgelände zum S-Bahnhof führte.

(1) zitiert nach: “Das Ende vom langen Jammer”
Website: Zunftviertel Alter Schlachthof

Rätselraten um einen vermissten Hund

Schwer zu sagen, wie viele Hunde täglich in Berlin den Besitzer wechseln. Einige Leute können offenbar nicht widerstehen, wenn sie vor dem Supermarkt einen fremden Hund sehen. Sie binden den Köter los und laufen dann einfach weiter. Mal abwarten, was passiert. Hunde sollen ja angeblich jedem folgen, der mit einem kleinen Bestechungsimbiss lockt.

“Iman” muss ein integrer Rottweiler gewesen sein, einer, der sicher nicht jedem beliebigen Hundebetörer zum Opfer gefallen wäre. Sonst hätte Danny, sein Besitzer, sicherlich keine Belohnung über 1500 Euro ausgesetzt. Dennoch: Wer wird schon in Kreuzberg oder Neukölln seinen Kampfhund “Iman” nennen? Fahrlässig. Geradezu eine Einladung an Kidnapper, die ihre religiösen Gefühle verletzt sehen. Oder an radikale Tierschützer, die Danny Tierquälerei unterstellen, so abgemagert, wie der Hund auf dem Zettel aussieht. hier geht’s weiter mit ‘Rätselraten um einen vermissten Hund’

Osterspaziergang

Der Osterspaziergang findet doch statt. Weil Besuch aus Frankreich da ist - extra wegen des Spaziergangs. Vier belesene Franzosen. Es gebe ja gar keine schwarzen Pudel in Berlin, stellte H. enttäuscht fest. In den Bezirken, in denen ich unterwegs bin, sind mir in letzter Zeit tatsächlich keine mehr aufgefallen. Nur der Zeitungs-Bote hat noch einen Pudel, allerdings einen weißen. In Frankreich seien die Hunde nach wie vor en vogue, sagten die französischen Besucher. Es gebe Pudel-Clubs, Pudel-Websites, Pudel-Maskottchen. In einem Ostberliner Stadtteil soll es offenbar doch noch Pudel geben: In Friedrichsfelde. Dort befindet sich der bekannte Sozialistenfriedhof, auf dem von Rosa Luxemburg bis Markus Wolf alle begraben liegen, die Rang und Namen hatten. Auch die Berliner Bezirkszentrale der Stasi war dort angesiedelt. Viele der Einwohner Friedrichfeldes sind inzwischen Rentner, das Durchschnittsalter liegt dort zehn Jahre über dem Berlins, bei etwa 52 Jahren. Beim Friseur in der Siedlung Alt-Friedrichsfelde gibt es extra Tarife für Senioren. Nicht nur für Dauerwellen. Einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Durchschnittsalter eines Berliner Stadtteils und seiner Pudeldichte zu ermitteln - das dürfte die Datenlage wohl nicht hergeben. Wie auch immer, wenn der Osterspaziergang friedlich verliefe, wäre ich schon zufrieden. Von Pudeln sollte jedenfalls keine Gefahr ausgehen.



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