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Monatsarchiv für August 2007

Tote auf Reisen

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Makabere Angelegenheit oder einfach die Europäisierung einer Dienstleistung? In Zeiten von Hartz IV und Dumpinglöhnen überlegen sich immer mehr Berliner, wohin mit ihren Toten und zu welchem Preis. Für das Begräbnis Omas Laube zu verscherbeln – das hätte die sicherlich nicht gewollt. Großmutter – Geschäftsfrau und Feilscherin – hätte eine Möglichkeit aufgetan, zu einem fairen Preis gehen zu dürfen. Sie hätte die Angebote diverser Bestattungsunternehmen verglichen, Kostenvoranschläge eingeholt und dann entschieden. Ohne perfekte Inszenierung am Ende: ungeschminkt und unprätenziös.

Die “günstige Beerdigung” gibt es natürlich längst – eine anonyme Einäscherung in Polen oder Tschechien etwa. Spätestens seit die Krankenkassen das Sterbegeld strichen, stellt sich die Frage nach dem billigen Tod neu in einer Stadt, in der das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 2006 gerade mal bei 23 600 Euro lag (Hamburg: 49 200 Euro). Tote werden in Leichenwagen über die Grenze geschafft und kehren im Zweifelsfall in der Kaffeedose zurück, um dann völlig legal auf dem Friedhof beigesetzt zu werden. Ein Dumpinganbieter in der Frankfurter Allee wirbt mit Urnenbestattungen ab 525 Euro. Schon komisch. Waren die Kosten für Bestattungen hierzulande einfach überzogen? Oder erhält man bei einer Billig-Einäscherung an Stelle der Asche des Verstorbenen dann irgendeine Urne? Feuer-Bestattungen, die in Berlin bereits im Jahr 2000 drei Viertel aller Bestattungen ausmachten, kosten bei großen Instituten etwa 2500 Euro – nicht gerade wenig, wenn man bedenkt, wie lange eine anspruchslose alte Dame mit dieser Summe auskommt.

Foto: Oliver Braubach

Website: Aeternitas – Verbraucherinitiative Bestattungskultur

Beach-Volleyball hinter Aldi

Strandbar hinter Aldi

In Berlin wird einfach irgendwo eine Kippe Sand abgeladen und fertig ist die Strandbar. Die Illusion vom Strand ist fast perfekt hinter dem Aldi-Markt an der Revaler Straße in Friedrichshain. Wenn dort die Beach-Volleyballer Bälle übers Netz pritschen, rauscht es nebenan wie die Brandung der Nordsee. Die ist von hier aus allerdings weit weg und auch das Spreeufer ist nicht in der Nähe. Was hier rauscht, ist das Wasser der Duschen und Toilettenhäuschen.

Aber das tut dem Spaß keinen Abbruch – in Lunas Strandgarten wird gebaggert, bis der Winter kommt. Hier wird man übrigens nicht wie in etlichen “Premium-Strandbars” der Hauptstadt am Eingang auf Getränke gefilzt und könnte sich theoretisch gleich ein Sixpack Sternburger von Aldi mitbringen. Es wäre aber gemein zu sagen, dies sei deshalb eine Assi-Strandbar. Auf Sand gebaut ist Trumpf in Berlin, egal wie.

Fotostrecke Berliner Seitenblicke

Das Ende eines Marzahner Plattenbaus

Plattenbau Abriss in Marzahn

Am Ende gleichen sich die Bilder – alles sieht aus, wie am Anfang: Auf der Wiese stapeln sich Platten und daneben wird gewerkelt. Wenn Arbeiter einen WBS 70 zerlegen, reißen sie Bauelemente komplett mit Fenstern und Gardinen heraus. Die liegen jetzt vor der Ruine in der Wuhlestraße und warten auf den Abtransport. Auf jeder Platte ist das Fertigungsdatum noch lesbar: 13. Mai 1983, 27. Juni 1983.

Damals lagerten diese Platten hier, um im Legoland des sozialistischen Wohnungsbaus zu 11-geschössigen Hochhäusern zusammengesetzt zu werden. Den Sozialismus vorantreiben: Erst wurde die S-Bahn gebaut, dann schoss der erste Satellit der Marzahner Großsiedlung in die Höhe.

Plattenbau Abriss in Marzahn

“Wir blicken voller Angst in eine ungewisse Zukunft.” Die Entscheidung zum Abriss kam besonders für ältere Bewohner überraschend, die vor mehr als zwei Jahrzehnten als erste hier einzogen. Ein Mieter wollte nicht freiwillig gehen und lebte bis kurz vor Beginn der Abrissarbeiten allein in einem Geisterhaus. Doch die meisten seiner ehemaligen Nachbarn haben sich mit der Situation längst arrangiert, wohnen in umliegenden Neubauten oder in sanierten Platten.

“Gut, dass der Klotz endlich wegkommt”, freut sich ein Anwohner. Die Senatsverwaltung macht unsanierte Platten wie diese für einen Leerstand von zwölf Prozent in den 1323 Wohnungen im Kiez um die Wuhlestraße verantwortlich.

Plattenbau Abriss in Marzahn

Platte mit Aussicht? Aus den Wänden, zwischen den sich das Leben hunderter Menschen abspielte, entsteht wieder Beton. Alles kommt zurück und wandelt nur seine Form im Arbeiterschließfach-Zyklus. Und die alte Form passte nicht mehr in unsere Zeit. Aber hat sie nicht einen kleinen städtebaulichen Moment lang hell geleuchtet, hat von Berlin bis Ulan Bator im ganzen Ostblock Menschen ein Zuhause gegeben.

Und nicht überall müssen alte Plattenbauten verschwinden. “Das sieht aus wie bei uns”, meinte eine Bekannte aus Moskau, als wir mit dem Auto aus dem Umland auf die Silhouette von Marzahn zu fuhren. Sie hat gelächelt. Wirklich.

Hellersdorf: Museumswohnung in der Platte “WBS 70″

Klassenkampf am Klingelschild

Klassenkampf am Klingelbrett in der Lychener Straße in Berlin Prenzlauer Berg - Foto: Henning OnkenHerr Hepke, Frau Stumpe und das Ehepaar Schaarenberg haben zwei Dinge gemeinsam: Sie wohnen in einem unsanierten Altbau der Lychener Straße und werden am Hauseingang von Unbekannten zum Klassenkampf aufgerufen. Nanu, hat da jemand die Zeit zurück gedreht? Wir gründen Arbeiterräte und teilen die Stadt noch einmal neu auf. Ist die Mauer wieder da?

Wahrscheinlich hat dieser Spruch aber doch weit mehr Bezug zur Berliner Wirklichkeit im Jahr 2007. Dieser Tage hat unsere Stadtverwaltung den neuen Mietspiegel herausgegeben, der Mietern und Vermietern eine “Orientierung” geben soll, was sie für ihre Behausung bezahlen, beziehungsweise herausschlagen können. Leider sind Mieterverbände aus den Verhandlungen zu diesem alle zwei Jahre erscheinenden Zahlenwerk ausgestiegen. Sie werfen dem Senat vor, einen unakzeptablen “Vermieterspiegel” gegen den Willen der Mieter durchgesetzt zu haben. 900.000 Berlinern könnten durch die aktuelle Ausgabe Mieterhöhungen ins Haus flattern.

Vielleicht hat vor einiger Zeit ein Mensch von außerhalb einen der letzten unsanierten Flecken in Prenzlauer Berg entdeckt und sich in diesen Altbau verliebt. Genau genommen hat er sich wohl weniger in die Bausubstanz verguckt, als in die Entwürfe seines Architekten, die zu Hause in Stuttgart schon fertig auf dem Schreibtisch liegen und hier so prima passen könnten. Räume mit Fußbodenheizung, Dachgeschosswohnungen und restaurierter Stuck.

Und was machen jetzt Herr Hepke, Frau Stumpe und das Ehepaar Schaarenberg? Wenn nicht genug Geld in der Haushaltskasse ist, müssen sie sich vom Kachelofen verabschieden, der eingebauten Dusche und dem alten Boiler, der immer so lange gebraucht hat. Oder aber Klassenkampf – wer glaubt dran?

Fotostrecke Berliner Seitenblicke
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: Mietspiegel 2007

Dicke Kreuzberger lechzen nach McDonald’s

Protest-Plakat gegen McDonald's in Kreuzberg - Foto: Anne Grieger

Wann kommt er endlich, der Kreuzberger McDonald’s? Als ich heute morgen am Görlitzer Park an diesem Plakat vorbeiradelte, traute ich meinen Augen kaum: Meinten die mit diesem Plakat wirklich Leute wie mich?

Zugegeben: Ich habe McDonald’s betreten, früher mal. Es gab Freunde, die gerne einen Milchshake tranken und wirklich nicht wie Filmschauspieler aussahen. Natürlich waren sie keine Kreuzberger, als richtiger Kreuzberger kann man nur mit Sonnenbrille getarnt in solche Burgerschuppen gehen. Oder in der Wiener Straße vegetarische Burger essen, die wirklich gut schmecken.

Für Wahlkreuzberger, die sich gegen die Eröffnung eines McDonald’s im Wrangelkiez stark machen, dürfte die Burger-Braterei mit dem gelben M wohl keine Bedrohung darstellen. Ungesunde Essgewohnheiten seien vor allem ein Problem der sozial Benachteiligten, so der Historiker und Publizist Paul Nolte. Gerade Kindern würde einiges zugemutet durch die “Dauerernährung in Schnellrestaurants”. Nolte, Mitauslöser der umstrittenen “Unterschichten-Debatte”, macht weniger große Konzerne als die Eltern selbst für diese Entwicklung verantwortlich. Ernährung als Bildungsthema also.

Doch sieht man einmal ab von der Tatsache, dass bestimmte (ohnehin benachteiligte) Gruppen angesichts der Eröffnungs-Angebote der Fastfood-Kette schwach werden könnten: Wie wird sich Kreuzberg, die letzte McDonald’s freie Zone verändern? Was, wenn sich der Burger-Konzern etabliert haben sollte? Werden andere Hackbräter und Hühnerfrittierer nachziehen? Argentinische Steakhouse-Ketten neben Döner-Schuppen? Ich weiß nicht.

Unter Verdacht – Andrej H., ein Terrorist?

Soziologen müssen wie “Läuse im Pelz” sein: Kritisch und hartnäckig, wenn es darum geht, soziale Missstände aufzuklären und die gesellschaftliche Chancengleichheit stets im Blick behalten. So gehört auf einer Einführungsveranstaltung für angehende Sozialwissenschaftler an der Universität von Amsterdam.
Andrej H., einem Soziologen der Berliner Humboldt-Universität, ist diese kritische Grundhaltung nun zum Verhängnis geworden. Völlig überraschend wurde der 36-Jährige am 1. August wegen des Verdachts der “Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung” festgenommen und sitzt seitdem in einer vier Quadratmeter großen Zelle in U-Haft.

Dem Forscher, der sich vor allem mit stadtsoziologischen Themen beschäftigt und seine Dissertation über die soziale Aufwertung des Stadtteils Prenzlauer Berg geschrieben hat, wird zur Last gelegt, zu den Drahtziehern und intellektuellen Ideengebern der terroristischen Vereinigung “militante gruppe” (mg) zu gehören. In älteren Bekennerschreiben der linken Gruppierung waren teilweise Schlagworte gefunden worden, die H. in einer wissenschaftlichen Abhandlung von 1998 verwendet hatte. Es geht unter anderem um Begriffe wie “Gentrification” und “Reproduktion” – zumindest ersterer ist in der Stadtsoziologie durchaus gängig.

Dieser auf einer ungerichteten Google-Recherche basierende Anfangsverdacht genügte, den Wissenschaftler mittels Stafgesetzbuch-Paragraf §129a von September 2006 an systematisch überwachen zu lassen. Die Dokumentation dieser Beschattung füllt 29 Leitz-Ordner und erhält offenbar keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass H. auch für die “militante gruppe” schrieb.

Einen Haftbefehl gegen den Vater dreier Kinder verhängte die Bundesanwaltschaft schließlich, nachdem Ende Juli in Brandenburg drei Männer versucht hatten, Fahrzeuge der Bundeswehr in Brand zu setzen: Einer der Täter hatte sich mehrere Monate vorher zwei Mal mit Andrej H. getroffen – Verabredungen, über deren Inhalt die ermittelnden Stellen nichts genaueres herausgefunden hatten, die aber fortan als “konspirative Treffen” gehandelt wurden. ‘Unter Verdacht – Andrej H., ein Terrorist?’ weiterlesen

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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