Tag Archiv für 'landwehrkanal'

Drahtesel aus dritter Hand

Fahrräder zu verkaufen - Foto: Anne GriegerDie Kottbusser Brücke ist ein Umschlagplatz für Autos, schon seit langem. Auf der Neuköllner Seite werden dienstags neuerdings auch gebrauchte Fahrräder verkauft. Wer leidenschaftslos ist, ob er mit einem roten Damen-Mountainbike oder einem silber-metallenen Herrenrad durch die Stadt kurvt, wird bestimmt fündig.

Weniger eindeutig allerdings, wer der oder die Verkäufer sind. Der hagere Mensch mit Stoppelhaar und Bauchtasche, der lautstark auf einen vermeintlichen Kunden einredet? Der kräftige Junge, der das Verkaufsschild an einem Trekking-Rad neu justiert? Die Kinder, die vor dem selbst gemalten Pappschild hocken? Alle irgendwie?

In Amsterdam gibt es gleich hinter der Universität eine Brücke, an der Junkies Räder anbieten, die sie in den Vorstädten stehlen. In den Vorstädten werden im Gegenzug in der Stadt geklaute Fahrräder verscherbelt. Ein unschöner Kreislauf, den viele Studierende verurteilen, aber dennoch in Gang halten, wenn ihnen das dritte und vierte legal erworbene Rad in Folge gestohlen wurde. Obwohl Schlösser in Amsterdam fast doppelt so teuer sind, wie die Fahrräder, ist kein noch so gut gesichertes Rad vor den Dieben sicher.

Es sieht mir nicht danach aus, dass auf der Kottbusser Brücke mit Fahrrädern gedealt wird.. Will man aber dennoch sicher gehen, beim Rad-Kauf noch ein paar Monate Garantie auf sein gebrauchtes Fahrrad zu bekommen, dann sollte man vielleicht doch in einem dieser Second-Hand-Radläden in Kreuzberg vorbeischauen:

Froschrad, Wiener Straße Wiener Straße 15,
Gebrauchte Räder ab 75 Euro, Fahrradverleih

Mobilcenter, Böckhstraße 51
Auswahl sowohl an 80 bis 120 gebrauchten Fahrrädern ab 50 Euro als auch an preiswerten Neurädern, Fahrradverleih (6-9 Euro pro Tag)

Radlager, Dieffenbachstraße 35
Gebrauchte Räder ab 50 Euro, Radverleih (7,50 Euro pro Tag, Wochenende 20 Euro)

2 Radischen, Bergmannstraße 5-7
Große Auswahl an gebrauchten Fahrrädern zwischen 200 und 400 Euro, nur samstags geöffnet

Parkmusik

Im letzten Jahr stand an fast allen Sommerabenden ein Eiswagen auf der Hobrechtbrücke, die über den Landwehrkanal führt und Kreuzberg und Neukölln verbindet. Doch statt Eiswaffeln reichte der Besitzer des Fahrzeugs viele Flaschen Bier und Bionade durch das kleine Fenster. Klappstühle wurden ausgepackt, Windlichter auf das Brückengeländer gestellt. Die Brücke verwandelte sich in einen Mini-Biergarten.

Den “Eiswagen” gibt es nicht mehr, der Besitzer hat Ärger mit dem Ordnungsamt bekommen und musste aufgeben. Auf der Neuköllner Seite, am Maybachufer, versucht nun ein Restaurant an den Erfolg des mobilen Spirituosenhändlers anzuknüpfen und lockt rund um die Uhr mit Happy-Hour-Preisen. Vergeblich.

Die spontane Szene hat sich längst zwei Brücken weiter verlagert. Schon im vergangenen Sommer war die Admiralsbrücke in Kreuzberg beliebt - in diesem Jahr scheint sie jedoch der Treffpunkt schlechthin zu sein für Studis, junge Familien. Nicht zu vergessen die Baumschützer, die sich dort jeden Abend um 18 Uhr treffen, um ihre Protest-Aktionen gegen die Abholzung weiterer Bäume am Kanal zu organisieren.

Heute gab es auf einer Wiese vor der Brücke Livemusik: “Wir machen Parkmusik und die Windel ist voll, wir machen Parkmusik, dem Mädchen da, schmeckt das Eis ganz toll”… Eine internationale Gruppe improvisierte wie wild, drückte Kindern Rasseln und Trommeln in die Hand und animierte die Zuhörer zum Mitsingen. Erst etwas verunsichert, dann aber immer stärker dem Beat der Musik folgend, rockte Kreuzberg wieder mal ausgelassen.

Heroische Baumfällaktion

Den nachrichtlichen Wert dieses Beitrags zuerst: Es sind wieder Bäume gefallen, am Landwehrkanal, diesmal 22. 22 gefällte Bäume, rund 150 Polizeibeamte und etwa zwanzig protestierende Anwohner, so die vorläufige Bilanz der heutigen Aktion am Landwehrkanal zwischen Reichpietschufer und Hobrecht-Brücke.

Es gießt in Strömen, trotzdem haben sich auf der Brücke an der Brachvogelstraße etwa acht Anwohner versammelt, die fassungslos auf die beiden im Wasser treibenden Baumstämme blicken. Gleich gegenüber von der Stelle, an der sich Mo, die wilde Camperin niedergelassen hat, hat das Wasser- und Schifffahrtsamt heute morgen zuerst die Sägen angesetzt. Das Polizeiaufgebot ist recht überschaubar, lediglich ein Mannschaftswagen mit beschlagenen Fensterscheiben steht vor der Brücke. “Kommt doch noch mit zur Hobrecht-Brücke”, ermuntert eine der Anwohnerinnen ihre Mitstreiter. Dort sollen ebenfalls Bäume gefallen sein. Die kleine Gruppe besteigt ein Taxi, zwei Männer schnappen sich ihre Fahrräder und radeln kanalabwärts Richtung Neukölln.

Mittagszeit am Maybachufer, es regnet nicht mehr. Die Polizisten langweilen sich. Acht Wannen bei zwanzig Protestierenden - die Beamten “machen Mittag”. Ein Kantinen-Mitarbeiter verteilt Erbsensuppe, ein lauer Morgen für die sonst gestresste Berliner Polizei. Eine Kita-Gruppe mit Bollerkarre freut sich über das Polizeiboot Charlottenburg, das die Aktion vom Wasser her absichert. “Hallo Bootsfahrer”, ruft ein kleines Mädchen immer wieder und kann sich nicht einkriegen. Der Kapitän winkt gerührt zurück.

Für die Presse scheint der Besuch ebenfalls weniger ergiebig. Der RBB ist mit einem Ü-Wagen vor Ort, die Abendschau hat ein Filmteam geschickt. Schwer, die zwanzig Anwohner so zu filmen, als seien es 200. Dass es wichtig ist, immer wieder über die Anwohner-Initiative zu berichten, daran besteht kein Zweifel. Um die gefällten Bäume scheint sich außer den Männern vom Wasser- und Schifffahrtsamt zu dem Zeitpunkt jedoch niemand mehr zu scheren. Sie zersägen die Baumstämme, um sie dann später per Boot abzutransportieren.

Der Landwehrkanal in Zahlen

Alte Kreuzberger Schule

Die Frage, die sich gleich beim Anblick dieses Wagens stellt: Wie viele der 147.787 Kreuzberger verfügen wohl über ein eigenes Auto? Eines, das kein alter VW-Bus aus den 80ern ist. Von den 17 Kreuzbergern, die ich kenne, sind es gerade mal zwei. Ein Diplomat, der mit Frau und Kind am Paul-Lincke-Ufer eine Fabriketage bewohnt. Und ein arbeitsloser Werbemensch, der vom Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg in die Schönleinstraße ziehen musste. Zwar wenig repräsentativ, da die übrigen 15 mir bekannten Kreuzberger zum Studium kamen.

Aber egal. Der Besitzer dieser Limousine dürfte am Landwehrkanal sein Bier trinken können, ohne schräg angeschaut zu werden von Kreuzberger Alt-68ern, Fahrrad-Aktivisten und Studis. Mit einem Osnabrücker Nummernschild und einer Weltkugel auf der Kühlerhaube wird man ihm wahrscheinlich sogar Respekt zollen: Wer schon das traurige Los gezogen hat, durch die “Provinz” scheppern zu müssen - etwa wegen einer neuen Stelle - sollte dies zumindest mit einem solchen Gefährt tun. Es ist genau das Statussymbol, das der aus dem Paradies vertriebene Exil-Kreuzberger braucht. In Erinnerung an Kreuzberg.

Die tatsächliche Auto-Dichte in Kreuzberg pro Einwohner konnte ich am Freitag nachmittag nicht mehr ermitteln. Der Sachbearbeiter, der beim Amt für Statistik Berlin die KFZ-Daten verwaltet, ist schon ins Wochenende gegangen.

Camping Sauvage #3 [Die Frau vom Kanal und die B.Z.]

Die wild campende Frau vom Landwehrkanal hat inzwischen traurige Berühmtheit erlangt. Die B.Z. hat sie als exotische “Buschfrau“ entdeckt und berichtet heute bereits zum zweiten Mal über Mo, diesmal in der B.Z.-Serie “schräge Berliner Päärchen”. Anrührende Geschichte – nun hat sich offenbar auch noch ein “Buschmann“ gefunden, der gern Löwenzahnsalat mag. Das Camping Sauvage-Abenteuer hat damit das Zeug zur Sommerromanze 2007. Ein Drehbuch ist sicherlich schon in Druck, eine Fanpage eingerichtet. Was macht eigentlich Knuddel-Knut?

Camping Sauvage

Camping Sauvage#2

Camping Sauvage #2

Indien war der Anfang vom Ende, sagt die Frau vom Landwehrkanal und legt die Häkelnadeln beiseite. Ohne Geld und Krankenversicherung in Indien mit einem Neugeborenen. Dies hier – sie deutet auf ihr provisorisches Lager aus Einkaufswagen, Taschen und Plastikbeuteln – sei nichts dagegen. Die Frau heißt Mo und ist Schauspielerin, ausgebildet vom Lehrer von Götz George. George schätzt sie bis heute, er sei “einer der ganz Großen“. Es sei schwer gewesen, damals an Frauenrollen zu kommen, erzählt sie. Zumindest an die, die sie hätte annehmen können. In die “Provinz“ – an westdeutsche Bühnen außerhalb von Berlin - will sie nicht. “Dort werden junge Frauen auf einen bestimmten Typus reduziert: Bitte recht artig lächeln und bloß nicht schlagfertig sein“, sagt sie. Sie will Brecht spielen, am liebsten die heilige Johanna.

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Lokalpatriotismus

In Kreuzberg mit dem roten Stoffbeutel unterwegs gewesen, kaufe Plastiktüten nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Der rote Beutel ist ein besserer Jute-Sack, der sogar vor den Augen japanischer Touristen bestehen kann. Kein Kommunisten-Beutel - im Gegenteil. Ausdruck eines [tendenziell wertkonservativen] Bonner Lokalpatriotismus, der mitunter unheimlich anmutet. Dort in der Buchhandlung [”Bouvier“] zu kaufen. Unverhofftes Zusammentreffen mit einer Exil-Bonnerin also auf dem Wochenmarkt am Neuköllner Maybachufer: Ob ich mich denn gut eingelebt hätte, in Kreuzkölln, fragt mich die mir unbekannte Person mit Sonnenbrille und Polo-Shirt. Leicht irritiert bejahe ich die Frage und überlege, wer diese Frau sein könnte. “Sie sind aus Bonn, habe es gleich gesehen“, sagt sie, und deutet auf meinen roten Einkaufsbeutel.

Die Stoffbeutel-Fraktion, sie wächst. In letzter Zeit sind sie mir häufiger aufgefallen, diese Bonner mit ihren Ein-Euro-Taschen von “Bouvier“. Jedes Mal bin ich schnell weitergelaufen und habe sie dann wieder vergessen. An der Uni ist mir kein einziger begegnet. Die Bonner mit den Stoffbeuteln sind meist älter. Zwangsversetzte Beamte, Mitarbeiter von Verbänden und so weiter. Berlin ist für viele dieser nicht angekommenen Pendler ein Moloch: Anonym, dreckig und proletarisch. Die Kinder hier zur Schule schicken? No way. hier geht’s weiter mit ‘Lokalpatriotismus’



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