Tag Archiv für 'ausstellung'

Backjumps III: Vom Protest der Zeichen

Reclaim Your City - Karte in der Ausstellung Backjumps - Foto: Henning Onken

“Was, fördern wir jetzt Sachbeschädigung?” - Vor zwei Jahren ging ein Aufschrei durch die Berliner Lokalpresse: Die Ausstellung Backjumps sei ganz klar als “Aufforderung zum Rechtsbruch” zu verstehen, so ein CDU-Sprecher. Völlig schleierhaft, wie die Kreuzberger Grafitti-Schau dann auch noch mit mit 35.000 Euro vom Hauptstadtfonds gefördert werden konnte. Der Gründer des gleichnamigen Magazins, Adrian Nabi, hatte gemeinsam mit dem Leiter des Kunstraums Bethanien nach Berlin eingeladen und neben der zentralen Ausstellung Aktionen wie etwa das gemeinsame und legale Bemalen von Fassaden veranstaltet.

Beim dritten Backjumps-Event sind wieder eine Reihe von bekannten Künstlern dabei. Die Geschwister Os Gemeos zeigen Fotografien, die in aller Welt entstanden sind, hauptsächlich aber in ihrem Heimatland Brasilien. Straßenkunst in der Millionenmetropole Sao Paulo wirkt anders als in Kreuzberg, zumal die beiden viel von den dortigen Lebensverhältnissen mit ins Bild rücken. Vor zwei Jahren zerschlugen sie vermummt ihre eigene ausgestellte Installation - einen kleinen “Bunker” - und hinterließen diese bemalte Hauswand in der Oppelner Straße.

Zum dritten Mal dabei ist der Kopenhagener Künstler Ash, der mit seiner großen Wandbemalung “Punks are not dead” an die Seelenwanderung am Ende des Films “Easy Rider” erinnert. Die Dachkantenmaler von Reclaim your city verbreiten einfach nur die Botschaft, in einer von oben bis unten mit Werbung zugekleisterten Stadt öffentliche Räume zu besetzen.

Insgesamt fehlt dieser Schau ein wenig eine Klammer, die den Betrachter führt. Manches erinnert mehr an Kunsthochschule als an einen “Aufstand der Zeichen” (Baudrillard), der Urban Art immer auch gewesen ist - auch wenn Banskys Londoner U-Bahnkunst inzwischen unter dem Schutz der Obrigkeit steht der Künstler damit viel Geld verdient. Streetart bleibt ein Erlebnis, das sich schwer in geschlossenen Räumen präsentieren lässt.

Zu diesem Ergebnis kommt auch die große Karte mit vielen in Berlin verzeichneten Werken: Rausgehen, selber schauen, die Stadt erobern. Entgangen ist den Ausstellungs-Machern allerdings, dass es Berlins bekanntesten Rooftop nicht mehr gibt: “Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten” - an der Fassade des ex-besetzten Kulturprojekts Köpi.

Ausstellung: Backjumps – The Live Issue#3
Öffnungszeiten: täglich 12 - 19 Uhr

Kunstraum Kreuzberg / Bethanien
Mariannenplatz 2
10997 Berlin (Kreuzberg)

Website: Reclaim your City
Website: Just2.blogsport.de

Künstlerischer Abend [Vernissage]

Ich war zu einer Vernissage eingeladen, zu einem künstlerischen Abend in Prenzlauer Berg. Die Schuhe hatte ich schon geputzt für die Werkschau von Nancy Görlach, den Termin habe ich aber dann doch über Thomas Bernhards “Holzfällen” auf dem Sofa versäumt. Bernhard beschreibt in seinem Buch einen künstlerischen Abend bei den Auerbergern, einem Wiener Musiker-Paar, das durch und durch künstlerische Wiener Freunde einlädt, zu Ehren eines Burgschauspielers, der bis nach Mitternacht nicht auftritt.

Die Vernissage von Nancy Görlach im Mathes und Lautz - ihre erste künstlerische Bilderschau übrigens - wäre sicherlich anders gewesen. Unprätentiöser, ehrlicher. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. September zu sehen.

Görlach ist erst 28 und ich mag Künstler, besonders junge. Sie hat das Malen erst vor einigen Jahren für sich entdeckt, nach Stationen beim Theater als Schauspielerin und Regie-Assistentin. Dass Görlach schließlich zum Pinsel griff, war eher Zufall: Aus Langeweile. “Die wenigsten Leute können mit Langeweile umgehen.” Kaum jemand, der Langeweile als Zustand ertragen kann, und sogar zu schätzen weiß. Langeweile kann Potentiale freisetzen, Produktivität erzeugen, sagt sie. In einer Gesellschaft, in der Reizüberflutung ständig zunimmt, wird Langeweile zur Herausforderung.

Mit welchem Ergebnis? Nancy Görlach produziert Kunst, die sich nicht einordnen lässt - vor allem farbige und abstrakte Bilder. Mal malt sie figurativ, mal fühlt man sich an die Action Paintings des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock erinnert.

“Ich wünsche mir eine kritische Auseinandersetzung mit meiner Kunst, keine vorschnelle Einordnung in Schubladen”, so Görlach. Als junge Künstlerin ihre Bilder endlich der Öffentlichkeit zu präsentieren - dazu gehörte einiger Mut. “Man gibt ein Stück von seinem Innersten preis.” Dabei seien die Bilder als “erste Gehversuche” interpretiert, sie stehe noch am Anfang. Wir dürfen gespannt sein.

Nancy Görlach, “EigenSinnLich”, Mathes & Lautz, Kollwitzstraße 87. Noch bis zum 30.09.2007.

Tschüss, Herr Actionfotograf!

“New York is a friendly town”, heißt es auf einer Leuchtreklame, an der hin und wieder jemand vorbei geht und in die Nacht verschwindet. Weegee, der Fotograf, muss gelacht haben als er abdrückte. Denn die meisten seiner Bilder zeigen die Abgründe New Yorks: Jugendliche Banditen, Erschossene im Rinnstein, Mörder in Handschellen auf der Polizeistation. Oder die Fotografierten sind in einen grausamen Verkehrsunfall verwickelt. Fast immer sind es Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten.

An dieser Ausstellung im Berliner Postfuhramt sind mir nicht nur interessante Bilder aufgefallen, sondern auch eigene Vorurteile bewusst geworden: Der Mann, der in seiner Blutrache lag, musste ein Schwarzer sein. Jemand, der irgendwie den HipHop Gangsta Style von heute mit dem Look von damals kultivierte. Stattdessen tragen die Leichen im New York der 30er Jahre gepflegte Anzüge, italienische Schuhe und meistens liegt auch noch ein Hut in Reichweite. Kurz, es sind oft Menschen die aussehen, als seien sie gerade auf dem Weg ins Theater. hier geht’s weiter mit ‘Tschüss, Herr Actionfotograf!’

Camping Sauvage #2

Indien war der Anfang vom Ende, sagt die Frau vom Landwehrkanal und legt die Häkelnadeln beiseite. Ohne Geld und Krankenversicherung in Indien mit einem Neugeborenen. Dies hier – sie deutet auf ihr provisorisches Lager aus Einkaufswagen, Taschen und Plastikbeuteln – sei nichts dagegen. Die Frau heißt Mo und ist Schauspielerin, ausgebildet vom Lehrer von Götz George. George schätzt sie bis heute, er sei “einer der ganz Großen“. Es sei schwer gewesen, damals an Frauenrollen zu kommen, erzählt sie. Zumindest an die, die sie hätte annehmen können. In die “Provinz“ – an westdeutsche Bühnen außerhalb von Berlin - will sie nicht. “Dort werden junge Frauen auf einen bestimmten Typus reduziert: Bitte recht artig lächeln und bloß nicht schlagfertig sein“, sagt sie. Sie will Brecht spielen, am liebsten die heilige Johanna.

hier geht’s weiter mit ‘Camping Sauvage #2′

Schlossplatz: Haie in der Spree

Palast der Republik - Schloßplatz

Hallo, was machen Sie denn da?”, ruft eine Frauenstimme. “Fotos”, sage ich in die Dunkelheit hinein, und sehe schemenhaft, wie sich wenige Meter von mir eine Person aufrichtet. Offenbar beruhigt diese Antwort, sie kuschelt sich wieder in ihren Schlafsack und erzählt mir im Liegen von Berlin: Historische Gebäude verschwimmen mit Museen und unendlich vielen Gesichtern in der U-Bahn - Nachtgedanken einer Touristin aus Koblenz, die erst am Mittag angereist ist. Vom Palast der Republik hat Ines nichts gehört, obwohl sie mit ihrer Freundin direkt am Bauzaun pennt. Es ist drei Uhr morgens und Vollmond, wir sind allein auf dem Schlossplatz.

Still ist es hier um diese Zeit, wie so oft an Orten, die verfallen. Aus Ruinen auferstanden, das war die DDR, denke ich. Und irgendwo dort, wo jetzt ein riesiges Loch im Stahlgerippe klafft, hat einst Honecker auf dem Balkon gestanden und lahm gewunken. Nimmermehr, statt 40 Jahren DDR feiert hier wohl bald das Kaiserreich mit einer stolzen Fassade eine kleine Wiederkehr. Aber das ist eine andere Geschichte, denn ich rede nicht über neue Träume von einem alten Schloss. Ich bin wie gebannt von der Ästhetik der Zerstörung. hier geht’s weiter mit ‘Schlossplatz: Haie in der Spree’

Die Stasi-Brille

Am Sonntag in Potsdam in der Toilette eines Cafés ein Schild mit der Aufschrift: “Dieses WC wird videoüberwacht, zu Ihrer eigenen Sicherheit.” Das Schild hing in einer dunklen Ecke und fiel erst beim Verlassen des Raumes auf. Nirgends eine Kamera. Dennoch Protest darüber an der Theke eingelegt. Der Kellner antwortete nur lapidar, es sei der erste April. Liefe ich nicht wieder einmal mit der Stasi-Brille durch die Stadt, wäre ich mit der Erklärung zufrieden gewesen. Angesichts der Stasi-Brille aber Zweifel. Wer sich einen solchen April-Scherz einfallen lässt, muss einige Fantasie haben. Also doch eine Kamera im Seifenspender in dieser Potsdamer Toilette? In der künstlichen Blume auf dem Spiegelschrank? Video-Überwachung - ob real oder tatsächlich als Scherz gedacht - das erinnerte verdammt an Stasi-Methoden. hier geht’s weiter mit ‘Die Stasi-Brille’

Was macht ein Bauer mit einer Bombe im Garten?

Foto: Christian HeteyHier das versprochene Interview mit dem Berliner Fotografen und Altamerikanisten Christian Hetey, das wir via e-mail geführt haben. Kurze Zeit später ist übrigens eine Fraktion der “Antideutschen” in den Ausstellungsort gestürmt und hat das abgebildete Bild wutentbrannt in viele kleine Teile zerrissen.

Warum dieser Bildersturm? Das lässt sich hier zumindest erahnen. Wer daraus nicht klug wird - hey, auch egal, Berlin steckt eben voller Überraschungen… hier geht’s weiter mit ‘Was macht ein Bauer mit einer Bombe im Garten?’



Fenster zum Hof basiert auf WordPress, Triple K2 und Anpassungen von Henning Onken
RSS Artikel und RSS Echos