Tag Archiv für 'globalisierung'

Heiligendamm und das Gewissen

“Und, wie fandet ihr es in Heiligendamm?”, fragte Paule, ein in die Jahre gekommener Aktivist. Schweigen. “Ihr wart also nicht da und wollt auch nichts darüber schreiben.” Der vorwurfsvolle Unterton war nicht zu überhören. Nein, ich bin nicht dorthin gefahren, das Familienfest war wichtiger.

Auch sonst wäre ich in Berlin geblieben. Wie viele, die andere Sorgen haben. “Ich komm mir so unpolitisch vor”, meinte Nele, die gerade ihre Dissertation abgegeben und nun beim Jobcenter vorgesprochen hat. Ähnlich las sich die E-Mail einer anderen SCI-Freundin, Eva, die seit kurzem wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Ulm ist. Sie musste ein Denktraining für Hochbegabte durchführen: “Blöderweise denk ich immer, dass ich die Welt retten muss und dass es irgendwie nicht richtig ist, nur Akademikerkinder so zu fördern, die 180 Euro für den Kurs mal eben so übrig haben. Aber darüber kann ich ernsthaft nur langfristig nachdenken.”

Foto: Anne Grieger

“Chancengerechtigkeit”, “Langfristigkeit” oder auch “Nachhaltigkeit” - das scheint es zu sein. Alles zentrale Themen der Anti G8-Proteste, die auch Leute, die gerade weniger aktiv sind, durchaus beschäftigen. Nach Heiligendamm zu fahren und dann trotzdem H+M T-Shirts made in Vietnam kaufen, oder grünen Spargel bei Lidl für einen (!) Euro, finde ich eher problematisch. Auch solche Leute soll es geben. Dennoch: durch die Proteste wurden viele daran erinnert, dass sie mal die Vision einer “anderen Welt” hatten.

Zur Beruhigung meines eigenen Gewissens war ich mit dem Freund im Kino: in einem globalisierungskritischen Film über die Folgen der Privatisierung ehemals staatlicher Wirtschaftsbereiche. Ein Film, der wichtige Fragen aufwirft, dessen Titel ich aber wieder vergessen habe; wahrscheinlich weil er doch eher engagiertes Meinungskino, als eine Dokumentation war.

Görli probt G8

Anti-G8-Training heute im Görlitzer Park: Wollte mich unauffällig unter die Menge mischen und mal hören, was so geplant ist. Diese Salami-Taktik funktioniert in der Regel prima und ich kriege mehr raus. Etwas arglos lief ich herum und spitzte hier und da die Ohren. Eine Journalistin interviewte gerade Raphael, einen 26-jährigen Geschichtsstudenten, der die organisatorischen Strukturen des Anti-G8-Protests erläuterte.

Die Reporterin, eine Mittfünfzigerin mit aufblondiertem Haar, schwitzte beträchtlich unter ihrem Regencape. Die goldenen Armbänder hatte sie vergessen abzunehmen - perfekt war die Tarnung also doch nicht. Ich konnte beim besten Willen nicht herausfinden, für welches Blatt sie unterwegs war.

Ob die Gruppe denn geschlossen anreisen würde, es gäbe ja diverse Busunternehmen, die inzwischen kommerziell über das Internet mit G8-Touristenfahrten werben würden, fragte die Journalistin. Dem Studenten war anzusehen, wie sehr er kämpfte, sein Gesicht unter Kontrolle zu halten. Höflich aber bestimmt klärte er die Frau auf, dass es sich keineswegs um eine geschlossene Bewegung oder Organisation handele, sondern um lauter lose Gruppierungen, die sich zusammengeschlossen hätten, um ein Zeichen zu setzen. Das Training sei notwendig, um Neulinge mit dem ABC von Protestaktionen vertraut zu machen.

Was tun, wenn die Polizei einen Kessel bildet, und bedrohlich näher rückt? Was, wenn einzelne Leute innerhalb der sogenannten “Bezugsgruppe” plötzlich klaustrophobisch werden, und nur noch das Feld räumen wollen? Bezugsgruppen bestehen in der Regel aus nicht mehr als zehn Leuten und treten gemeinsam auf. “Das ist wichtig, wenn es zu Verhaftungen kommt”, setzte mir Hans, 30, die Strategie später noch einmal im Detail auseinander. “Wir wissen dann, ob Leute willkürlich festgehalten werden.” “Bezugsgruppendelegierte” berichten jeweils einer koordinierenden Instanz, welche Entscheidung - Rückzug oder Aufrechterhaltung der Blockade - innerhalb einer Gruppe getroffen wurde.

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