Berlin ist eine Stadt, “verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein”. So der Publizist Karl Scheffler im Jahr 1910. Aktuelles Beispiel in meinem Kiez in Friedrichshain: Das Waschmaschinewsky ist nicht mehr, stattdessen lädt Ein Brief von gestern zum Essen ein. Das Waschmaschinewsky war die Bar der Radio Eins-Moderatoren Volker Wieprecht und Robert Skuppin. “Waschmaschinewsky“ - so wurden in den sechziger Jahren die polnischen Gastarbeiter im Ruhrpott genannt, die sich eine eigene Waschmaschine leisten konnten. Und so nannte Skuppin auch das Bier, das er in einer kleinen Brauerei in westpolnischen Witnica entdeckte, und nach Berlin holte.
Die Einrichtung der Kneipe war in den polnischen Nationalfarben Rot-Weiß gehalten. Auch die Schwarz-Weiß-Fotografien von Gdan’sk und Gerichte wie bigos und pierogi verwiesen auf die Nachbarn im Osten. Auf der Toilette lief ein ziemlich lustiger Audio-Sprachkurs Polnisch. Eine rote Waschmaschine hinterm Tresen schleuderte einen gewöhnungsbedürftigen Cocktail mit Absinth, Wodka und Gin. Für den homo ludens gab es einen Kicker und skurrile Gesellschaftsspiele wie ein Busen-Memory. Gelegentlich gab es Lesungen, manchmal ein Quiz.
Eine originelle Kneipe, mit dem Zeug, ein Begriff im Samariterviertel zu werden? Weit gefehlt. Nach einem Jahr war Schluss. Die beteiligten Gesellschafter lieferten sich daraufhin eine öffentliche Schlammschlacht im Stadtmagazin tip. In einem Artikel über gescheiterte Gaststätten bekannter Berliner begründete Robert Skuppin die Schließung damit, dass das Konzept nicht gestimmt habe. Es hätte mehr Essen angeboten werden müssen. Auch am Service habe es gehapert und keiner der sechs Gesellschafter habe es zu einem Projekt gemacht, für das er rund um die Uhr da sei. Ex-Kollege Frank Arndt reagierte prompt mit einem Leserbrief. Seine Replik: “In erster Linie ist es die Arroganz der Promis, die meinen, ihr Status als B- oder C-Prominenter in dieser Stadt reiche aus, eine Kneipe zum Laufen zu bringen”. Betriebswirtschaftliche Fehleinschätzungen hätten zum Scheitern des Projekts geführt.
Jetzt hat das Lokal einen neuen Besitzer und einen neuen Namen: Ein Brief von gestern. In der Eigenwerbung heisst es, das Esstaurant (sic) biete mediterrane Küche, exzellente Weine und Cocktails zu günstigen Preisen. Zudem könne man zu zweit oder in gemütlicher Runde vor dem Kamin sitzen. Ein bemerkenswertes Novum in der Bänschstraße. Ich war selbst noch nicht da. Die Erinnerungen an das Waschmaschinewsky, das ich gemocht und deshalb öfter besucht habe, sind noch zu frisch. Ich war dort mit Berliner Freuden und auch mit Besuch aus Belgien nach einer gemeinsamen Polen-Reise. Vielleicht sollte ich dem neuen Laden irgendwann doch eine ehrliche Chance geben. Scheffler hätte mir bestimmt geraten, nicht zu lange zu warten.
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Ich habe Lust bekommen, nochmal ins Waschmaschinewsky zu gehen - einige Dinge hatte ich nicht aufgemerkt! Na ja, dann besuchen wir mal die Bar von heute..