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Archiv für das 'Neukölln'-tag

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Insekteum in Neukölln: Prekäres Paradies

Nichts für Zimperliche: Präparierte Käfer, Käfer aus Pappmaché, Biene-Maja-Audiokassetten. In einem Ladenlokal im Neuköllner Reuter-Kiez hat sich Inox Kapell eingerichtet, der seit seiner Kindheit ein Faible für alles Krabbelnde hat. Insekteum hat er seinen Laden mit Retro-Trödel genannt, in dem er neben präparierten Insekten und eigenen kleinen Kunstwerken von Plattenspielern, Damensonnenbrillen bis hin zu alten Schuhen alles verkauft, was er in den letzten Jahren angesammelt hat. “Alles muss raus”, sagt ein junger Mann mit langem Zopf, der etwas träge auf einem alten Dreisitzer sitzt und den Ladenbetreiber vertritt. Aus dem Kellerraum, in dem mehrmals monatlich performances – “happenings mit musikschrillschoh” – stattfinden, schallt diesmal “The Velvet Underground”. Das Insekteum ist wie viele der neuen Läden und Galerien im Reuter-Kiez kein Projekt von Dauer. Wenn der Vermieter einen zahlungskräftigeren Nutzer für die etwas heruntergewirtschaftete Wohnung findet, muss das schräge Käferreich kurzfristig aufgelöst werden. ‘Insekteum in Neukölln: Prekäres Paradies’ weiterlesen

Das Revival des Erdgeschosses

Erdgeschosswohnungen werden zunehmend beliebter – dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man abends durch Kreuzberg läuft. Wo bis vor kurzem Rollläden herunter gelassen waren, hängen nun Vorhänge in den Fenstern. Im Gräfekiez kann man Leuten direkt ins Wohnzimmer blicken. “Ganz schön exhibitionistisch veranlagt, die da drüben”, meinte ein Freund und schmunzelte über ein Zimmer mit vielen Bücherregalen. “Jetzt weiß alle Welt, wie belesen sie sind.”

In der Ratiborstraße hat eine Familie in einem Hinterhof direkt vor ihrem Fenster eine Art Mini-Garten angelegt, Sandkiste inklusive. Vielleicht sind die Mietpreise in Kreuzberg derart explodiert, dass das Erdgeschoss mit einem Mal zur einzig bezahlbaren Alternative wird? Besser in Kreuzberg auf der Präsentierfläche, als in einer Neuköllner Dachgeschosswohnung?

Dem Berliner Mieterverein liegen bislang keine Erkenntnisse über ein Umdenken vor. “Ich wohne im Parterre und liebe es”, sagte eine Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung. “Aber das scheint mir eine Frage persönlicher Präferenzen zu sein.” Es gebe ja auch Berliner, die nie freiwillig in den vierten Stock ziehen würden.

Auf ein Leben im Erdgeschoss, im Schaufenster, hätte ich dennoch keine Lust. Erinnert zwar an Holland, aber Bierflaschen auf dem Fenstersims – nee, bedankt.

Diszipliniertes Komasaufen

“Die Parkbank wird zum Barhocker, der Verteilerkasten zum Tresen, Baum und Gebüsch zum Männerklo …” Wer würde da nicht weiterlesen? Die Promenadenpost berichtet hautnah über das geballte Elend einer Neuköllner Wohnstraße. Die Gestalten, die in dem Artikel “Open Air Kneipen rund um die Schillerpromenade” skizziert werden, sind bekannte Kiez-Gesichter. Wenn sich der Schulhof leert und das Quartiersmanagement die Rolläden herunterlässt – die Straße in der Hand armer Trinker und Hundebesitzer?

Könnte man meinen, wenn man weiter liest. Anwohnerin Dagmar Z. sagt dem Blatt: “Ich finde es gut, dass das Café Selig [ein neu eröffnetes Café im Gemeindehaus] existiert. Seither haben wir einen guten Treffpunkt, und betrunkene Männer wagen es nicht mehr so oft, an die Genezareth-Kirche zu pinkeln.”

Sind die Autoren der Promenadenpost – eine Publikation des Quartiersmanagements übrigens – einfach nur ehrlich, und nicht zwanghaft an einer Profilierung des Problemkiezes interessiert? Oder prägen die Säufer auf dem Grünstreifen das Viertel wirklich nachhaltig?

Das vermeintliche neue “In-Viertel”

Als ich im letzten Jahr nach Neukölln zog und zur Einweihungsparty einlud, antwortete eine Bekannte fröhlich mit “Willkommen in neuen In-Bezirk”. Getroffen habe ich sie allerdings immer irgendwo in Kreuzberg oder Mitte.

Auch wenn in Neukölln vielleicht nicht mehr Leute auf der Straße Bier trinken, als in anderen Bezirken – die Atmosphäre ist bedrückender. Die Alkoholiker sind im Alter meiner Eltern, viele haben lange Zottelbärte und scheinen sich völlig aufgegeben zu haben. Ihr Limit kennen diese Gewohnheitstrinker gut. Wenn gegen 23 Uhr gegrölt wird, leitet dies oft das Ende des Abends ein.

Die Hunde “Wodka und Tequila” werden angeleint und es geht nach Hause. Die Kondition reicht nicht mehr für durchzechte Nächte, Frühschoppen setzt zumindest einige Stunden Schlaf voraus.

Tag der Moscheen: Der leise Ruf des Islams

Moschee Wiener Straße

An Berliner Hinterhof-Moscheen fällt von außen oft nur ein Schild wie “islamischer Kulturverein” ins Auge. Auch Muezzine, die wie in manchen Vierteln von Kairo den Kiez mit Lautsprechern um die Wette beschallen, sucht man hier vergeblich. In den Gebetsräumen der Merkez-Moschee ist trotzdem viel los. Im Fastenmonat Ramadan werden täglich etwa 30 Seiten aus dem Koran vorgelesen. Wer kann, kommt mit der ganzen Familie, doch in den Räumen in der Wiener Straße stößt man überwiegend auf Rentner. Die Frauen müssen in einem anderen Gebäudeteil getrennt von den Männern beten.

Sehitlik-Moschee

In der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm können sich Besucherinnen am Tag der offenen Moschee auf Wunsch ein Kopftuch geben lassen, was etliche Kreuzbergerinnen auch tun. In dem prachtvollen Hauptraum spricht eine Frau mit fester Stimme etwa 20 Minuten lang über Toleranz. Die Fragen von Besuchern sind überall ähnlich: Was erzählen Imame aus der Türkei ihren Gemeinden wirklich? Bekommen Kinder hier nach der Schule Hilfe bei ihren Hausaufgaben oder Nachhilfe in der Scharia? Wie steht es um die Rechte von Frauen?

Sehitlik-Moschee

Berlins Muslime wollen raus aus in den 70er und 80er Jahren zu Gebetsräumen umgebauten Lagerhallen oder Fabriketagen und in repräsentativen Bauten ihren Glauben offen leben. So lautet zumindest der Tenor vieler Medienberichte über Bauprojekte wie das Maschari-Center am Görlitzer Bahnhof. Über die Finanzierung der Moschee mit den vier Minaretten zuckt man auch in der benachbarten Merkez-Moschee nur mit den Achseln. Für heftigen Streit unter Anwohnern und Parteien sorgt auch der Bau einer zweigeschossigen Moschee mit einem zwölf Meter hohen Minarett in Pankow-Heinersdorf.

Das Problem am anderen Ende der Leine

Oranienstraße Kreuzberg

“Man kann Bänke anzünden und dealen, alles kein Problem. Aber wehe, du hast einen Hund”, beschwerte sich kürzlich ein Neuköllner im Deutschlandfunk über Kontrollen des Ordnungsamts in der Hasenheide. Aus Protest lässt er sein Tier ohne Leine durch den Park laufen. In der großen Grünanlage zwischen Kreuzberg und Neukölln treffen wir auch Alexander und seine Bulldogge “Saddam”. Der Hund sitzt friedlich zu seinen Füßen, ganz wie das Tier auf dem Foto, das in der Oranienstraße wahrscheinlich ein Auto bewachen soll.

Auch Alexander hat Grund, sich zu ärgern: Über den Leinenzwang, über schiefe Blicke von Eltern mit Kindern und über die einzige Hundewiese im Kreuzberger Teil des Parks. Dort laufen eher die Bewohner der Bergmannstraße auf, “die haben nettere Hunde”, erzählt eine Freundin. Andere Grünanlagen wurden aufwendig umgestaltet, um Hunde und ihre Hinterlassenschaften fern zu halten. Leute mit Kindern sollen her – wie zum Beispiel am Boxhagener Platz in Friedrichshain.

Der städtische Aktionismus begann vor sieben Jahren mit der Hundeverordnung, die die Haltung von Kampfhunden erschwert. Das Gesetz zeigt Wirkung, meinen dessen Befürworter und verweisen darauf, dass Hundeattacken auf Menschen von von 1900 im Jahr 2000 auf weniger als 900 zurückgegangen sind. Die strengeren Gesetze und die öffentlichen Debatten haben offenbar dazu geführt, dass sich Hundehalter mehr mit ihren Tieren beschäftigen. Claudia Hämmerling von den Grünen fordert seit Jahren die Aufhebung des Gesetzes, das bestimmte Rassen als gefährlich einstuft. Schäferhunde und Rottweiler dürfen dagegen ohne Maulkorb herumlaufen und beißen häufiger zu, als alle anderen Rassen zusammen.

Überfall aus Sibirien

“We are in Berlin. Now we in Alex. Plats.” Kurze Mitteilung per E-Mail, morgens um sieben. Der Autor offenbar ein Bekannter meiner Schwester aus Sibirien. Ich hatte zwei Frauen erwartet, aber egal. Wenig später saßen fünf erschöpfte russische Studenten am Küchentisch. Ob das Wasser teuer sei in Deutschland, fragte der eine. Sie hätten nämlich fünf Tage lang nicht duschen können. Nicht in Nowosibirsk, wo sie Zwischenstation gemacht hatten, um das Visum abzuholen und auch nicht in Moskau. Dort waren sie nach 5642 Kilometern Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in einen Bus Richtung Warschau umstiegen.

Die drei Mädels hatten genug von der tagelangen Herumsitzerei und wollten Berlin zu Fuß erkunden. Die Fahrtkosten für die S-Bahn würden sie sich sparen. So bummelten sie durch Neuköllner Antiquitäten-Läden oberhalb der Sonnenallee und huldigten – very berlinerisch – dem Konsum im Alexa Shopping Center. Und sie aßen Döner. Als ich ihnen später erzählte, was sie da zu sich genommen hatten, machten sie nur große Augen: “We like Döner.” Am nächsten Tag berichteten sie über die Entdeckung einer ganz exzellenten Döner-Bude gleich in meiner Straße..

Die Männer mochten ebenfalls Döner, hatten aber andere Pläne: “We go to Madrid”, verkündete Erdeny, der Autor der E-Mail, noch ehe er seinen Kaffee ausgetrunken hatte. Mit den Frauen hier zu fünft zwei Tage lang ein Zimmer zu teilen, sei nichts. Wann denn ein Flugzeug nach Madrid gehe. Madrid war ausgebucht, Paris und Amsterdam zu teuer. Gegen Mittag bestiegen die beiden Jungs einen Zug nach Dresden.

“Berlin is a very friendly city”, sagte Tuyana, die für die anderen Frauen dolmetschte. Ob es denn in Berlin keine Skins gebe? In Moskau seien sie als Burjaten schlecht behandelt worden. “Die dachten, wir seien Chinesen und keine Russen.” Ich verzichtete darauf, ihnen von Freunden zu erzählen, die bestimmte Berliner Stadtteile wegen ihrer Hautfarbe nach Möglichkeit meiden und als Ausländer schlechte Erfahrungen gemacht haben. Mit Berlinern, mit dem Ausländeramt. Diese Besucher aus Sibirien waren so begeistert, dass ich ihnen die Freude an ihrem kurzen Berlin-Aufenthalt nicht nehmen wollte.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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