Tag-Archiv für Neukölln

Klischee-Maschine Neukölln: Wenn Leitmedien den Absturz suchen

Hui, Spiegel-TV ist mal wieder investigativ, hat einen Film zu Neukölln gedreht, der in mehreren Folgen auf Spiegel Online zu sehen ist. Der erste kurze Clip zum “Hinterhof der Hauptstadt” ist seit heute online und porträtiert die “letzten Deutschen” im Bezirk. Natürlich in einer Kiez-Kaschemme, ausgerüstet mit Baseball-Schlägern gegen die Abgründe da draußen. In der nächsten Folge nähert sich der Regisseur dann einigen Gangsta-Kids.

Voyeuse, die ich bin, habe ich den Beitrag zu Ende geschaut - wenn auch mit Bauchschmerzen. Die Protagonisten kommen dabei nicht sonderlich gut weg: Eine wehrhafte Wirtin, die Wert auf die Feststellung legt, kein Opfer zu sein und ein latent fremdenfeindlicher Hausmeister, der sich dem Kampf gegen Sperrmüll verschrieben hat.

Aber darum geht es nicht. Mit reißerischen Sozialreportagen können Online-Medien jede Menge Klicks machen und ihren Zuschauern das Gefühl geben, anderen ginge es noch schlechter. Ressentiments und Vorurteile werden großzügig bedient, das Boulevard-Prinzip also auch beim Spiegel. Aber genug. Sonst entsteht hier noch der Eindruck, ich wollte ernsthaft Werbung für den Film machen.

Neukölln ist ok. Aber kann man dort hinziehen?

Ich weiß nicht, zu welchem Schluss der Leser gekommen ist, der zufällig über die Google-Schlagwortsuche  “Kann man da hinziehen Neukölln” auf diesem Weblog gelandet ist und über 20 Seiten aufgerufen hat. Aber um es kurz zu machen - man kann in einigen Ecken ganz gut wohnen.

Vor zwei drei Jahren hätten die meisten wahrscheinlich noch vehement widersprochen. Neukölln galt für viele als Verlegenheitslösung, die in Kreuzberg keine Wohnung finden konnten. Mittlerweile gibt es aber - sehr zur Freude der Immobilienmakler - einen regelrechten Kreuzkölln-Hype. Es scheint aufwärts zu gehen mit dem Neuköllner Norden, was man vom Rest des Bezirks nicht gerade behaupten kann.

So überrascht es nicht, dass die ersten Gentrifizierungs-Skeptiker orakeln, die schleichende “Yuppiesierung” des Reuterkiezes stehe kurz bevor. Das Interessante dabei: Verantwortlich dafür machen die selbsternannten Sprecher des prekären Neuköllns “Latte Macchiato schlürfende Designerinnen aus der Schlesischen Straße in Kreuzberg.” Die schielten bereits nach Nord-Neukölln, um dort Boutiquen zu eröffnen.

Bei aller Paranoia: Akademiker-Familien mit Schulkindern werden so schnell nicht nach Neukölln ziehen. Zu desolat klingen die Meldungen über die Zustände an Neuköllner Schulen und über abgehängte Schüler, die kaum etwas zu erwarten haben. Aber vielleicht entwickelt sich der Nord-Neukölln ja zu einer neuen Hochburg für Singles mit hohen Ansprüchen, die lieber auf 80 Quadratmetern wohnen als zum gleichen Preis in Prenzlauer Berg auf 60 Quadratmetern. Nette Kneipen gibt es ja inzwischen genug und Leute, die sich mit dem Kiez identifizieren auch.

Foto: chaosinjune

Stadtplanung 2.0: Studis als Gentrifizierer

Ein Modell für Neukölln? Die Stadt Hamburg lockt Studenten gezielt mit subventionierten Mieten in einen “Problemstadtteil”, in dem überwiegend Hartz IV-Empfänger, Ausländer und Leute mit Migrationshintergrund leben. 178 Euro kostet ein gefördertes WG-Zimmer bei einer städtischen Wohnungsbaugenossenschaft auf der Veddel, Gentrifizierung von oben sozusagen - die Jungakademiker sollen den Stadtteil lebenswerter machen.

Wo Leerstand herrscht, will niemand wohnen, die Mietpreise fallen. Und es wird trauriger für die “Abgehängten”, die nirgendwo anders hinziehen können, so die Logik. Die Neuköllner Zwischennutzungsagentur hat gezeigt, dass leerstehende Räume temporär sehr sinnvoll an Gründer mit kleinem Geldbeutel vermittelt werden können. Der Reuterkiez, Neuköllns neues “In-Viertel” an der Grenze zu Kreuzberg, hat seinen Aufschwung wahrscheinlich nicht zuletzt dieser Initiative zu verdanken. Studenten kamen von selbst, sie sollen inzwischen sogar aus Friedrichshain an den Landwehrkanal ziehen.

Aber zum Neuköllner Westen. Oberhalb des Hermannplatzes sieht es ganz anders aus, Kneipen heißen dort Herrfurth- Eck, Pinte II, Bierbaum 3. Würde der Senat im Schillerkiez WG-Zimmer subventionieren, müssten die Mieten für Studenten noch deutlich unter dem Hamburger Preis liegen - für 200-240 Euro kann man dort aktuell nämlich schon sehr günstig wohnen. Nur fühlen sich die wenigsten Neu-Berliner wohl, kaum einer hat Lust, dort dauerhaft Sozialstudien zu betreiben. Auch mit Blick auf die Bewohner, denen es am nötigsten fehlt - nämlich an Perspektiven - scheint ein solches Projekt mehr als fragwürdig. Ohne Bauchschmerzen könnten sich Besserverdienende von morgen jedenfalls nicht vom Senat sponsern lassen…

Keine Kontrollfreaks in Neukölln

Foto: Anne Grieger

Pallettenweise hatte Familie B. aus dem Vorderhaus Katzenfutter nach Hause geschleppt, immer wieder. Sie horteten das Zeug offenbar, wenn es gerade günstig war. Dann verabschiedete sich das Tier, starb. Die Futterkonserven landeten im Hof - “für die Nachbarn”. Es folgten der Katzen-Baum, ein angenagter Sisal-Teppich. Jemand anderes stellte einen alten Kühlschrank dazu, der aussah, als hätte er jahrelang kein Putzmittel gesehen.

Die Hausverwaltung ließ mitteilen, die Kosten für das Reinigungsunternehmen würden auf alle Mieter umgelegt. “Das sieht doch noch harmlos aus”, meinte ein Freund, der in Freiburg ganz andere Erfahrungen gemacht hatte. In seinem Haus hätten Kontrollfreaks gewohnt, das sei schlimmer gewesen. “Die haben gelbe Tonnen durchwühlt, sobald jemand versehentlich Altpapier in den Recycling-Müll geworfen hat.” Der “Täter” wäre dann - sofern irgendwie identifizierbar - bei der Hausverwaltung angezeigt worden.

Irgend etwas dazwischen wäre schon gut.

Entmietet wegen Rütli, irgendwie ironisch

Wieder einmal sorgt die Rütli-Schule unfreiwillig für Negativschlagzeilen, dabei klingen die Pläne für den neuen “Campus Rütli” durchaus verheißungsvoll. Wie jetzt bekannt wurde, müssen nicht nur die Kleingärtner der benachbarten Kolonie “Hand in Hand” ihre Zelte abbrechen, sondern auch die Beschäftigten eines benachbarten Gewerbehofes. Das Bezirksamt von Neukölln soll den Betreibern mehrerer Autowerkstätten, einer Lackiererei und einem Rohstoffhändler wegen Eigenbedarf vorzeitig gekündigt haben.

Der Grund: Für den Aufbau des “Campus Rütli” werden die angrenzenden Flächen dringend gebraucht. Das Konzept sieht ein Zusammengehen der Rütli-Schule mit der benachbarten Realschule als Gemeinschaftsschule vor, zudem soll ein umfassendes Betreuungsangebot geschaffen werden. Eine Kita, ein Jugendclub, Sport- und Freizeitstätten, Werkstätten und Beratungsstellen werden alle in unmittelbarer Nähe zur Schule entstehen, rund 1400 Kinder und Jugendliche sollen hier unterrichtet und ganztägig betreut werden. So ist eine neue Grundschule auf dem Gelände der Schrebergartensiedlung offenbar beschlossene Sache, und dort, wo bis vor kurzem noch Autos repariert wurden, wird bald eine neue Quartiershalle stehen.

Gut für die Schüler? Sicherlich, nur hätte eine Einbindung der Gewerbetreibenden den Rütlianern wahrscheinlich noch mehr genutzt. Schüler hätten von einer Kooperation profitieren können - als Praktikanten und Auszubildende. In der neuen Quartiershalle dürften sich die Entmieteten wohl kaum blicken lassen.

Vergesst “Kreuzkölln”

Insekteum, Pflügerstraße - Foto: Anne Grieger

Gallerie Klötze und Schinken, Bürknerstraße - Foto: Anne Grieger

Kunstbegriffe haben oft etwas Temporäres, so wohl auch die Wortschöpfung “Kreuzkölln”, mit der im letzten Jahr der Neuköllner Norden gehypt wurde. Viele Bewohner des neuen “In-Kiezes” sind es inzwischen leid, als 1b-Kreuzberg gehandelt zu werden, als möchte-gern-Kreuzberg mit günstigerem Wohnraum. Sind die (Neu-)Neuköllner also mittlerweile angekommen in dem alten West-Bezirk mit dubiosem Ruf?

Philip Steffan, Blogger und selbsternannter Chronist des Reuterkiezes, stieß sich als Zugezogener weniger an dem Begriff “Kreuzkölln”. Nicht nur die Medien hatten sich diesen zueigen gemacht, auch Immobilienmakler betrachteten ihn als Faustpfand für eine effektivere Vermarktung ihrer Objekte. Mit der Umbenennung seines Weblogs “Kreuzkölln alias Reuterkiez” in Reuterkiez-Blog hat Steffan nun auf die Kritik vieler (Neu-) Neuköllner reagiert, die ein offenes Bekenntnis zu ihrem Stadtteil fordern. Sie lebten schließlich “freiwillig” dort.

Das ist insofern interessant, als als gängige Ausrede vieler Neu-Neuköllner häufig die niedrigen Mietpreise herhalten müssen. Auf die Frage “Wo wo wohnst du?”, die in Berlin laut FAZ zwingender als anderswo mit der Identität der befragten Person in Verbindung gebracht wird, antworten nun viele zunehmend offensiver: “In Neukölln.”

Aber bitte in Ufernähe…

Da Mietpreise in Prenzlauer Berg und Kreuzberg als kaum mehr erschwinglich gelten, scheint der Neuköllner Norden eine bislang ungekannte Sogwirkung zu entfalten. In den Reuterkiez zu ziehen, ist im Februar 2008 gar nicht so einfach. In keiner der Internet-Suchmaschinen für Immobilien findet man aktuell ein passables Angebot für eine 2-Zimmer-Mietwohnung bis 600 warm in einer der begehrteren Neuköllner Straßen (Friedel-, Lenau-, Sander-, Bürkner-, Hobrecht-).

So versuchen immer mehr Leute, über Freunde und Bekannte eine Bleibe zu finden: Die Mail des Freundes einer Freundin, der eine Mail von Bekannten weiterleitete liest so: ” Vielleicht wisst ihr ja eine schöne Wohnung für Birthe und Oli in Ufernähe. Die freuen sich über eure Angebote. Danke für die Aufmerksamkeit und sorry, falls ihr sowas als Spam empfindet.”

Ob Birthe und Oli auf die Schnelle fündig werden - schwer zu sagen. Wahrscheinlich müssen sie auf angrenzende Straßen ausweichen. Erste Anzeichen dafür, dass die zwangsläufig populärer werden, gibt es bereits.




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