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Archiv für das 'Kiez'-tag

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Einwürfe aus der Provinz: Kennen Sie Kiez?

Foto: Christian HeteyIch habe ein paar Jahre in Hamburg gelebt. Da gibt es den Kiez. Das ist die Reeperbahn und alles, was sich im direkten Umfeld befindet. Eine Sammlung fragwürdiger Kaschemmen, abgerockter Touristenfallen, aggressiv-stupider Atmosphäre und dem unvermeidlichen Hamburger Berg. Dort sind viele tolle Kneipen, in denen man als Gast die Wahl hat zwischen kickern mit Soulmusik, Tischfußball und Funk oder Tippkick mit dem Best Of aus Funk und Soul. Dazu säuft man hanseatisches Billigbier, ein widerliches Gebräu, das einem regelmäßig die ganz private After Hour am nächsten Tag zünftig versüßt. Das Ganze ist also nur interessant für die Praktikanten der Werbeagenturen, Designstudenten oder ähnlich erlebnisorientierte Hools & Vaddis aus Uelzen und Co. Der Begriff Kiez bekommt hier seine Füllung: irgendwie vorhanden, eher eklig und nach Möglichkeit meiden.

Ganz anders sieht es in Berlin aus: als ich das letzte Mal die behütete Umgebung der Provinz mit einem Berlinbesuch getauscht habe, da war auf einmal alles Kiez. Wrangel-, Reuter-, Tralalakiez. Kiez as Kiez can. In Kiez A waren wir auf einer stinklangweilig-ordinären Ich-AG-Hobbykunsthandwerkveranstaltung für die Jüngeren im Lido, in Kiez B auf dem netten Schiff mit dem bescheuerten Namen und in Kiez C auf einer unglaublich hippen Party ohne größere Höhepunkte und DJ Mottenkugel. Nun fühlte sich das aber alles ähnlich bemüht bis substanzlos an, nett eben. Sah auch alles recht ähnlich aus. Trotz unterschiedlicher Kieze.

Und wenn ich es richtig verstanden habe, dann bezeichnet Kiez ein von bestimmten Straßen oder besonderen Orten eingefaßtes Berliner Areal. Den Namen dieser Region kann man dann schön auf Flyer malen oder sonstwie identitätsstiftend verwenden? Ist das der Keim eines neuen Lokalpatriotismus? Geht man nicht aus Sindelfingen und Wilhelmshaven nach Berlin, um die Enge und Begrenztheit der Provinz hinter sich zu lassen in der Weltstadt? Gibt es Kiezophrenie? Kann man kietzelig sein? Wer erklärt mir diesen Begriff und den darin für mich als Provinz-Westler offensichtlich verborgenen way-of-life?

Bedankt.

Mario Filsinger
Der Fragesteller lebt und arbeitet als Medienproletarier in der tiefsten Provinz.
Foto: Christian Hetey

Vernageltes Deutsches Haus

Am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg entsteht eine Moschee, das wissen die meisten. Doch wer sich auf der Baustelle näher umsieht, entdeckt direkt daneben dieses seltsame “Hotel Deutsches Haus”. Die Fenster sind von innen mit Spanplatten vernagelt, die Tür verrammelt. Wie lange mag das Gebäude schon leerstehen?

Vielleicht hat der Hotelier keine Zukunft mehr an diesem Platz gesehen, als 1987 am Tag der berüchtigten Mai-Krawalle nebenan der Bolle-Markt ausbrannte. “Übernachten Sie bei uns im Deutschen Haus, mit Ausblick auf eine Supermarkt-Ruine” hätte als Werbung wohl nur wenige Gäste gelockt. Möglicherweise ist der Fremdenverkehr in diesem Quartier aber auch langsam gestorben, ganz ohne den Randale-Zusammenhang. Was denkt überhaupt ein Tourist, der auf der Zimmersuche unsicher durch Kreuzberg kurvt und vor einem “Deutschen Haus” stehen bleibt? Die Zimmer sind ordentlich, die Bettwäsche sauber und an der Rezeption bekommt jeder Gast erstmal eine Nummer?

Irgendwie passt dieses leere vor sich hin rottende Hotel ganz gut ins Bild. Es könnte sinnbildlich für alle Deutschen stehen, die wegschauen und Türen und Fenster verriegeln, wenn die große Moschee nebenan demnächst Eröffnung feiert. Aber zugegeben: Dieses Milieu gibt es hier nicht mehr, es kommt nicht mal zu Besuch. Wenn sich jemand über das “Maschari Center” aufregt, dann kommt er kaum aus dem Kiez.

1. Mai: Die Spur der Steine

PflastersteineAn diesem schönen Tag sind wir aufs Dach geklettert und spielen Schach, als unten langsam eine “Wanne” vorbeirattert. “Früher haben die noch ihre Dachluken zugemacht, als sie durch den Kiez fuhren”, erzählt ein Freund nachdenklich. Und so zerbeult wie damals sind die neuen Mannschaftstransporter der Berliner Polizei auch nicht.

Eine Woche vor dem 1. Mai deutet wenig auf die anschwellende Wut hin, die fast jedes Jahr zusammen mit dem Frühling erwacht und – wie vor 20 Jahren – einen ganzen Stadtteil in ein Schlachtfeld aus brennenden Autos, geplünderten Geschäften und vermummten Kämpfern auf beiden Seiten verwandeln kann. Da wollen Leute leben, um etwas zu erleben, könnte man böse sagen, oder: sie wollen leben, um etwas zu verändern. Jedenfalls ist diese Art von Energie- und Ladungsaustausch zwischen Polizei und gewissen Menschenansammlungen seit dem Auftakt vor 20 Jahren auch in Friedrichshain zu einer Begleiterscheinung des “Kapuzenkarnevals” geworden. Auch im letzten Jahr flogen den Beamten wieder Steine und Flaschen um die Ohren, wenn auch weniger als an den Maydays der Vorjahre. Ein paar umgekippte Autos, eine zerstörte Bushaltestelle – die Bilanz-Pressekonferenzen des Senats wurden kürzer. ’1. Mai: Die Spur der Steine’ weiterlesen

Eine Bar von gestern

Foto: PromoBerlin ist eine Stadt, “verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein”. So der Publizist Karl Scheffler im Jahr 1910. Aktuelles Beispiel in meinem Kiez in Friedrichshain: Das Waschmaschinewsky ist nicht mehr, stattdessen lädt Ein Brief von gestern zum Essen ein. Das Waschmaschinewsky war die Bar der Radio Eins-Moderatoren Volker Wieprecht und Robert Skuppin. “Waschmaschinewsky“ – so wurden in den sechziger Jahren die polnischen Gastarbeiter im Ruhrpott genannt, die sich eine eigene Waschmaschine leisten konnten. Und so nannte Skuppin auch das Bier, das er in einer kleinen Brauerei in westpolnischen Witnica entdeckte, und nach Berlin holte.

Die Einrichtung der Kneipe war in den polnischen Nationalfarben Rot-Weiß gehalten. Auch die Schwarz-Weiß-Fotografien von Gdan’sk und Gerichte wie bigos und pierogi verwiesen auf die Nachbarn im Osten. Auf der Toilette lief ein ziemlich lustiger Audio-Sprachkurs Polnisch. Eine rote Waschmaschine hinterm Tresen schleuderte einen gewöhnungsbedürftigen Cocktail mit Absinth, Wodka und Gin. Für den homo ludens gab es einen Kicker und skurrile Gesellschaftsspiele wie ein Busen-Memory. Gelegentlich gab es Lesungen, manchmal ein Quiz. ‘Eine Bar von gestern’ weiterlesen

Communist Street and Pity Parties

Communist Street, die Entdeckung gestern. Auf dem Rückweg vom Laufen noch schnell im Supermarkt gewesen. Restlos bepackt für die nächsten Wochen, zog sich der Weg. Normalerweise achte ich auf Hundemist, gestern ausnahmsweise auf Schilder. Wollte einen Namen für dieses Blog. Unspektakulär die “Hermann-Klause”, ebenso die “Pizzeria Sole”. Dann der “Skat-Club Fidel”. Ein Castro-Fanclub in Nova Colonia? Warum nicht. Ich lief weiter. “Kiez-Räte bilden”, stand an einer Hauswand. Nach einigen Metern ein neuer Buchladen “Buchexil, der neue Ort für alte Bücher.” Die Idee: Verkauf und Verschenken gebrauchter Bücher. Communist Street, I thought, mitten in Berlins Viertel mit den meisten türkischen Läden, arabischen Internet-Cafés und kroatischen Wettbüros eine Kommunisten-Straße. Das WASG-Büro registrierte ich schon nicht mehr. Erst kommen die Kommunisten und dann die Studenten. War das so? Die These einer Bekannten, dass Neukölln Berlins neuer In-Kiez werde, wurde plötzlich greifbarer.

Kontrastprogramm am Abend. Keine Lust auf eine Pity Party zu Hause, in Neukölln werden in letzter Zeit häufig Pity Partys gefeiert. Einer erzählt eine traurige Geschichte, kann auch gelogen sein, ein anderer eine noch traurigere und so weiter. Also in die Belgische Botschaft, eine Feldstudie für Fortgeschrittene. Nach dem Tamtam um Horst K. [Bundespräsident] auf einer Veranstaltung am Dienstag konnte mich nichts mehr schrecken. Ein paar Anekdoten über den Wiener Opernball haben noch keinem geschadet, dachte ich, und belgische Comics sind eh cool. Die Vernissage war dann allerdings ein ziemlicher Flop. Der belgische Freund nahm es locker: War doch klar, dass es um Politik gehe. Man brauche nur Anlässe, um Häppchen zu essen und als regional gespaltenes Land Einigkeit zu demonstrieren. Belgien sei wie Berlin arm aber sexy, sagte der Botschafter, ein Mann mit einer violetten Krawatte. Sexy vor allem wegen seiner diversiteit. Also wie Neukölln, Berlins neues In-Viertel. Einen Namen für das Blog habe ich aber auch bei der Veranstaltung nicht gefunden.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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