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Archiv für das 'Brandenburg'-tag

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Von der Kaufhalle zum Sexdiscounter

Foto:Anne Grieger

Etwas trostlos wirkt die Kulisse des Potsdamer Erotik-Marktes an diesem Dienstag morgen, es gibt aber tatsächlich Kunden. Meist ältere Männer, die schnell das Weite suchen. Keine zwei Kilometer Luftlinie vom Park Sanssouci, dem die Unesco den Status des Weltkulturerbes verlieh, steht also dieser Klotz aus DDR-Zeiten.

Vor der Deutschen Einheit war der eingeschossige Bau wahrscheinlich eine Kaufhalle, ein volkseigener Supermarkt mit staatlich festgelegten Preisen. Heute kommen vor allem Schnäppchenjäger auf ihre Kosten. Geiz ist geil, besonders wenn es um Artikel geht, die man nicht für jedermann sichtbar auf der Fensterbank im Wohnzimmer aufbauen kann.

Ob sich nach der Privatisierung Widerstand gegen Erotik-Discounter-Konzept formiert hat? Anwohner, die eher einen Abriss des Gebäudes befürwortet hätten, als eine derartige Nutzung? Wenn auch kaum Investoren Interesse an einem solchen Objekt haben dürften – es gibt durchaus wertvolle Zwischennutzungs-Konzepte für leerstehende DDR-Bauten.

In Berlin-Friedrichshain haben sich etwa Künstler provisorisch in einer ehemaligen Kindertagesstätte eingerichtet. Bis das Gebäude abgerissen wird, bleibt viel Raum für Vernissagen, Workshops und Partys.

Berlin brutal #2: Eine mongolische Studentin erzählt

Im Dezember werden die Grenzkontrollen zu den meisten neuen EU-Mitgliedstaaten entfallen, und ab 2009 dürfen Polen, Tschechen und andere wohl endlich in der Bundesrepublik arbeiten. Alina nützt das herzlich wenig, für Nicht-EU-Ausländer ändert sich nichts. “Ich habe schon umsonst gearbeitet, am Anfang”, erzählt sie. Um den Lohn geprellt wurden auch Freundinnen. “Die wissen, ohne Papiere kann man sich nicht wehren.”

Als Teilnehmerin an einem Deutsch-Kurs hatte Alina zunächst keine Arbeitserlaubnis und jobbte in einer Eisdiele in Potsdam. Eine unschöne Zeit, es gab immer wieder Kunden mit “schlechten Manieren”, sagt sie. In dem Charlottenburger Café, in dem sie jetzt arbeitet, ist zumindest die Atmosphäre netter. Keine fremdenfeindlichen Musterdeutschen. Viele Gäste hocken stundenlang über ihrer Zeitung, aber am Ende haben die meisten doch nur zehn Cent Trinkgeld übrig.

Fallstrick Krankenversicherung

Eigentlich zählt Alina zu den Privilegierten, die Eltern sind Diplomaten. Die Entscheidung, dass die Tochter im Ausland studieren würde, fiel ohne deren Einwilligung. “Als 17-Jährige konnte ich nicht mitreden.” So lernte sie Deutsch, durchlief das für Ausländer obligatorische Studienkolleg zur Vorbereitung auf ein Studium und suchte sich einen Job als Kellnerin, um das Studium zu finanzieren.

Ein kurzer Krankenhausaufenthalt noch vor Semesterbeginn kostete Alina jedoch zwei Jahre: Ohne Krankenversicherung war die Privatrechnung für den Rettungswagen und einen kurzen stationären Aufenthalt immens. Mit 2500 Euro Schulden war an ein Studium erst einmal nicht zu denken.

“In der Mongolei ist vieles einfacher”, sagt sie. “Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der einen behandelt.” Bestechung also? Alina lacht und spricht von “Freundschaftsdiensten”. Wenn sie in zwei Jahren nach Asien zurückkehren wird, will sie bei einer Hilfsorganisation arbeiten. “Dort gibt es so viel zu tun, die brauchen immer Leute.” Für Praktika während des Studiums bleibt keine Zeit.

So werden wir Elite: Nachhilfe in Sachen Benimm

“Damen und Herren, wenn Sie mich in einer E-Mail mit ‘Hallo Frau Z.’ anreden, erhalten Sie keine Antwort.” Aber Hallo. Wir befinden uns nicht in einem Benimm-Kurs, sondern in einer Einführungsveranstaltung an der Uni Potsdam. Es kommt noch schlimmer: “Ich schätze Preußische Tugenden”, sagt die kleine Frau hinter dem Pult streng, und blickt in 70 entgeisterte Gesichter. “Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, gepflegte Umgangsformen.”

Es folgen Ausführungen über einen angemessenen Dresscode, die schriftliche Abmeldung bei unentschuldigtem Fehlen, über den Umgang mit Kommilitonen. “Sie glauben selbst nicht, dass jemand, der an einer privaten Universitiät BWL studiert, auf die Idee käme, während des Seminars zu essen. Das erwarte ich auch von Ihnen als angehende Akademiker.”

Kollektive Verunsicherung

Studierende lassen sich immer mehr gefallen, beklagen Studentenvertreter. Sie wollen gesagt bekommen, was sie zu tun und zu lassen haben. Und für ihre Folgsamkeit und Fleißarbeit mit guten Noten belohnt werden. Nach rechts und links gucken ist nicht mehr, der volle Stundenplan lässt den Besuch fachfremder Veranstaltungen kaum zu. “Die Universitäten produzieren nur noch lauter Fachidioten”, sagt eine Bekannte, die in der Personalabteilung einer Unternehmensberatung arbeitet. Die Bewerbungsmappen von Bachelor-Studenten, die bei ihr eingehen – alle zum Verwechseln ähnlich.

Die allgemeine Verunsicherung scheint schwer zu wiegen. Auch darüber, wie man über die verschulte Universität hinaus im gesellschaftlichen Leben alles “richtig” macht. Im Internet findet man zahlreiche Benimm-Seminare und Berichte darüber, dass Teenager zunehmendes Interesse an Tanzkursen haben. “Für die Karriere.”

Dann lieber keine Karriere.

Potsdam, du Schöne

Foto: Anne Grieger

Freitag ist der Tag der Süddeutschen – wegen des Magazins. Heute ein Glücksgriff, die Seite Drei der Zeitung ist Potsdam gewidmet. Ich bin selbst auf dem Weg nach Potsdam. Artikel über Orte, an denen ich mich aufhalte, lese ich gern. Potsdam sei die am meisten boomende Stadt der Republik, inzwischen für viele attraktiver als Hamburg. Vor wenigen Jahren noch als Stadt der Depressiven abgeschrieben, als Stadt der früheren DDR-Bonzen, habe Potsdam mittlerweile eine Entwicklung durchgemacht, die ohne Beispiel sei. Eine der wenigen ostdeutschen Städte, die nicht schrumpft, sondern kontinuierlich (wohlhabende) Neubürger hinzu gewinnt und eine Akademikerquote von rund 18 Prozent aufweist. Namen wie Günther Jauch, Wolfgang Joop und Nadja Uhl werden seit längerem mit Potsdam in Verbindung gebracht, weitere Promis folgten und kauften leerstehende Villen rund um die Seen.

Am Bahnhof Charlottenhof steige ich mit lauter Touristen aus. Auch sie wirken verloren, wollen offenbar in Richtung Neues Palais und sind zu früh ausgestiegen. Gegenüber des Neuen Palais befindet sich die Universität, ein Gebäudekomplex, der einladend wirkt. “Die absolute Traumstadt zum Studieren”, meinte mal eine Bekannte, die aus Süddeutschland kam, und sich bewusst gegen Berlin entschieden hat. “Die neue Spießerstadt des Ostens”, meinte ein anderer Kumpel, ein Potsdamer, dem “snobistische Wessis” suspekt sind, und der sich als Chronist des Wandels gebärdet. Auch Potsdam polarisiert offenbar.

Ich komme selbst immer nur als Touristin nach Potsdam – mit meinem Berliner Semester-Ticket ging das bis vor kurzem umsonst. Ein paar Stunden in Potsdam lassen die Hässlichkeit meiner Wahlheimat Neukölln jedes Mal stärker zutage treten, als mir lieb ist. Zurück am Hermannplatz will jemand mein Bahnticket haben, Zigaretten, die ich nicht besitze, und zwei kleine Roma-Mädchen lassen mir keine Ruhe. Potsdam, das kleine Paradies im Osten, liegt nur gute 30 Kilometer weit entfernt.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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