Wir bloggen Berlin – Blog News Bezirke

Monatsarchiv für März 2010

Der Radfahrer, die Melkkuh

Radfahrer sind prinzipiell rücksichtslos, sie gefährden andere und vor allem sich selbst. Und sie fahren andauernd über Rot. Deshalb muss die Polizei sie schützen; durch Kontrollen. So ähnlich dürfte wohl die offizielle Begründung lauten. Ein Blick in die Unfallstatistik zeigt: Bei Verkehrsunfällen, in die Radfahrer verwickelt waren, sind diese 2008 in 51 Prozent der Fälle Hauptverursacher gewesen. Grund genug also, um sie zu erziehen.

Ich bin über eine rote Ampel gefahren. An einer leeren Kreuzung in Friedrichshain, kein Auto und erst recht kein Kind in Sicht, dem ich ein schlechtes Vorbild hätte sein können. Der Streifenwagen stand hinter anderen parkenden Autos, die Beamtin, die die Zeit nach dem Rotsignal stoppte, hatte sich ebenfalls gut getarnt. 100 Euro soll der Spaß kosten, außerdem einen Punkt in Flensburg.

Es gibt etliche Ampeln in dieser Stadt, die entbehrlich sind, die geradezu danach schreien, missachtet zu werden: Weil kein anderer Verkehrsteilnehmer weit und breit zu sehen ist. Der Wille zur Einsicht ist daher begrenzt.  In Paris wird man belächelt, wenn man an einer menschenleeren Kreuzung an einer roten Ampel stehen bleibt. Und der Gendarm schlendert ganz selbstverständlich über Rot. Ein bisschen mehr Gelassenheit statt preußischer Prinzipienreiterei wäre schön in Berlin.

So bleibt der Eindruck, bevormundet und ebenso unangenehm – gemolken worden zu sein. In den zehn Minuten, die der Polizist brauchte, um meine Personalien festzuhalten, sind zwei weitere Radfahrer ins Netz gegangen – weitere 200 Euro an Bußgeldern also. Auf die Stunde hoch gerechnet, macht das 1800 Euro. Kein schlechter Schnitt. Wenn dieses Geld für die Ausbesserung von Radwegen und Einrichtung von neuen Fahrradstreifen verwendet wird, wäre ich versöhnt. Anderenfalls ziemlich zerknirscht.

Wo sind all die Rentner hin?

“Erfurt”, schwärmte N., “das ist mal ‘ne Stadt.” Anders als in Berlin gebe es dort tolle Bäckereien und überhaupt sei alles viel aufgeräumter. Tatsächlich erinnert der Erfurter Domplatz mit all seinen Straßencafés bei schönem Wetter an eine Kleinstadt am Rhein. Senioren lassen es sich gut gehen bei Eis und Cappuccino,  und auf die Idee ein Notebook auszupacken, kämen in Erfurt in den Semesterferien wohl wenige.

Ob es sich in einer beschaulichen Stadt wie Erfurt gut leben lässt, weiß ich nicht. Im Vergleich zu Berlin fällt jedoch auf: In Friedrichshain, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg – den Bezirken, in denen ich mich meist bewege – sind ältere Menschen fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden. Man begegnet ihnen zwar noch im Supermarkt oder beim Arzt – aber in Cafés oder Restaurants? Meine Großmutter wäre hier ziemlich verloren auf der Suche nach Leuten ihres Alters. In Prenzlauer Berg geriet ein kleines Mädchen regelrecht in Verzückung, als es eine alte Dame mit weißem Haar und Rollator sah. Der Rentner, das fremde Wesen.

Aber so jung ist Berlin nun wieder doch nicht: In Treptow-Köpenick, Steglitz und Spandau ist laut Statistischem Landesamt Berlin fast jeder Fünfte 65 oder älter. Im Lietzenseepark in Charlottenburg können gesundheitsbewusste Senioren seit vergangenem Jahr an speziellen  Fitness-Geräten für Ältere trainieren. Mehr als wahrscheinlich, dass es dort in der Nähe auch eine Restaurant- und Kneipenszene gibt, die ein älteres Publikum anspricht. Nur komme ich dort äußerst selten vorbei.

Hier sind die Sozis auf den Hund gekommen

Was einige Bewohner des Neuköllner Schillerkiezes von dem Bürgerbüro der SPD am Herrfurthplatz halten, hat jemand auf die Rollläden geschrieben:  Krieg und Armut = SPD. Der Bezirksvorsitzende Fritz Felgentreu wird darüber hinwegsehen, wenn er hier wöchentlich Flagge zeigt und die Rollläden hoch zieht. Ein Bezirkspolitiker muss sich die Sorgen und Nöte seiner Wähler anhören.

Doch was in Nord-Neukölln über die Genossen gedacht wird, kann weder der SPD-Bürgermeister Buschkowsky noch der Senat entscheidend beeinflussen. 40 Prozent der Schillerpromenaden-Bewohner leben ganz oder zum Teil von der Stütze, jeder Zweite hat einen Migrationshintergrund. Eine “Task Force” aus Sozialarbeitern soll “Trinkergruppen” die Straße streitig machen. Kein Wunder also, wenn Anwohner ihre Lage auch mit der Arbeitsmarktreform vor fünf Jahren in Verbindung bringen.

Große Politik lagert sich an manchen Orten wie in Schichten ab, das sieht man auch hier. “Hartz IV” geht um. Was als “Fördern und Fordern” angelegt war, kam bei vielen als Endstation Absturz an. Und die Furcht davor trifft längst auch Menschen in nicht-prekären Arbeitsverhältnissen.

Die Hartz-IV-Keule hat die SPD heimatlos gemacht. So wie vor 30 Jahren Helmut Schmidt den Nato-Doppelbeschluss durchdrückte und die Friedensbewegung wachsen ließ, haben Schröders Kanzlerjahre die Partei zerrieben und anderen das Feld überlassen. Wenn die Truppe um Sigmar Gabriel wieder nach oben will, muss sie unten ansetzen.

Mit dem Assi-Radar sicher am Ghetto vorbei

Eine Frau mit Rollkoffer steigt am Alexanderplatz in die U8. Unsicher studiert sie den Fahrplan über der Tür und mustert die Fahrgäste. Ihr Blick bleibt an einem Jugendlichen hängen, der breitbeinig auf einer Bank sitzt und Kaugummi kaut. Als der Zug anfährt, zieht die etwa 40-Jährige ein Handy aus dem Mantel. Ihre Stirn legt sich in Falten, während sie die Zahlen auf dem Display liest. Nervös zieht sie den Koffer näher an sich heran und verlässt an der Jannowitzbrücke überstürzt die Bahn.

Nein, es war keine gute Idee, ein Hotelzimmer in Kreuzberg zu buchen. Warum ist sie nicht gleich darauf gekommen, diesen cleveren Index für antisoziales Verhalten zu prüfen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit wären ihr auf dem Weg vom Tagungsort zum Hotel Drogendealer, Schläger und Diebe begegnet, sicherlich lauerten ihr einige bereits in der Bahn auf.

So fallen Entscheidungen bei der Suche nach Hotels, Wohnungen und Restaurants. Noch nicht heute, aber spätestens dann, wenn ein eifriger TU-Student Berliner Polizeidaten in Excel-Tabellen überträgt, nach Postleitzahlen sortiert und eine Smartphone-Anwendung damit füttert.

In Großbritannien hat eine solche Anwendung die iPhone-Charts gestürmt. Das “Asborometer” zeigt dem Nutzer auf seinem Smartphone Polizeistatistiken über antisoziales Verhalten am aktuellen Standort an. Grundlage sind die öffentlich einsehbaren “Anti-Social-Behaviour-Orders”, die alltägliche Kriminalität wie Vandalismus, Diebstahl oder Drogenverkauf ahnden.

Angesichts von mehr als vier Millionen Überwachungskameras macht sich in England kaum jemand Gedanken über Anwendungen für Mobiltelefone. Was aber können solche persönlichen Radargeräte sozialer Verwerfungen für Viertel bedeuten, die sich als Brennpunkt erweisen? Wer kann, macht einen Bogen um diese Gegenden. Geht woanders essen, feiern oder einkaufen. Wer dort lebt, rückt noch weiter an den Rand der Gesellschaft und bleibt unter sich. In einer Stadt wie Berlin wird es mehr Menschen geben, die nicht wissen wie es am Kottbusser Tor aussieht. Menschen, die zehn Jahre in der Hauptstadt leben, aber nur den berechenbaren Bewegungsmustern von Touristen folgen, die Museen und Denkmäler abklappern.

Menschen mit Radar-Apps werden lieber ohne Angst in Steglitz leben, als einen Sonnenuntergang im Görlitzer Park zu erleben. Sie werden mich nie besuchen, weil ihr Telefon auch meine Straße für einen Kriminalitätsschwerpunkt hält, der Hundehaufen wegen. Willkommen im Ghetto!

Herzschmerz vor dem Friedhof

Liebesgrüße an der Friedhofsmauer - pietätlos? Vielleicht, aber der Erste, der sich hier am Luisenstadt-Kirchhof in Kreuzberg verewigt hat, hat Nachahmer gefunden. Viele Nachahmer. “Ich liebe nur dich allein, mein Spinner” steht da an der Wand oder “Antony C., je t’aime.”  “Bircan, ich liebe dich. Daniel”.

Ich behaupte, all dies hat mit Facebook  nichts zu tun. Keine Verabredung, die binnen kurzer Zeit Kreuzberger zum Pinsel greifen ließ. Hundebesitzer und Schüler sind hier vorbeigeschlendert und wollten den Namen ihrer Liebsten an der Wand sehen. Ob sich die gefreut haben, in diese Galerie aufgenommen worden zu sein?

Fotostrecke: Liebe in Berlin

Tempelhofer Depressionen

Ich hatte gedacht, in Tempelhof würde man sich über das Ende des Flugbetriebs freuen.  Über ruhige Abende ohne donnernde Triebwerke, leere U-Bahnen, weniger Straßenverkehr. Eine ziemliche Fehleinschätzung. Eine Rentnerin erzählt, sie habe vom Fluglärm in den letzten Jahren kaum noch etwas mitbekommen. Heute ärgert sie sich über vermüllte Grünflächen und leer stehende Ladenlokale. Der türkische Lebensmittelladen sei raus, Edeka habe geschlossen, außerdem zwei Banken. Das verstehe keiner, sagt die Frau, die seit 40 Jahren am Platz der Luftbrücke wohnt.

Der Besitzer des Fliegerladens hat eine Erklärung. Ein Investor habe die Mietpreise derart angezogen, dass viele Geschäfte in der Nachbarschaft aufgeben mussten. Kein Wunder, dass sich keine neuen Mieter fänden, wenn nicht klar sei wie es weiter gehe, mit dem Flughafengelände. Er schimpft auf die Politik, die kein überzeugendes Nutzungskonzept für den Flughafen vorgelegt habe. Auf die Modemesse könne er gut verzichten. “Zwei Mal im Jahr für zwei Wochen Bread & Butter, das ist doch kein Konzept.”  Ein Museum für Luftfahrt, das wäre was. Dann käme auch wieder mehr interessierte Laufkundschaft in sein Geschäft.

Ein anderer Ladenbesitzer kann seine ausländerfeindliche Gesinnung schlecht verhehlen. Hinter vorgehaltener beklagt er sich über Großfamilien, die zunehmend in große leer stehende Wohnungen zögen. Eine Neuköllnisierung Tempelhofs stehe bevor, orakelt er. In diesen neuen Nachbarn sieht er keine neuen Kunden.

Wäre das ein Viertel, in dem man sich wohlfühlen würde? In dem man bei jedem zweiten Einkauf Hasstiraden und nostalgische Geschichten anhören muss? Ich habe da so meine Zweifel. Aber ein riesiger öffentlicher Park in der Nähe, das wäre schon was. Wenn es denn irgendwann dazu kommen sollte.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

Zufallsfotos

Kostenlos abonnieren

Unser RSS-Feed enthält alle neuen Artikel. Ihr könnt sie auch bequem als E-Mail abonnieren
www.fensterzumhof.eu gibt es jetzt auch in einer Smartphone-Version

Anzeige

Berliner Streetart

Berlin bei Nacht

Berliner Plakate

Fassaden der Hauptstadt

Berliner Hinterhöfe

Andere Blogs


Wenn Sie auf dieser Seite verbleiben, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen

Diese Website verwendet Cookies, um Anzeigen zu personalisieren. Informationen zu Ihrer Nutzung dieser Webseite werden an Werbepartner weitergegeben. Indem Sie weiter auf dieser Website navigieren, ohne die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers zu ändern, stimmen Sie dieser Verwendung von Cookies zu.

Schließen

Seite 1 von 212