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Monatsarchiv für November 2008

Ein Abschied vom Prekariat

Ihre Stimme klang beschwingt, fast schrill. “Du, ich hab den Job, morgen wird gefeiert”. Endlich eine Festanstellung für Simone, nach mindestens vier Honorartätigkeiten, elf Vorstellungsgesprächen und jeder Menge nerviger Fragen von Großeltern, Tanten und Freunden.

Der “Job” würde mehr sein, als ein Job – eine erste Stelle mit einem eigenen Aufgabengebiet, Verantwortlichkeiten und vor allem: einer Visitenkarte. Jedes Mal wenn Freunden der Berufseinstieg gelingt, hält man früher oder später eine Visitenkarte in den Händen. Landtagsfraktion der SPD in Niedersachsen, Belgische Botschaft, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, FU Berlin – die Liste meiner Visitenkarten ließe sich beliebig verlängern.

War Berlin gestern noch eine beschissene Großstadt mit inakzeptablen Arbeitsbedingungen, hat heute doch jeder früher oder später Perspektiven – vorausgesetzt er will und strahlt das auch aus. Die Absolventen-Befragung der Uni, die gestern noch ins Altpapier gewandert ist, wird wieder hervorgekramt und bereitwillig ausgefüllt.

Für Gäste, die noch immer den “Alles-nicht-so-einfach-Film” fahren, hat die Simone dann auch wenig Verständnis. “Könnt ihr nicht einmal einfach nur die Musik und das Essen genießen?”  Das “und euch mit mir freuen” verkneift sie sich. Auf die Befristung ihrer Stelle auf ein Jahr angesprochen, grinst sie nur müde: “Ich habe immerhin sechs Monate Ruhe, bis ich etwas Neues suchen muss und einen Fuß in der Tür. Ist das nichts?” Man muss sich die Gastgeberin als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Mietprotest in Kreuzberg: Paradise lost?

Klar, dass die Demonstration gegen steigende Mietpreise in Kreuzberg stattfinden wird. Im Protestbezirk. Während Leute in anderen Teilen der Stadt am Samstag Nachmittag ihre teuren Wohnungen genießen, treibt es die Kreuzberger auf die Straße: Wer weiß, wie lange sie ihre Miete dort noch bezahlen können, in welcher Beton-Wüste sie als nächstes hausen müssen. Die Zitty berichtet, besonders unter den kleineren Gewerbetreibenden herrsche Endzeitstimmung seit Investoren auf einen Aufschwung im Stadtteil setzen. Neue Mieten liegen deutlich über dem bisherigen Niveau, viele Bewohner des früheren SO 36 geben nach einer Studie von TOPOS fast ein Drittel ihres Haushaltseinkommens für die Miete aus.

Bei aller Sympathie für die Demo: Ich glaube kaum, dass der Unterstützerkreis weit über Kreuzberg hinaus reichen wird. Exil-Kreuzberger, die längst wegen einer bezahlbaren Wohnung auf andere Bezirke ausweichen mussten, sind träge. Sie werden wohl etwas anderes vorhaben. Der neue Kiez wird nach einiger Zeit spannender, der Ärger über die Vertreibung wird von der Ahnung überschattet, mehr von der Stadt kennen gelernt zu haben. Vielleicht ist die Demo ja aber auch nur eine Generalprobe für den richtig großen Protestmarsch von Neukölln über Kreuzberg nach Friedrichshain…

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Die Kinderwagen-Mafia

Man muss kein Fan schneller Autos sein, um sich für einen sportlichen Kinderwagen zu entscheiden. Fand zumindest Nina, die sich nicht auskannte mit Kinderwagen, Buggys etc. In Prenzlauer Berg sehen das offenbar viele junge Eltern so – die gleichen Modelle tauchen immer wieder auf. Bugaboo und Quinny heißen die Porsches unter den Baby-Karren. Glaubt man einer Freundin aus Hamburg, haben Leute, die mit einem Billig-Buggy durch die Straßen laufen, in Stadtteilen wie Hamburg-Eimsbüttel oder eben auch Prenzlauer Berg ein ernsthaftes Image-Problem.

Außenstehende mögen diesen Gruppendruck vielleicht komisch finden – Eltern scheinen aber andere Sorgen zu haben. In Geburtsvorbereitungskursen in Prenzlauer Berg geht das Gerücht um, eine Kinderwagen-Mafia habe es auf Edel-Kinderwagen abgesehen und breche selbst Hoftore und Kellertüren auf. “Über Fahrrad-Diebe können die nur lachen”, meint Nina, “wer schließt schon einen Kinderwagen vor einer Bäckerei ab?” Ihre Hebamme kenne Familien, die ihren Kinderwagen bei Ebay wiedergefunden hätten. Im Internet tauschen besorgte oder beklaute Eltern hier oder hier oder hier Tipps und Strategien aus.

Foto: Tim Lossen

Schmidt’s Corner: Raucher in Mitte und der Altkanzler

Helmut Schmidt genießt nun auch in Berlin Kultstatus: Raucher-Ecken werden zu Schmidt-Ecken wie hier in der Alten Schönhauser Straße – der Ex-Kanzler blickt wie eine Ikone auf die frierenden Raucher da draußen. “Vergesst die Statistiken”, scheint er zu flüstern, “die ein oder andere Zigarette hat noch niemandem geschadet.” Wohl wegen dieser Haltung wurde Schmidt Anfang des Jahres zum “coolsten Kerl Deutschlands” gewählt.

Weniger cool sind hingegen die Ergebnisse einer neuen Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung: Die Lebenserwartung eines 50-Jährigen Rauchers verkürzt sich um 18 Jahre gegenüber einem gleichaltrigen Nichtraucher, ermittelten die Forscher anhand von Sterbedaten aus dem Sozioökonomischen Panel. Helmut Schmidt wird es nicht kümmern: Er ist mit seinen 89 so präsent wie lange nicht mehr.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Tschüss Berlin: Wenn der Bus erst wieder in München hält

Jedes Jahr verlassen mehr als 100.000 Menschen Berlin. Die Glücklichen freuen sich auf besseres Wetter in Barcelona oder einen Job in Hamburg. Manch einer bekommt jedoch den Großstadtkoller und geht zurück nach Mittweida in Sachsen. Tausende andere aber fühlen sich vertrieben. Vom Arbeitsmarkt verschickt auf endlose Lehr- und Wanderjahre. Wohin geht die Reise dieses Mal? Lost in Freiburg, fremd in Buxtehude oder verzogen nach Tschechien…

Es wird von uns erwartet, mobil zu sein, unabhängig und heimatlos – und wenn wir gehen, hinterlassen wir eine leere Wohnung mit frisch geweißten Wänden und ratlose Freunde. Wir können uns ja skypen, sagt man sich. Mein Laptop hat eine Webcam.

Sollten sich zum Beispiel die Berliner Beschäftigten von Sat.1 schämen, “Olé, olé, wir bleiben an der Spree!” zu rufen? Der Sender hat die Telenovela “Verliebt in Berlin” gedreht, doch mit großen Gefühlen ist jetzt Schluss: 350 Arbeitsplätze werden nach München verlagert, 225 Stellen sollen gleich ganz wegfallen.

Irgendwann steigt man zum letzten Mal in einen BVG-Bus und wird am Bahnhof oder am Flughafen wieder ausgespuckt. Einer der letzten Eindrücke als Bewohner dieser Stadt ist eine angehende Studentin, die nervös und leicht desorientiert zwischen ihren fünf Koffern hin und hertippelt. Man schenkt ihr die nutzlos gewordene Monatskarte und es ist wie eine Übergabe beim Staffellauf. Man wechselt aus, sie wechselt ein. Irgendwo müssen die neuen Berliner ja herkommen. Willkommen!

Foto: Nicole Gräther
Fotostrecke: Liebe in Berlin

Die Finanzkrise zirkelt um meinen Kiez

Jeden Tag bricht da draußen eine Welt zusammen – aber uns kümmert’s nicht. So ungefähr liest sich der Spruch, den jemand auf ein Werbeplakat für eine Bank in der Köpenicker Straße in Mitte geklebt hat.

Dabei ahnt man gerade in Berlin, dass für die Finanzkrise am Ende die Bürger zahlen müssen, ganz wie nach der Berliner Bankenaffäre. Die Krise könnte Politiker an die Spitze spülen, gegen die sich Thilo Sarrazin mit seinem kargen Speiseplan für Hartz-IV-Empfänger wie ein Weichei ausnimmt. Schwimmbäder und Bibliotheken müssen schließen, Straßen verkommen zu Schlaglochpisten und die Schlangen vor den Ämtern werden länger.

It’s the End of the World as we know it – aber mein Bäcker scheint nichts davon zu wissen. Vielleicht freut er sich klammheimlich darüber, dass es zuerst diejenigen trifft, die mit Hubschraubern über Berlin geflogen sind und tausende Wohnungen für internationale Immobilienfonds zusammengekauft haben. Sicher hofft er auch darauf, dass mit den Immobilienpreisen die Mietpreise abstürzen.

Ist die Bankenkrise in Ihrem Alltag angekommen? Schreiben Sie einen Kommentar unter diesen Artikel!

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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