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Monatsarchiv für März 2008

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2038: Schöner Wohnen in der Köpi?

Fassade des ex-besetzten Haus- und Kulturprojekts "Köpi" in der Köpenicker Straße 137 in Berlin-Mitte - Foto: Henning Onken

Die Bewohner der “Köpi” haben einen überraschenden Deal mit dem Besitzer ihres umkämpften Hauses in der Köpenicker Straße geschlossen: So wie es aussieht, dürfen sie die dort die nächsten 30 Jahre wohnen bleiben. Die Gegenkultur der Köpi wird einen bunten Kontrapunkt zum umliegenden Bürobauten-Kiez setzen und dem Projekt Mediaspree kräftig einheizen. Aber was machen Ex-Hausbesetzer eigentlich, wenn sie älter werden?

30 Jahre sind eine lange Zeit. Genug Gelegenheit, eine Familie zu gründen und sich langsam in bequeme Kissen fallen zu lassen. Einen Spielplatz statt Punkrock-Konzerte, Zentralheizung statt Kohlen schleppen und endlich neue Fenster?

Nein, ich bin überzeugt, dass Europas erste Adresse für Hausbesetzer sich treu bleiben wird – so man sie denn lässt. Selbst mit neuen Fenstern ist Schöner Wohnen hier wohl nicht angesagt. Für die meisten ist die Zeit hier wie eine Uni, die man durchläuft und dann fortgeht. Vielleicht gibt es ja mal ein Ehemaligen-Treffen.

Unser Haus: Vom Ende eines gemeinsamen Wohntraums

Kneipe Kontrollpunkt - Foto: Christian Hetey

Gerade wurden die Gerüste entfernt. Das Haus an der Ecke zur Proskauer Straße leuchtet jetzt pastellgelb wie viele frisch sanierte Altbauten in Friedrichshain. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die Wohnungen der Rigaer Straße 84 von einem Makler gelistet werden. Nur im Erdgeschoss sind die vielen Graffiti noch nicht entfernt worden: “Das ist unser Haus” steht dort zu lesen und “Wir bleiben alle!” – fast wie ein Vermächtnis.

“Wir haben alles versucht”, erzählt Jörg*, einer von mehr als 30 ehemaligen Bewohnern mit Irokesenschnitt und mehreren Hunden. Durch einen Dachstuhlbrand im Mai letzten Jahres wurde das Haus unbewohnbar, und auch nach einer Instandsetzung hätten sie rechtlich keine Chance gesehen, dort wieder einzuziehen – trotz Mietverträgen.

“Die sind froh, dass sie uns los sind”

Auch der Kampf um ein Ersatzobjekt war erfolglos: “Die sind froh, dass sie uns los sind”, schimpft Jörg über die Vertreter von Bezirk und Senat, von denen sich die Bewohner ein Ersatzobjekt erhofften. Also nahmen die Mieter das vom Besitzer angebotene Handgeld und gaben das Hausprojekt auf. Sie verteilten sich in alle Himmelsrichtungen auf die wenigen verbliebenen Berliner Hausprojekte und Wagenburgen, verließen die Stadt ganz oder sind wie Jörg in der Mietwohnung seiner Freundin eine Straße untergekommen.

Hof der Rigaer 84 mit schlafenden Gästen - Foto: Christian Hetey

“Operation gelungen”, schreibt die Bezirks-Postille “Friedrichshain” über das Samariterviertel, das jetzt seinen Status als Sanierungsgebiet verliert. Seit 1993 wurden fast 90 Prozent der Häuser mit bröckelndem Putz, Außentoiletten und feuchten Hinterhöfen erneuert – mit und ohne öffentliche Gelder. Langsam wurden die Fassaden farbig und im Winter verschwand der Kohlegeruch, den viele Zugezogene inzwischen gar nicht mehr kennen. Nur jeder siebte Haushalt lebte bereits vor Beginn der Sanierungsarbeiten hier und kann etwas darüber erzählen. Viele der neuen Bewohner sind jünger, einkommenstärker und offenbar gekommen, um zu bleiben.

“Euer Haus ist ein Schandfleck”

Diesem Wandel hielt letztlich auch die Rigaer 84 nicht mehr stand. “Euer Haus ist ein Schandfleck”, hatten Handwerker gegen Ende der 90er Jahre gesagt, als sie Leitungen im Haus überprüfen wollten. Dabei hatten die Bewohner viele der Sanierungsarbeiten selbst übernommen, hatten Strom gelegt, den Keller entwässert und die Öfen mit Lehm ausgebessert. Die Bewohner gründeten die Hauskneipe “Kontrollpunkt” und standen selbst hinterm Tresen, ehe die Bar wegen Lärmbeschwerden vom Erdgeschoss in den Keller ziehen musste.

Die Rigaer 84 zählte zu jenen Hausprojekten, die nach Räumung der Mainzer Straße 1990 ihr Besetzertum aufgaben und Mietverträge unterschrieben. Eigentlich verstand niemand, warum einer Briefkastenfirma aus London Geld überwiesen werden musste, doch man tat es. 1997 brannte dann der Dachstuhl durch eine Brandstiftung zum ersten Mal, aber das Projekt lief nach einer Instandsetzung weiter.

Rigaer Straße - Foto: Christian Hetey

“In zehn Jahren bist du auch ein Yuppie”, hatte der neue Besitzer einem Bewohner erzählt – und unrecht behalten. Und doch hat er sich letztlich durchsetzen können. Gesiegt haben die, die sich über den Lärm beschwert haben und jene, die sich das Recht auf dieses Haus erkauft haben.

Das Gebiet ist zur Ruhe gekommen, schreibt die Bezirks-Postille. Sie hat recht, die Unruhestifter sind fort. Aber manches daran erinnert an eine Friedhofsruhe.

* Name auf Wunsch geändert

Fotos: Christian Hetey
Weitere Fotos der Rigaer Straße

Ostbalkon mit Knastblick

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Wer die Wohnungsanzeigen der einschlägigen Internet-Portale durchklickt, reibt sich mitunter verdutzt die Augen. Je gängiger es geworden ist, Bilder mit hochzuladen, desto skurriler muten die Angebote an. Die obige Aufnahme zeigt einen Balkon in Prenzlauer Berg.

Gefunden bei einem der großen Immoblien-Anbieter, das Alleinstellungsmerkmal lautet “Schönhauser Arkaden gleich um die Ecke”. “Schöner Wohnen mit Knastblick” wäre wohl eine treffendere Überschrift gewesen. Nun ersparen einem diese halbwegs ehrlichen Anzeigen bekanntlich Wege. Wenn Makler Exposés ohne Bilder ins Netz stellen, ist das in Zeiten des Web2.0 schon verdächtig. Auch ein Blick auf Google Maps hilft, um herauszufinden, ob Wohnung Nord-Ausrichtung hat oder zu einem engen dunklen Hof raus gelegen ist.

Wohnungen, die als “ruhig” und “gut angebunden” angepriesen werden, sind meist Schrott. Ebenso solche mit “großem Wannenbad”. Vorläufige Bilanz: Nach gut drei Monaten der Suche, Hunderten von unbefriedigenden Angeboten und gerade einmal drei besichtigten Wohnungen denke ich gern an meine frühere helle Wohnung auf der Kreuzberger Seite des Kottbusser Damms zurück. Die hatte abgesehen von komischen Nachbarn nur einen Haken: eine Ofenheizung. Ansonsten aber stimmte die Beschreibung – Szene-Kiez, super zentral, viele Kneipen und Landwehrkanal in der Nähe.

Zum Radfahren verdammt

Die BVG will ab heute Nacht für unbestimmte Zeit streiken. Guter Coup zumal gerade Tausende von Besuchern zur Tourismus-Messe ITB angereist sind. Ärgerlich für Fachbesucher, andere Touristen dürfte es weniger stören, denn unvorhersehbare Ereignisse liefern den besten Stoff für Anekdoten. “Schlecht gelaunte Berliner? ” – “Überall gesehen.” Warum sich die Leute wegen eines kleinen Streiks nur so haben müssen…

Eine Freundin, die gerade eine Gruppe ausländischer Jungdiplomaten durch die Stadt geleitet, hat da andere Sorgen. “Als wenn die BVG nicht wenigstens bei Schnee eine Ausnahme machen könnte.” An das Ausleihen von Rädern ist nicht zu denken, einige Teilnehmer sind zu fahrrad-unerfahren.

Das geht wahrscheinlich auch vielen Berlinern so, die allenfalls ein angestaubtes Rad mit schlechten Bremsen im Keller stehen haben. Der Tagesspiegel rät auf’s Fahrrad umzusteigen und gegebenenfalls eines auszuleihen. Gute Idee, nur ist das BVG-Monatsticket in den meisten Fällen schon bezahlt. Und Fahrradverleihe verlangen oft Touristen-Preise. Vielleicht sollte der Berliner Senat doch über öffentliche Leihräder nachdenken, die gegen einen jährlichen Beitrag jederzeit genutzt werden können.

Schlaflos am Bersarinplatz

Palmwedel am Bersarinplatz - Foto: Anne Grieger

In der Bezirksverwaltung von Friedrichshain sitzen offenbar Leute, die mitdenken. Und für gute Ideen zu haben sind. Am Bersarinplatz, einer der befahrensten Plätze im Bezirk, wurden vor einiger Zeit Palmwedel und andere exotische Gräser gepflanzt. Ein wenig Grün zwischen all den spätsozialistischen Plattenbauten des Typs WBS 70. Abgas- und hitzeresistente Pflanzen, die nicht gleich eingehen und wahrscheinlich billiger sind, als die sonst gängige Friedhofsbepflanzung.

Das Konzept klingt gut, doch den Anwohner ist es offenbar gleichgültig. Menschen sieht man auf der Insel inmitten des Kreisverkehrs selten, und wenn, dann mit Hund. Zweimal die Woche müsse die Fläche von Hundekot befreit werden, schreibt der Landschaftsplaner Marc-Rajan Köppler, der das Projekt 2006 initiiert hat und ehrenamtlich weiterführt. Auch Stauden werden wahllos rausgerupft.

Das hätte wohl den Namensgeber des Platzes, Nicolai Bersarin, ganz schön in Rage versetzt. Der erste sowjetische Stadtkommandant soll 1945 innerhalb weniger Tage zackig die öffentliche Ordnung und Grundversorgung der Bevölkerung wiederhergestellt haben. Auch wenn er nicht genug gegen vergewaltigende Rotarmisten getan hat, wurde ihm dafür Jahre später von der DDR posthum die Ehrenbürgerschaft verliehen (und dann 1992 von der BRD gleich wieder entzogen).

Ein Besuch des Bersarinplatzes lohnt sich vor allem nachts. Dann ist alles dunkel und ruhig und der Platz erstrahlt in einem schaurig-grellen Licht. Einem Licht aus Neonröhren, mit denen die neue Eigentümerin des Plattenbaukomplexes jedes Dach anstrahlt – das dürfte den Anwohnern so manche schlaflose Nacht bereiten.

Bersarinplatz bei Nacht - Foto: Henning Onken

Fotostrecke: Berlin bei Nacht

Berlin brutal #8: Das Ostkreuz – Ein Trümmerfeld im Niemandsland

Eingestürzte Treppe am Ostkreuz - Foto: Henning Onken

In der zersplitterten Anzeigetafel am Ostkreuz liegt eine leere Bierflasche. Vielleicht hat sie ein wütender Fußball-Fan geworfen oder einfach jemand den Mülleimer verpasst. Es wird sich nicht mehr klären lassen, denn am Bahnsteig F verkehren die Züge seit mehr als zehn Jahren nur noch in einer Richtung. Das andere Gleis wächst langsam zu und verschwindet, wie alles am Ostkreuz: Die Ketwurst-Buden, die eine Ost-Berliner Erfindung waren, der kleine Blumenladen eines Asiaten, oder ein “Frisör für den Herrn”, der schon vor Jahrzehnten seine Tür für immer schloss.

Der Bahnhof verfällt und entsteht gleichzeitig im laufenden Betrieb von innen heraus neu. Wie das bei 140.000 Fahrgästen am Tag funktionieren soll, erklärt die Bahn auf Plakaten: “Es ist kein Kinderspiel, aber jetzt geht es am Ostkreuz richtig los!” Wir dürfen gespannt sein. Im Januar stürzte eine Backsteinmauer auf eine Treppe, über die Reisende das Ostkreuz Richtung Hauptstraße verlassen. Seitdem zeigen Bahn und die Bezirksämter von Friedrichshain und Lichtenberg mit dem Finger aufeinander und lassen die Trümmer liegen. Bestimmt kein Kinderspielplatz.

Zehn Jahre Chaos

Umgebaut werden soll das Ostkreuz schon seit knapp hundert Jahren, doch durch diverse Staatskrisen und Kriege wurde immer nur ausgebessert. Hier ein neuer Bahnsteig, dort eine Fußgängerbrücke. Deshalb entsteht jetzt ein ganz neuer Bahnhof. In ungefähr zehn Jahren soll der Bahnhof dann in Glanz und Gloria wieder auferstehen, verspricht die Bahn. Keine Trümmer mehr, keine streng riechenden Gänge, kein Labyrinth-Laufen und endlich Aufzüge für Eltern mit Kinderwagen und Behinderte.

Wenn die Rechnung der Stadtplaner aufgeht, werden noch mehr Menschen diesen Bahnhof passieren, die Geschäfte voll sein und die Mieten im Kiez um Sonntag- und Neue Bahnhofstraße hoch. Am Ostkreuz steigt man aus, um zu feiern, um einzukaufen. Der ein oder andere wird sich in dem neuen Glitzerbahnhof daran erinnern, wie es hier vor dem Umbau aussah. Vielleicht wird er den Motz-Verkäufer vermissen oder den kleinen Blumenladen. Oder sich am Ende eingestehen, dass es ein Kreuz war mit dem alten Rostkreuz, aber eines, das man gerne trug.

Bilder vom Ostkreuz
Ostkreuz-Blog zum Umbau

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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