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Monatsarchiv für Februar 2008

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Wer surft noch in Internetcafés?

Foto: Henning Onken

Die Zahl der Nicht-Onliner schrumpft, besonders in Berlin. Mehr als zwei Drittel der Einwohner hat einen Zugang zum Netz, ein bundesweiter Rekord. Das Interesse an Internetcafés müsste sich daher eigentlich in Grenzen halten, auch weil immer mehr Menschen ihre Handys und Laptops an kostenlosen Wlan-Hotspots nutzen.

Trotzdem gibt es in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln fast an jeder Ecke eine dieser Daddelstationen aus der Gründerzeit des Internets – und sie sind oft gut besetzt. Warum nur? Die Gruppe der Berlin-Besucher, die ihren Liebsten E-Mails in alle Welt schreibt, kann unmöglich so groß sein und Orte um jemanden kennen zu lernen, gibt es sicher bessere. Wahrscheinlich sind die Nutzer…

  • Schüler, die ohne Eltern oder Lehrer im Rücken gewisse Youtube-Videos anschauen wollen
  • Feierabend-Kämpfer, die bei Counter-Strike auf ihre Nachbarn schießen wollen und den Laden in eine Spielhölle verwandeln
  • Zugezogene, die über Skype nach Asien telefonieren und dabei ihren Eltern in die Webcam winken
  • Berliner, bei denen wegen eines Umzugs oder sonstigen Ärgers mit der Telekom das DSL nicht funktioniert

Peter* aus Kreuzberg gehört zu keiner dieser Gruppen. Der arbeitslose Schriftsteller kann sich in seiner kleinen Wohnung kein Telefon leisten, sagt er. Und selbst wenn er einen Festnetz-Anschluss besäße, würde ein Rechner am Internet für ihn zu einem unkontrollierbaren Kostenfaktor. Also geht er surfen, für einen Euro in der Stunde.

* Name geändert

Hilfe aus dem Netz

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Die Nachbarn – lauter Unbekannte, die Freunde wohnen in der ganzen Stadt verstreut und die Topfpflanzen werden garantiert eingehen, wenn sie vier Wochen lang kein Wasser bekommen. Das Magazin brand eins berichtete in seiner letzten Ausgabe über eine Internet-Plattform, auf der Private kleine Aufträge an Private erteilen können.

Ein Blumengießer ist bei Mach du das schnell gefunden. Eine kurze Anzeige genügt, Interessenten melden sich über eine Kommentarfunktion und schlagen einen Preis vor. Die Kosten von drei Euro pro zustande gekommenem Deal tragen die Bewerber. In Berlin werden vor allem Babysitter, Reinigungskräfte und Leute mit Web-Know-how gesucht. Dazwischen aber auch Texter und Tüftler.

Klingt bequem, aber was passiert, wenn der Auftraggeber plötzlich nichts mehr von der Absprache wissen will und jemand einen ganzen Tag lang umsonst Dielen abgeschliffen hat? Oder wochenlang hingehalten wird, bis endlich ein paar Euro auf sein Konto überwiesen werden? Alles Probleme, mit denen sich Freiberufler tagtäglich herumschlagen müssen. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Leidensgeschichten mit dieser Plattform in Verbindung gebracht werden – die Seite ist erst seit Oktober 2007 online.

Auf Dienstleistungen im Haushalt spezialisiert ist auch das Online-Portal My Hammer. Auftraggeber setzen einen Höchstpreis, der von Handwerkern, die sich um den Job bemühen, unterboten wird. Interessant dabei: Auftraggeber und Auftragnehmer bewerten sich gegenseitig nach dem Ebay-Prinzip und die Handwerker müssen qualifizierte Fachbetriebe sein. Die Betreiber versprechen eine Ersparnis von 30 Prozent und mehr – bei realistisch kalkulierten Preisen.

Das Konzept scheint zu funktionieren, Selbstausbeutung hat auch Grenzen: Auf das Angebot eines Auftraggebers, für 200 Euro 60 Quadratmeter Dielen abzuschleifen, ging jedenfalls niemand ein.

Foto: Bertrand Delgoff

Berlin brutal #7: Zündeln bis es richtig rummst

Das Auto musste lichterloh gebrannt haben, am nächsten Morgen war nicht mehr viel davon übrig. Arne hatte nichts bemerkt, seine Fenster gehen zum Hof hinaus. Das war vor etwa einem Jahr, seitdem sind über hundert Fahrzeuge in Flammen aufgegangen, das mediale Interesse hat jedoch deutlich nachgelassen. Der Prozess um den Wirt, der einen Minderjährigen mit Tequila abgefüllt haben soll, die Debatte um Jugendkriminalität – das Thema ist von der Agenda verschwunden. Schlechte Zeiten für eine Hand voll militanter Linker, die krampfhaft versucht, mit Anschlägen auf Luxuskarossen auf sich aufmerksam zu machen? Laut taz sind auch Kleinwagen Anschlagsziele gewesen, was für einigen Unmut in der Szene gesorgt haben soll- Geringverdiener zu treffen, hat mit Klassenkampf wenig zu tun.

Foto: Anne GriegerZielgerichteter mutet hingegen ein Plakat an, das seit kurzem an Friedrichshainer Stromkästen pappt: “Kriegsgerät interessiert uns brennend” steht darauf, ein Hinweis auf eine internationale Veranstaltung in Kreuzberg zu Antimilitaristischen Blockade- und Sabotageaktionen. Eine Aktivistin aus den Niederlanden wird über die Zerstörung einer militärischen Satelliten-Anlage berichten, ein Referent aus Irland darüber, wie er ein Militärflugzeug beschädigt hat. Die Veranstalter wünschen sich “eine anregende Diskussion für eine erfolgreiche Zukunft des antimilitaristischen Widerstands”.

All diese Informationen stehen frei zugänglich im Netz. Erstaunlich, wie schnell auch die Themen Internetüberwachung und Schäuble 2.0 von der Agenda verschwunden sind…

Mein Kiez ist ein Haifischbecken

Computerladen in der Niederbarnimstraße - Foto: Henning Onken

Im Schaufenster lief “Space Invaders” über die Bildschirme, eines der ersten Konsolenspiele. Innen stand alles voller Kramkisten mit alten Computerteilen. So kannte ich den Laden in der Niederbarnimstraße in Friedrichshain, der vor einiger Zeit dicht machte. Warum eigentlich? Was versetzte “Datenstooß” den letzten Stoß?

Nur 100 Meter weiter breiten sich kleine Geschäfte für allen erdenklichen Schnickschnack aus. Retro-Lampen, ausgefallene Schuhe, T-Shirts, die sonst keiner hat, Wasserpfeifen für Hanf-Freunde. Sie alle haben ihre Nische gefunden, in die vorläufig keine neuen Einkaufs-Arkaden eindringen können. Doch das geht schnell: Anna und Jürgens Bioladen wurde von Supermärkten gefressen, als Bio zum Mainstream wurde. Und auch der Computerladen lief wohl dem Zeitgeist hinterher, weil wir Rechner längst bei Aldi kaufen und anschließend wegwerfen.

Andere Läden scheitern dagegen, weil sie dem Zeitgeist voraus sind. So wie ein Geschäft für teure französische Baby-Moden in der Rigaer Straße. Das hätte am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg glückliche Eltern begeistert, in Friedrichshain kam es einige Jahre zu früh.

Wie man mit Graffiti-Klau Millionen verdient

Banksy in der Kastanienallee - Foto: Henning OnkenEs sind wieder Mauerspechte unterwegs. Zu Wendezeiten verkauften sie kleine Brocken der Berliner Mauer, heute wittern umtriebige Geschäftemacher Bares an anderen bunt bemalten Wänden der Stadt. Mit Glück können auch Grundstückseigentümer ein Geschäft mit Graffiti machen. So gelang vor kurzem dem Besitzer eines Falafel-Ladens in London der Deal seines Lebens: Er verdiente schlappe 280.000 Euro an einem Graffito – die Wand musste der Käufer auch noch selbst abtragen. Ähnlich reich wollten Unbekannte werden, die einen Mauerbrocken mit aufgesprühter Ratte bei Ebay anboten – in einer Londoner Wand klaffte dafür ein Loch.

Der begehrte Mauermaler war Banksy. Robert Banks, wie er wahrscheinlich heißt, hinterlässt auf seinen Streetart-Streifzügen Spuren in aller Welt. In London malte er küssende Polizisten in eine U-Bahnstation, in der Westbank prangen seine Friedenstauben in kugelsicheren Westen am Grenzwall zu Israel. Und trotz seiner eifrig gehüteten Anonymität kann ein Banksy Millionen wert sein, seit Brad Pitt und Angelina Jolie seine Bilder kaufen. Im Londoner Auktionshaus Bonhams findet heute eine Urban-Art-Auktion statt, bei der neben Banksy auch Werke von elf anderen Künstlern unter den Hammer kommen. Meistens werden die Schablonen einfach auf Leinwand gesprüht – etwas seltsam, aber der Transport von subversiver Straßenkunst in die Wohnzimmer von Promis rechnet sich prima.

Ein Foto reicht doch, oder?

Banksy war auch in Berlin aktiv. Unbemerkt hat er den Wert dieses Verteilerkastens in Mitte gesteigert. Auch in Friedrichshain und Prenzlauer Berg sprühte er zahlreiche autonome Blumenstrauß-Werfer und Ratten-Motive, die Neugierige entdecken können, falls sie nicht entfernt wurden. Wer sich aber mit Hammer und Meißel auf die Suche machen will, sei gewarnt: Die oben erwähnte Auktion mit einer Banksy-Ratte wurde durch den Aufschrei empörter Bürger gestoppt. Aber ein Foto reicht doch, oder? Das Brandenburger Tor nimmt auch niemand mit.

Zugegeben, die meisten “wilden Malereien” gelten weiterhin als Ärgernis und Zeichen von Verwahrlosung, besonders Ätz- und Scratch-Graffiti bei den Verkehrsbetrieben. Trotzdem werden einige Werke langsam Teil der allgemeinen Wertschöpfung, tragen in einigen Straßenzügen sogar zur Gentrifizierung bei. Im Hof von Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße in Mitte ließen sich auch T-Shirts von Miss Van, einem maskierten Bunny der französischen Streetart-Künstlerin Vanessa Castex, verkaufen. Stattdessen warnt dort ein großes Transparent fotografierende Touristen vor dem Betreten des Geländes.

Wie erkenne ich einen Banksy in Berlin?

Streetart von Banksy in der Nähe des Alexanderplatzes - Foto: Henning OnkenBanksys Werke sind oft konsumkritisch, ironisch subversiv und intelligent. Da das auch auf viele andere Streetart-Künstler zutrifft, könnte seine Website den Blick schärfen. Viel von Banksys Humor vermittelt auch das Video seines “Pranks” im amerikanischen Disneyland. Dort kettete er eine Puppe im orangefarbenen Overall eines Guantánamo-Gefangenen an eine Achterbahn. Verstörender Einschlag in der Traumfabrik. An größeren Werken ist meistens seine Signatur zu finden.

Was gibt’s in Berlin noch?

Um nur einige andere Streetart-Künstler zu nennen: Fast seit Ewigkeiten unterwegs ist ein Mann mit einem Eimer weißer Farbe, der auf Schritt und Tritt Zahlen hinterlässt – ausschließlich Sechsen. Das mag ästhetisch nicht jeden ansprechen, ist aber überaus rätselhaft. Ähnlich bekannt sind die gelb-schwarzen Fäuste der ehemaligen Cowboys-Crew (CBS), die entlang der S-Bahn und sogar an einem Schild mitten in der Spree prangen. Der manisch-kreative Liebeskummer von Roland Brückner alias Lindas Ex gehört mittlerweile zu den urbanen Legenden Berlins. Besonders aktiv ist im Moment der Dachkantenmaler Just oder Alias, der in Friedrichshain stark vertreten ist. Sehenswert sind auch Arbeiten von Dolk und Kowalski.

Fotostrecke: Berliner Streetart

Ich suchte Hamlet und fand Knut

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Knut hat es endgültig geschafft: Der Berliner Eisbär wird heute mit einem Feature-Artikel der englischsprachigen Wikipedia, der von Nutzern geschriebenen Online-Enzyklopädie, geadelt. Damit wird er also auch Teil der Geschichtsschreibung, nachdem er in seinem ersten Lebensjahr Millionen Menschen in aller Welt im Fernsehen und Klatschspalten begeistert hat.

Ich bin keine Expertin in Sachen Knut, habe die Berichte kaum verfolgt und in Wikipedia eigentlich etwas anderes gesucht. Obwohl dieser Bär langsam erwachsen wird und die Knut-Mania längst vorbei sein sollte, gilt weiterhin: Die Knutologen sitzen überall. Vielleicht zählen wir bald die Zeit nach ihm.


Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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