Wir bloggen Berlin – Blog News Bezirke

Monatsarchiv für Februar 2008

Der Alexanderplatz wird noch unerträglicher

Foto: Anne Grieger

Schon wieder ein Nachruf, diesmal auf Kunst im öffentlichen Raum. Am Bahnhof Alexanderplatz, einem der ausladendsten Bahnhöfe der Hauptstadt, werden ab morgen Werbeplakate statt Kunst hängen. Passe nicht zum Selbstbild der Stadt, die sich gern als Kulturmetropole sehe, findet die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK). Seit 1991 ist der Verein Schirmherrin eines vom Senat geförderten Plakat-Wettbewerbs die Bespielung des U2-Bahnsteiges. Doch “Kunst statt Werbung” – das war gestern.

Kommerzielle Interessen sind durchsetzungsfähiger wenn es um einen Bahnsteig geht, den täglich 120.000 Menschen passieren. Der finanzkräftige Gegner, der der Künstlervereinigung die Plakatflächen an dem entsprechenden Bahnsteig streitig machte, heißt Wall. Neben Anzeigentafeln und Litfaßsäulen betreibt das Unternehmen auch öffentliche Toiletten, die auf der Firmen-Webseite als Designer-WCs beworben werden. Besonders unverständlich daher, dass es zu keiner einvernehmlichen Lösung mit der Künstlervereinigung über die weitere Nutzung des U2-Bahnsteigs als öffentliche Galerie gekommen ist.

Gut möglich, dass das Kunst-Wettbewerb an anderer Stelle wieder aufgelegt wird. Vorortsbahnhöfe, für die sich keine dem sich keine Werbekunden finden lassen, gibt es viele. Es wäre aber die falsche Antwort auf ein Projekt, das einem tristen Ort wie den Alexanderplatz jahrelang erträglicher gemacht hat.

Die Allee der abgesägten Hoffnungen

Abgesägte Laterne am Frankfurter Tor - Foto: Henning Onke

Rabatt, Räumung, Ende. Die Karl-Marx-Buchhandlung in der gleichnamigen Allee gibt morgen auf und zieht in den Samariterkiez. Nostalgiker unter uns trauern, weil die großen gelben Leuchtlettern mit dem Namen des Revolutionärs schon seit mehr als 50 Jahren dort hängen und die Hoffnung auf geschäftige Betriebsamkeit in der einstigen sozialistischen Prachtallee mal wieder enttäuscht wurde. Zuletzt las man solche Abgesänge vor drei Jahren, als das Kino Kosmos schließen musste. Dort finden inzwischen Partys statt, für die Jugendliche jedes Wochenende länger Schlange stehen müssen, als je für eine Kinokarte. Dieser Ort scheint so seine wahre Bestimmung gefunden zu haben.

So richtig brummt hier sonst nur das Reste-Depot mit Billigwaren eines Kaffeerösters, eine Kneipe am Frankfurter Tor und der Verkehr selbst. 75.000 Autos am Tag werden häufig als Grund genannt, weshalb aus der Flaniermeile des Ostens immer noch nichts geworden ist. Bis sich das ändert, werden sich in den Erdgeschossen der Stalinbauten Matratzenläden, Möbel-Discounter und Leerstand abwechseln. Immerhin soll die Straße wenigstens wieder so leuchten wie früher: Die abgesägten Kandelaber werden gerade originalgetreu restauriert.

Fahrräder für Berlins Ärmste

Städtischer Radverleih in Barcelona - Foto: Anne GriegerParis, Wien und Barcelona haben eins, Kopenhagen und bald auch London: Öffentliche Fahrradverleihsysteme, die es Bürgern ermöglichen, sich umweltschonend und kostengünstig durch die Metropolen zu bewegen. 6000 Leihräder will Londons Bürgermeister Ken Livingstone bereitstellen und nebenbei Londons Straßen sicherer für Radfahrer machen. Das Programm soll in den nächsten zehn Jahren rund 500 Millionen britische Pfund kosten, das entspricht aktuell etwa 662 Millionen Euro.

Eine Summe, die in Berlin kaum vorstellbar erscheint. In der Investitionsplanung des Landes sind für die Verbesserung der Fahrradinfrastruktur jährlich 2, 5 Millionen Euro vorgesehen. Das Angebot an Leihrädern sei “gering”, räumt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf ihrer Website ein. Klar, Berlin muss weiter sparen und strebt erst für dieses Jahr einen ausgeglichenen Haushalt an. Solche Ausgaben sind vorerst unrealistisch. Aber die gesundheitsfördernde Wirkung des Radfahrens sollte Finanzsenator Thilo Sarrazin durchaus zu denken geben. Kostenlos nutzbare städtische Räder für Hartz-IV-Bezieher, das wär doch mal was. Das BVG-Sozialticket würde es natürlich weiterhin geben, schließlich geht es um Wahlfreiheit… Wenn dieses Modellprojekt für den Personenkreis von radlosen Arbeitslosengeld II-Empfängern Erfolg zeitigen sollte, könnte das Angebot schrittweise ausgebaut werden.

Vergesst “Kreuzkölln”

Insekteum, Pflügerstraße - Foto: Anne Grieger

Gallerie Klötze und Schinken, Bürknerstraße - Foto: Anne Grieger

Kunstbegriffe haben oft etwas Temporäres, so wohl auch die Wortschöpfung “Kreuzkölln”, mit der im letzten Jahr der Neuköllner Norden gehypt wurde. Viele Bewohner des neuen “In-Kiezes” sind es inzwischen leid, als 1b-Kreuzberg gehandelt zu werden, als möchte-gern-Kreuzberg mit günstigerem Wohnraum. Sind die (Neu-)Neuköllner also mittlerweile angekommen in dem alten West-Bezirk mit dubiosem Ruf?

Philip Steffan, Blogger und selbsternannter Chronist des Reuterkiezes, stieß sich als Zugezogener weniger an dem Begriff “Kreuzkölln”. Nicht nur die Medien hatten sich diesen zueigen gemacht, auch Immobilienmakler betrachteten ihn als Faustpfand für eine effektivere Vermarktung ihrer Objekte. Mit der Umbenennung seines Weblogs “Kreuzkölln alias Reuterkiez” in Reuterkiez-Blog hat Steffan nun auf die Kritik vieler (Neu-) Neuköllner reagiert, die ein offenes Bekenntnis zu ihrem Stadtteil fordern. Sie lebten schließlich “freiwillig” dort.

Das ist insofern interessant, als als gängige Ausrede vieler Neu-Neuköllner häufig die niedrigen Mietpreise herhalten müssen. Auf die Frage “Wo wo wohnst du?”, die in Berlin laut FAZ zwingender als anderswo mit der Identität der befragten Person in Verbindung gebracht wird, antworten nun viele zunehmend offensiver: “In Neukölln.”

Aber bitte in Ufernähe…

Da Mietpreise in Prenzlauer Berg und Kreuzberg als kaum mehr erschwinglich gelten, scheint der Neuköllner Norden eine bislang ungekannte Sogwirkung zu entfalten. In den Reuterkiez zu ziehen, ist im Februar 2008 gar nicht so einfach. In keiner der Internet-Suchmaschinen für Immobilien findet man aktuell ein passables Angebot für eine 2-Zimmer-Mietwohnung bis 600 warm in einer der begehrteren Neuköllner Straßen (Friedel-, Lenau-, Sander-, Bürkner-, Hobrecht-).

So versuchen immer mehr Leute, über Freunde und Bekannte eine Bleibe zu finden: Die Mail des Freundes einer Freundin, der eine Mail von Bekannten weiterleitete liest so: ” Vielleicht wisst ihr ja eine schöne Wohnung für Birthe und Oli in Ufernähe. Die freuen sich über eure Angebote. Danke für die Aufmerksamkeit und sorry, falls ihr sowas als Spam empfindet.”

Ob Birthe und Oli auf die Schnelle fündig werden – schwer zu sagen. Wahrscheinlich müssen sie auf angrenzende Straßen ausweichen. Erste Anzeichen dafür, dass die zwangsläufig populärer werden, gibt es bereits.

Es kann nicht ewig Winter sein…

Es kann nicht ewig Winter sein - Foto: Henning Onken

…diese erfreuliche Erkenntnis ist in Prenzlauer Berg offenbar weit verbreitet. Jemand hat sie unübersehbar groß an eine Wand in der Greifenhagener Straße gepinselt.

Sticker am Frankfurter Tor - Foto: Henning Onken

Im Nachbarbezirk Friedrichshain wähnt man sich schon eine Jahreszeit weiter und ist im Frühling angekommen, zumindest am Frankfurter Tor. Das wird auch Zeit, denn im Baum vor meinem Haus singen schon längst die Vögel. Die haben auch keine Lust mehr auf Nachtfrost.

Fotostrecke: Urban Art aus Berlin

Wir stehen auf Retro

Foto: Anne Grieger

“Berliner haben den Mut, hässlich auszusehen.” Oder wollen dem gängigen Klischee, Deutsche seien wenig modebewusst, etwas entgegensetzen. Schrieb sinngemäß die International Herald Tribune. Das gilt wohl auch für Möbel. Viele haben die Farbe orange wiederentdeckt. Ausrangierte Schul-Aula-Stühle aus den 80ern, die irgendwann aus dem Container gerettet wurden und im Keller zwischenlagerten, sind mittlerweile offenbar sehr begehrt. Was vor ein paar Jahren nur auf dem Flohmarkt angeboten wurde, hat seinen Platz gefunden in kleinen Kiez-Läden in Friedrichshain. In der Grünberger Straße werden gleich alte Wecker und Eieruhren mit angeboten.

Wenn die Eltern kommen, werde sie das Zeug verschwinden lassen, meinte eine Bekannte, die sich schon unbeliebt machte, weil sie einen alten Küchenschrank abgelehnt hatte. Wenige Monate später schleppte ihr Mitbewohner dann einen vom Retro-Laden an – zum Kampfpreis von 400 Euro. Der Schrank sah haargenau so aus, wie der alte der Großeltern, der nach 38 Jahren auf dem Sperrmüll gelandet ist.

Retro-Plattenspieler auf einem Flohmarkt in Kreuzberg - Foto: Henning Onken

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

Zufallsfotos

Kostenlos abonnieren

Unser RSS-Feed enthält alle neuen Artikel. Ihr könnt sie auch bequem als E-Mail abonnieren
www.fensterzumhof.eu gibt es jetzt auch in einer Smartphone-Version

Anzeige

Berliner Streetart

Berlin bei Nacht

Berliner Plakate

Fassaden der Hauptstadt

Berliner Hinterhöfe

Andere Blogs


Wenn Sie auf dieser Seite verbleiben, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen

Diese Website verwendet Cookies, um Anzeigen zu personalisieren. Informationen zu Ihrer Nutzung dieser Webseite werden an Werbepartner weitergegeben. Indem Sie weiter auf dieser Website navigieren, ohne die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers zu ändern, stimmen Sie dieser Verwendung von Cookies zu.

Schließen

Seite 1 von 3123