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Monatsarchiv für September 2007

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Alexa: Der nächste Konsumtempel kommt bestimmt

Baugrube Alexa-Kaufhaus

Ab morgen hat Berlin wieder eine Baugrube weniger und ein Riesen-Einkaufszentrum mehr: Nach den Potsdamer Platz Arkaden, dem Eastgate in Marzahn, dem Schloss in Steglitz und vielen anderen Shopping-Centern der Innenstadtbezirke wird das “Alexa” am Alexanderplatz eröffnet.

Es gibt also mal wieder was zu feiern in Berlin, und tausende Hobby-Shopper werden sich um die Eröffnungs-Angebote kloppen. Das Chaos am Alex – es wird sich noch vergrößern, wenn Käufer ihre frisch erstandene Playstation wieder umtauschen wollen, weil es das Ding bei Saturn gegenüber 20 Euro günstiger gibt.

Was für eine Pracht – dieser schöne Betonklotz. Für den portugiesischen Investor betont das Alexa gar die weibliche Seite des Alexanderplatzes. Berlin, Hauptstadt der Einkaufscenter, wir warten schon auf das Nächste. Diese mit viel Glas, Marmor und oft hunderten von Geschäften Bauten sind interessanter als Kirchen im Mittelalter. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, wozu wir eigentlich so viele davon brauchen? Wer soll das alles kaufen?

Wowereit schneidet im KadeWe eine Torte an

Seit 1993 hat sich die Zahl der Einkaufscenter mit mehr als 10.000 Quadratmetern Einkaufsfläche in Berlin mehr als verdreifacht. Hamburg hat nur 13, in München sind es nur vier. Einzig Berlin hatte schon vor zwei Jahren 32. Und wenn die Mutter aller Hauptstadt-Kaufhallen, das KadeWe Geburtstag hat, kommt der Bürgermeister und schneidet eine riesige Torte an.

Freunde der schönen neuen Shopping-Welt machen geltend, dass wir nicht mehr in die Einkaufsparks auf der grünen Wiese im Umland fahren müssen, um unsere Konsum-Bedürfnisse zu befriedigen. Neue Einkaufszentren in der Innenstadt beleben das Zentrum neu und sind ein Segen für den ganzen Bezirk, so die Theorie.

Dennoch ist fast überall augenfällig, wie isoliert diese Bauten von den Kiezen stehen, in die sie geklotzt wurden. Wachschützer stehen dort oft herum wie Einlasser in eine andere Welt. In der ebenfalls am Alex gelegenen Rathauspassage wird Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” gelesen. Das wirkt wie eine kleine Annäherung an die Umwelt, immerhin…

Update: Kaufrausch um Mitternacht

“Wo spielt hier Tokio Hotel?”, scherzte staunend ein Passant über die Menschenmassen rund um das Alexa. Ab 23 Uhr ging nichts mehr rund um das neue Einkaufszentrum. Der Star hieß Kodak und war eine Digicam, die zur Eröffnung um 0:00 für 60 Euro zu haben war. Die Polizei gab sich alle Mühe, die Horde zu kanalisieren und hatte augenscheinlich mehr zu tun als bei einem Hertha-Spiel. Erstaunlich, was zweiseitige Zeitungsannoncen und Beilagen mit Eröffnungsangeboten bewirken können. Fast fühlte man sich erinnert an eine Szene in George Orwells 1984. Da glaubt der Protagonist bei einem Tumult an den Beginn einer Revolution – doch es war nur ein Run auf günstige Kochtöpfe.

Anscheinend hat es bei dem Sturm auf die Billig-Angebote sogar Verletzte gegeben, als sich die Horde gegen eine der Glastüren presste. Die Geschäftsleitung des Media-Marktes kapitulierte schließlich vor den Massen und vertröstete sie auf später.

Alexa Eröffnung Alexanderplatz

Döner-Alarm: Kreuzberger Fastfood-Alternativen

Das Yellow-Sunshine-Restaurant in der Wiener Straße - Foto: Henning Onken

Das Kreuzburger-Restaurant in der Oranienstraße

Schnell und lecker, aber gesund: Auf der Suche nach Imbissbuden in Berlin hinterlässt die Aufregung um Gammel-Döner, Rinderwahn und Vogelgrippe Spuren. Wo können wir noch guten Gewissens Fastfood essen?

“Zweimal Chickenburger mit Pommes”, ruft Thomas Reichel zwei Gäste heran, dreht sich dann schnell wieder um und bestückt die nächste Bestellung. “Burgermeister” ist quer über seinem Rücken zu lesen. Sind wir in einer der kleinen Frittenbuden gelandet, die der Kiez um den Görlitzer Bahnhof bietet? Nein, wohl eher in einem trendigen Burger-Bistro, könnte man meinen, denn das Yellow Sunshine in der Wiener Straße ist auf sonniges Holzambiente getrimmt.

‘Fleisch-analog-Schiene’ am Görli’

Vor einigen Jahren war hier noch ein Head- und Growshop, der bis zu seiner Pleite Hanf-Liebhabern Tipps zur Bewässerung ihrer Plantagen gab. Was hier heute am besten läuft, sind Burger, Currywürste und Pommes – Junk Food eben, zumindest von außen betrachtet. Alle Gerichte sind vegetarisch, teils sogar vegan, und das Gros der Zutaten hat Bio-Zertifikate.

“Wir sind die Ersten, die das ‘Fleisch-analog-Ding’ richtig durchziehen”, sagt Björn Kruse, der das Bistro gemeinsam mit Reichel gegründet hat. Vom Kochschinken bis zum Käse ist tatsächlich alles vegetarisch und spielt mit dem Fake, wenn Namensbildungen aus der Mac- und Whopper-Welt leicht abgewandelt übernommen werden: “Double-Chicken-Cheese-, Fakin’ Fish- oder Miss-Piggy-Burger” heißen einige der Kreationen, die sich aus allem kombinieren können, was der Garten hergibt. Soweit ganz originell, aber wie schmeckt das Kunden von Burger King? ‘Döner-Alarm: Kreuzberger Fastfood-Alternativen’ weiterlesen

Sonntagsblues oder: Single in Berlin

“Alles kinderverseucht hier”. Katharinas Stimme schallte über den Platz, in einer Lautstärke, die die Mütter auf den Parkbänken zusammenzucken ließ. Sonntag vormittag tummelten sich auf dem Boxi tatsächlich lauter Kinder. Sorgsam Herausgeputzte, die auf Namen wie Anton und Julius hörten. Anarchisten-Kids, die hinter Hunden herjagten. Katharina war zu der Zeit single und hatte nie viel Trara darum gemacht. Keine Verlassene, die schlecht über Ex-Freunde sprach oder in Community-Portalen herumsurfte. Ihre Reaktion auf das Gewusel auf dem Boxhagener Platz irritierte mich daher.

Singles in Berlin – notorische Partygänger und Kinderhasser? In die Jahre gekommene DJs, Nachteulen, die auflegen, während alte Studienkollegen für die Privatschule ihres Nachwuchses sparen? Nahezu jeder zweite Berliner lebt allein, die meisten in Mitte, so das Ergebnis einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung. Die meisten weiblichen Singles wohnen in Charlottenburg-Wilmersdorf, alleinstehende Männer in Friedrichshain-Kreuzberg.
Kein Wunder, dass das nichts werden kann.

Viele Berliner sind Insulaner, die sich in ihren Kiezen sehr wohl fühlen und vielleicht noch Freunde in zwei anderen Bezirken haben. Überschneidungen gibt es also kaum. Die Vorstellung, dass die Charlottenburger Juristin den (gleichaltrigen) Langzeitstudenten aus Kreuzberg in einen Friseursalon auf dem Ku’damm schleift, hat was – ohne Zweifel. Scheint aber mit der Weltrevolution schlecht vereinbar.

Die meisten (aktiv) Suchenden orientieren sich offenbar an ihrer eigenen persönlichen Situation. Der Blick auf den Beruf reicht vielen Mitgliedern von Internet-Kontaktbörsen aus, um aus der Fülle der potentiellen Kandidaten gleich die Hälfte auszusortieren. Kein Abitur – durchgefallen. Unter 1,80 und unsportlich – uninteressant. Partner-Vermittlungen lassen sich ihren Service entsprechend bezahlen. Da überlegt die Studentin dreimal, ob sie wirklich Mitglied wird, oder ob das Geld nicht sinnvoller in einem Zeitungs-Abo angelegt ist. Die meisten Community-Portale funktionieren ohnehin wie Kontaktbörsen: “Werde Mitglied der StudiVZ-Gruppe “Rockt Berlin” und gleich hast du drei Typen an der Angel”, oder so. Klingt nach einem Plan.

Link: Lagerfeuer des Grauens. Ein trauriges Lied über das Single-Leben in Berlin von Rainald Grebe und der Kapelle der Versöhnung.

Die Volkspolizei ist wieder da

Die Volkspolizei ist wieder da - Foto: Henning OnkenOma Kardelke richtet sich an ihrem Gehwagen auf und blickt ungläubig die Straße hinab: “Endlich, die Vopos sind wieder da! Jungs, wo seit ihr denn gewesen, all die Jahre? Warum steht das nicht in der B.Z.?”

Die drei Beamten flanieren gemächlich an dem Altersheim in der Liebigstraße in Friedrichshain vorbei. Senioren, denen nicht viel mehr geblieben ist, als die Erinnerungen an die “gute” Vorwendezeit, sind ihnen schnurz.

Es wird gedreht, wie so oft in Berlin, und die halbe Straße ist mit Caravans zugeparkt: Die Kabelroller rollen, die Lampenhalter rauchen, die Statisten stehen dumm herum und der Cateringservice schenkt Kaffee aus. “Ist nichts hier mit wild Campen”, meckert ein kiezbekannter Querulant. Die Mädels von der Maske kümmern sich nicht drum.

Das Set ist ein paar hundert Meter weiter in einem Hof. Dort entsteht eine Doku über den Mauerfall, die auf Sat1 ausgestrahlt werden soll. Bis Anfang November ist also noch Zeit, wenn das Ding in diesem Jahr abgeschlossen wird. Ich wäre selbst fast in dieses Haus eingezogen und kann bestätigen, dass die Medienleute dort einen exzellent ostigen Fleck gefunden haben, der vielleicht ein bisschen wie Bitterfeld vor der Wende aussieht.

Es gibt da Fassaden mit nur einem einzigen Fenster, nebenan befindet sich eine verrottete Fabrik und in angrenzenden Plattenbauten leben Mieter, die beim Umzug ihre MuFuTis (Multifunktionstische) aus VEB-Produktion auf die Straße räumen. Es passt also, nur eine Mauer gibt es nicht. Jedenfalls keine, an der Grenzbeamte auf Flüchtlinge schießen könnten oder Besucher aus dem Westen argwöhnisch durch Kontrollen lotsen.

Bleibt mir nichts anderes übrig, als das Lied der Volkspolizei anzustimmen, extra für die enttäuschte Oma Kardelke und all ihre Nachbarn im Altersheim:

Wir dienen der Arbeiterklasse,
Dem Volk, das so fleißig sich müht,
Daß endlich für immer die Erde
Vom Unheil befreit voll erblüht.

In Straßen und Betrieben,
Auf Schienen und am Kai,
Beseelt vom Friedenswillen,
Geführt von der Partei.

Beauftragt, das Leben zu schützen,
Für Recht und Gesetz da zu sein,
Stehen wir jederzeit für die Heimat,
Für Ordnung und Sicherheit ein.
In Straßen . . . .

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Stille Tage im Klischee | Freundlich im Sinkflug

Manche Wochenenden funktionieren wie eine lange Wellness-Kur. Man fühlt sich danach jung, bzw. meint, dass es in der Jugend so gewesen sein muß wie an diesen Tagen. Also lange und unverschämt schnell mit dem Leihwagen über Autobahnen fahren, irgendwo in Neufünfland im Gasthof zum großen, goldenen M einzukehren um dann die Band für einen 90 Minuten-Auftritt am Club abzusetzen. Am nächsten Tag wieder zurück und relativ tot in die Schlafstatt.

Das dazwischen war wieder einmal eines meiner typischen Berlin-Erlebnisse. Ein Club, den ich bisher nur aus dem de:bug-Dates-Newsletter (kurzgefasst: E-Mail-basierter Terminkalender von Berliner DJs für Berliner DJs) kannte und der sich als originäre Sperrmüllhalde entpuppte, aber dafür mit mächtigem Sound. Immerhin. Die Veranstalter nett und organisiert (eine angenehme Ausnahme) und fast ausschließlich Gäste aus der alten Heimat (nein, nicht Reutlingen). So war der Abend dann auch zu einer zivilen Zeit vorbei, was ich mit steigendem Alter und kurz vor der Grube immer häufiger begrüße. ‘Stille Tage im Klischee | Freundlich im Sinkflug’ weiterlesen

Hartz-IV-Unterricht an Berliner Schulen?

foto_anne_grieger.jpg

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben und so weiter… Der Lehrer, ein hagerer weißhaariger Altphilologe, der Rothändle rauchte und ständig entzündete Augen hatte, wurde nicht müde, diesen Spruch Woche für Woche wiederholen zu lassen. Einen Bezug zum Leben konnten wir in dem Stoff, den er vermittelte, damals nicht sehen. Egal.

Etwas fürs Leben lernen bedeutet für viele Berliner Schüler, sich für eine unsichere Zukunft wappnen zu müssen. Ohne Sinnsprüche. 37 Prozent der Berliner Kinder sind laut einer neueren Studie des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) mittlerweile bedürftig, Armut, die sich sich in den meisten Fällen selbst reproduziert, so Soziologen. Schwierige Familienverhältnisse, kaum Perspektiven auf den Besuch einer weiterführenden Schule, fehlende Ausbildungsplätze und das Gefühl, dass ohnehin niemand Anforderungen stellt – für viele Jugendliche längst Realität.

Anleitung zum Armsein

Lehrer tun also gut daran, ihren Schützlingen ein realistisches Bild über ihre Chancen nach dem Ende der Schulzeit zu vermitteln. Über eine Zukunft, die für viele der über 15-Jährigen ein Leben von 267 Euro im Monat bedeutet, sofern sie noch in einer Bedarfsgemeinschaft leben, die sie nicht mitfinanzieren kann. An einer Bochumer Förderschule wird daher seit einiger Zeit Hartz IV-Unterricht erteilt: Wie viele Quadratmeter darf die Wohnung haben, wenn man doch dafür kämpft, zu Hause ausziehen zu können, wie hoch dürfen die Nebenkosten sein? Wie geht man plötzlich mit ganz viel freier Zeit um, wenn der Schulalltag wegfällt?

Diese Anleitung für das Leben in Armut – ein neues pädagogisches Konzept, das auf paradoxe Reaktionen setzt? Das eine Rebellion gegen die Hoffnungslosigkeit provozieren will, die nicht nur an der Schule gepredigt wird? ‘Hartz-IV-Unterricht an Berliner Schulen?’ weiterlesen

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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