Archive for Juni 9th, 2007

Heiligendamm und das Gewissen

“Und, wie fandet ihr es in Heiligendamm?”, fragte Paule, ein in die Jahre gekommener Aktivist. Schweigen. “Ihr wart also nicht da und wollt auch nichts darüber schreiben.” Der vorwurfsvolle Unterton war nicht zu überhören. Nein, ich bin nicht dorthin gefahren, das Familienfest war wichtiger.

Auch sonst wäre ich in Berlin geblieben. Wie viele, die andere Sorgen haben. “Ich komm mir so unpolitisch vor”, meinte Nele, die gerade ihre Dissertation abgegeben und nun beim Jobcenter vorgesprochen hat. Ähnlich las sich die E-Mail einer anderen SCI-Freundin, Eva, die seit kurzem wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Ulm ist. Sie musste ein Denktraining für Hochbegabte durchführen: “Blöderweise denk ich immer, dass ich die Welt retten muss und dass es irgendwie nicht richtig ist, nur Akademikerkinder so zu fördern, die 180 Euro für den Kurs mal eben so übrig haben. Aber darüber kann ich ernsthaft nur langfristig nachdenken.”

Foto: Anne Grieger

“Chancengerechtigkeit”, “Langfristigkeit” oder auch “Nachhaltigkeit” - das scheint es zu sein. Alles zentrale Themen der Anti G8-Proteste, die auch Leute, die gerade weniger aktiv sind, durchaus beschäftigen. Nach Heiligendamm zu fahren und dann trotzdem H+M T-Shirts made in Vietnam kaufen, oder grünen Spargel bei Lidl für einen (!) Euro, finde ich eher problematisch. Auch solche Leute soll es geben. Dennoch: durch die Proteste wurden viele daran erinnert, dass sie mal die Vision einer “anderen Welt” hatten.

Zur Beruhigung meines eigenen Gewissens war ich mit dem Freund im Kino: in einem globalisierungskritischen Film über die Folgen der Privatisierung ehemals staatlicher Wirtschaftsbereiche. Ein Film, der wichtige Fragen aufwirft, dessen Titel ich aber wieder vergessen habe; wahrscheinlich weil er doch eher engagiertes Meinungskino, als eine Dokumentation war.

Echt jetzt, kein Scheinschlag

Box für Umsonst Zeitungen

Diese Geschichte beginnt in einem Waschsalon und endet mit einem kleinen Tod: Uwe war von Beruf Schmied und schlug sich um die Gunst einer Frau, nachts in der Boxhagener Straße. Der andere zog ein Messer, doch für Uwe endete der Abend glimpflich in einer Ausnüchterungszelle. Sonderbar, dachte ich, das passierte in derselben Straße, in der seit 20 Minuten meine Socken rotierten, nur ein halbes Jahrhundert früher.

Jedenfalls lernte ich durch diese Kolumne den Scheinschlag kennen, eine kostenlose Monatszeitung, die seit dem Trubel der Wendezeit kiezig, oft eher von unten, mit wechselnden Autoren aus den Innenstadtbezirken berichtet: Was tun, wenn der Hausbesitzer eine Sanierung plant? oder: Was macht die aktuelle Ausstellung von Kerstin Koletzki mit Bildern von Berliner Hinterhöfen so sehenswert?

Doch damit soll jetzt Schluss sein: “In seiner jetzigen Art ist der Scheinschlag leider nicht mehr finanzierbar”, daher werde es im Sommer eine vorerst letzte Ausgabe geben, heißt es in einer Erklärung. Eine Meldung, die ich am liebsten über Springers Bild gehört hätte. Oder über diese Umsonstblätter, die zwar aussehen wie Zeitungen, aber in den Texten zwischen der Werbung nur noch mehr Reklame machen. Umsonst ist nur der Tod, schlaumeiert mein Nachbar, ein gestandener Gewerkschafter.

Doch gemach, die Scheinschläger planen einen Relaunch.. und sind auf der Suche nach finanzieller Unterstützung.

Homepage: Scheinschlag



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